Nach der Flutkatastrophe mit Tausenden von Toten verlangt Nepal Entschädigung von Industrieländern. Diese hätten die Erderwärmung verursacht. In Wahrheit soll der Verweis auf den Klimawandel vom eigenen Versagen ablenken. Diese Strategie ist leider kein Einzelfall.

Von Peter Panther

Ende August ereignete sich in Nepal eine der schlimmsten Naturkatastrophen der jüngeren Vergangenheit. Ein gewaltiger Abbruch von Eis und Gestein im Himalaya löste eine Schlammlawine aus, die durch die Täler schoss und ganze Siedlungen mitriss. Über 1400 Tote sind bestätigt, mehr als 5000 Menschen werden noch vermisst.

Schnell stand auch der vermeintliche Schuldige fest: der Klimawandel. Steigende Temperaturen hätten den Permafrost zurückgedrängt und die Gebirgsflanken destabilisiert, lautet die Erklärung. Die nepalesische Regierung fordert nun unter dem Titel «Klimagerechtigkeit» Entschädigungszahlungen von Industrieländern. Denn Nepal trage kaum zur Erderwärmung bei, müsse aber für deren Folgen büssen.

Es mag zwar sein, dass die Erwärmung Gletscher und Permafrost im Himalaya destabilisiert. Doch damit ist noch lange nicht erklärt, warum so viele Menschen ums Leben gekommen sind. Denn inzwischen wird deutlich, wie mangelhaft Nepal vorbereitet war.

Es wurde gebaut, wo man nicht bauen sollte

Die Pegelmessstellen waren hauptsächlich auf Hochwasser durch den Monsun ausgelegt. Die Sturzflut zerstörte mehrere Messstationen, bevor diese das Ausmass der Gefahr erfassen und weiterleiten konnten. Dabei war dasselbe Gebiet bereits 2025 von einer schweren Sturzflut betroffen gewesen, die 11 Tote und 18 Vermisste zur Folge hatte. Trotzdem blieben entscheidende Lücken in der Katastrophenvorsorge bestehen.

Nicht zuletzt war das Budget der zuständigen hydrologischen Behörde innerhalb von drei Jahren um mehr als die Hälfte gekürzt worden. Gleichzeitig funktionierte der  Informationsaustausch mit China, wo das Unglück seinen Anfang nahm, ungenügend. Nepal hatte noch im Mai um mehr Echtzeitdaten über Gletscherbewegungen und Wasserstände gebeten. Ein entsprechendes Warnsystem existierte beim Unglück aber nicht.

Hinzu kommt, dass in Nepal immer mehr Häuser und Infrastrukturen in gefährdeten Flusstälern entstanden sind. «Ein grosser Teil der Bebauung befindet sich entlang der Flüsse, wo eigentlich nicht gebaut werden sollte», hielt der amerikanische Gebirgsgeograf Alton C. Byers fest. Es hat also massgeblich mit menschlichem Versagen zu tun, dass aus dem Naturereignis eine Katastrophe dieses Ausmasses wurde.

Auch im Ahrtal wurde reflexartig auf den Klimawandel verwiesen

Der Klimawandel als Generalausrede, die vor dem eigenen Versagen ablenken soll: Das ist nicht neu. Man erinnere sich an die Flutkatastrophe im deutschen Ahrtal im Juli 2021. Allein in Rheinland-Pfalz kamen 136 Menschen ums Leben. Auch damals warnten die herbeigeeilten Spitzenpolitiker reflexartig vor der Erderwärmung. «Wir müssen alles tun gegen den Klimawandel», erklärte der damalige nordrhein-westfälische Ministerpräsident und CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet. «Es ist eine Katastrophe, die menschengemacht ist.»

Erst nach und nach kam die Wahrheit ans Licht: Auch im Ahrtal trug die untaugliche Katastrophenvorsorge dazu bei, dass so viele Menschen sterben mussten. Warnungen erreichten Menschen zu spät oder gar nicht, Verantwortlichkeiten waren unklar und Kommunikationswege scheiterten. Gleichzeitig wiesen Wissenschaftler nach, dass es vergleichbare Fluten auch in früheren Jahrhunderten schon gegeben hatte.

Das Erklärungsmuster ist Jahrzehnte alt

Schon beim Elbehochwasser 2002 mit 21 Todesopfern in Deutschland wurde die Katastrophe politisch eng mit der Erderwärmung verbunden. Der damalige Umweltminister Jürgen Trittin erklärte später, extreme Wetterlagen hätten sich «aufgrund der globalen Erwärmung gehäuft». Auch damals gab es aber erhebliche Defizite bei den Katastrophenwarnungen.

Dass sich hier vergleichsweise einfach Abhilfe schaffen lässt, zeigte das Hochwasser von 2013: Damals verhinderten verbesserte Deiche und mobile Schutzanlagen vielerorts Schäden. Es gab auch weniger Todesopfer, obwohl das Ereignis 2013 hydrologisch sogar stärker als jenes von 2002 war.

Auch im Ausland wird schnell auf den Klimawandel verwiesen, um die Auswirkungen einer Katastrophe zu erklären. Man denke an das verheerende Ereignis in der libyschen Stadt Derna 2023. Wegen Starkregen brachen zwei Staudämme, Tausende Menschen starben. Der Generalsekretär der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften bezeichnete das Ereignis als «Weckruf für die Welt» angesichts wachsender Flutrisiken durch den Klimawandel. Tatsächlich waren die Dämme seit Jahren vernachlässigt worden. Erst ihr Bruch machte aus dem Starkregen eine katastrophale Flutwelle.

Ähnlich war es 2024 im spanischen Valencia. Nach der Flut mit mehr als 200 Toten erklärte Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez: «Der Klimawandel tötet.» Die Erderwärmung habe «gerade zum Tod von mehr als 220 meiner Landsleute beigetragen». Doch der Wetterdienst hatte bereits am Morgen des Ereignisses die höchste Warnstufe ausgerufen. Die Warnung an die Bevölkerung erfolgte vielerorts erst, als die Fluten bereits unterwegs waren.

Merz: «Schauen Sie sich das genau an, was hier passiert ist»

Auch beim Waldbrand im nordrhein-westfälischen Hürtgenwald im August dieses Jahres war die Brandursache noch ungeklärt, als Bundeskanzler Friedrich Merz erklärte: «Das ist Klimawandel.» Er fügte hinzu: «Ich will allen Leugnern des Klimawandels sagen: Schauen Sie sich das genau an, was hier passiert ist.»

Die Pointe dabei: Im Hürtgenwald ist eine Fläche von 222 Hektaren für Windenergie vorgesehen. Ausgerechnet der Ausbau der erneuerbaren Energien im Namen des Klimaschutzes könnte also dazu führen, dass Teile des Waldes durch Windräder verunstaltet werden.

Fazit: Dass aus einem Naturereignis keine Katastrophe wird, hängt meist entscheidend davon ab, ob Warnungen funktionieren, Schutzbauten unterhalten wurden und Behörden rechtzeitig gehandelt haben. Der Einfluss des Klimawandels auf solche Ereignisse ist hingegen – wenn überhaupt – von untergeordneter Bedeutung.

 

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