Charles Rotter

Eine neue Studie mit dem Titel „A recent stabilization in the lengthening of the Arctic sea ice melt season into a highly variable regime“ (Eine jüngste Stabilisierung der Verlängerung der arktischen Meereisschmelzsaison hin zu einem stark variablen Regime) des NASA Goddard Space Flight Center und der University of Maryland, veröffentlicht in „Communications Earth & Environment“ berichtet, dass sich die arktische Meereis-Schmelzsaison seit etwa 2010 nicht mehr weiter verlängert hat. In den vierzehn Jahren von 2010 bis 2023 hat sie sich sogar leicht verkürzt.

Aus der Zusammenfassung:

Seit 2010 hat sich die Dauer der Schmelzsaison jedoch stabilisiert (~ 108 Tage) und zeigt über die Jahre hinweg keine konsistente Veränderung, sondern ist stattdessen sehr variabel geworden (+/− 11 Tage), was größtenteils auf den Verlust von mehrjährigem Eis in den Jahren 2000–2009 und eine geringfügige Veränderung des Beginns der Frostperiode (~ 2 Tage) zurückzuführen ist. Es besteht ein deutlicher Unterschied zwischen den Jahrzehnten: Die größten Veränderungen der Schmelzsaison traten zwischen 2000 und 2009 (+ 25 Tage) auf, die geringsten zwischen 2010 und 2023 (−2 Tage). – https://doi.org/10.1038/s43247-026-03534-8

Hier ist die entsprechende Grafik, allerdings mit einem Rechtschreibfehler:

Abbildung 1: „Seaon’s Greetings“. Abb. 3b aus Boisvert et al. 2026. Trendlinien werden nur für Jahrzehnte mit statistisch signifikanten Trends eingezeichnet. Rechtschreibfehler im Titel in der Originalquelle.

Die Schmelzsaison verlängerte sich von 1979 bis 2023 um etwa 40 Tage, wobei der größte Teil dieser Verlängerung auf ein einziges Jahrzehnt entfiel, nämlich 2000–2009 (blaue Linie). Die violetten 2010er-Jahre schwanken hin und her und führen zu keinem Ergebnis. Es gibt keine Trendlinie für diesen Zeitraum, weil kein Trend vorliegt. In Tabelle 1 der Studie wird der Zeitraum 2010–2023 als „Stabilisierungsphase“ bezeichnet.

Hier ist der nächste Satz aus der Zusammenfassung:

Dies lässt uns vermuten, dass es zwar eine gewisse die dekadischen Schwankungen der Dauer der Schmelzsaison steuernde Periodizität in den Prozessen geben mag, dass jedoch anthropogene Einflüsse den Hintergrundzustand der Arktis verändert und zu einer neuen arktischen Schmelzsaison geführt haben, die wesentlich länger ist und durch eine deutlich dünnere Eisdecke gekennzeichnet ist, die anfälliger für externe Einflüsse ist. – https://doi.org/10.1038/s43247-026-03534-8

„Lässt uns vermuten.“ Nichts in der Arbeit überprüft anthropogene Einflüsse. Es gibt keine Modellläufe, keine Attributionsanalyse, keinen Datensatz zu den Einflussfaktoren. Wenn die Autoren nach den Ursachen für die Veränderungen suchen, stoßen sie auf Wolken:

Zwischen 2000 und 2009 kam es zu einem starken Anstieg der Netto-Kurzwellenstrahlung (SW) (+ 12,6 W/m²) und damit auch der SEB (+ 10 W/m²), bedingt durch eine abnehmende Oberflächenalbedo (−0,022 %) und eine geringere Bewölkung (−2,3 %). Im Zeitraum 2010–2023 führten eine Zunahme der Bewölkung (+ 7,2 %) und nur minimale Veränderungen der Albedo (0,011 %) zu einem Netto-Rückgang der SW (−3,14 W/m²) und der sommerlichen SEB (−2 W/m²). – https://doi.org/10.1038/s43247-026-03534-8

Und was bewegte die Wolken:

Der deutliche Rückgang der Wolkendecke in der Tschuktschensee, der Beaufortsee und im Kanadischen Archipel (westliche Becken) bei gleichzeitig zunehmender Wolkendecke in der Barentssee (und anderen östlichen Becken) reflektiert einen positiven AD im Zeitraum 2000–2009 (Abb. 7h). – https://doi.org/10.1038/s43247-026-03534-8

Dies steht in krassem Gegensatz zu einer deutlich zunehmenden Wolkendecke in der Tschuktschen- und Beaufortsee, im Kanadischen Archipel, in der Zentralarktis und in der östlichen Grönlandsee (westliche Becken) im Zeitraum 2010–2023 bei gleichzeitig abnehmender Wolkendecke über der Barentssee, der Karasee und der östlichen Sibirischen See (östliche Becken) (Abb. 7l), was einem negativen AD entspricht. – https://doi.org/10.1038/s43247-026-03534-8

Abbildung 2: Entwicklung der sommerlichen Bewölkung. Grün steht für weniger Bewölkung, Rosa für mehr. Abb. 7d, h, l aus Boisvert et al. 2026

AD steht für den Arktischen Dipol, eine Druckverteilung, die Teil der natürlichen Zirkulation in der Arktis ist. Vergleichen Sie die mittlere Karte mit der rechten. Der gleiche Abschnitt der westlichen Arktis zeigt eine Verringerung der Bewölung in den Jahren 2000–2009 auf und eine Wolkenzunahme in den Jahren 2010–2023. Ein positiver Dipol ließ während des Jahrzehnts der raschen Verlängerung mehr Sonneneinstrahlung zu, und ein negativer Dipol brachte die Wolken zurück. Die an der Oberfläche ankommende Energie entwickelte sich entsprechend:

Abbildung 3: Entwicklung der sommerlichen Nettoenergie an der Oberfläche. Rot steht für einen Anstieg, Blau für einen Rückgang.

Schraffuren kennzeichnen signifikante Trends. Abb. 6a, e, i aus Boisvert et al. 2026. Nur wenige kleine Bereiche sind dort als signifikant schraffiert, und sie werden zahlenmäßig von den blau schraffierten Bereichen an anderen Stellen der gleichen Graphik übertroffen.
Gleiches galt für das Eis:

Im Zeitraum 2010–2023 ist hingegen ein allgemeiner Rückgang der ROC der täglich in das System eintretenden Netto-SEB-Energie zu verzeichnen (−1,26 W/m²), was über die 14 Jahre zu einem Eiszuwachs von bis zu 7 cm führen könnte. Tatsächlich deuten CryoSat-2-Beobachtungen darauf hin, dass es in diesem Jahrzehnt im Oktober/November Gebiete mit einer leichten Verdickung des Eises gab (durchschnittlicher Anstieg der SIT im Oktober/November bei CryoSat-2 um 3,3 cm im Vergleich zum historischen Durchschnitt (2011–2021)) – https://doi.org/10.1038/s43247-026-03534-8

Der Stillstand wird also als interne Variabilität gewertet, und die vorangegangene Verlängerung als durch den Menschen verursachte Veränderung des Hintergrundzustands. Die durch den Dipol verursachten Wolkenbewegungen erklären in der Analyse der Studie beide Jahrzehnte, doch nur das frühere wird als anthropogen eingestuft.

Die Studie schließt mit dem einzigen Punkt, bei dem sie eine gegenläufige Tendenz feststellen konnte, und die Autoren räumen im gleichen Atemzug den allgemeinen Rückgang ein:

Trotz des allgemeinen Rückgangs der Netto-JJAS-SEB im Zeitraum 2010–2023 ist in Teilen der Zentralarktis, wo sich das verbleibende MYI befindet, ein deutlicher Anstieg der sommerlichen Netto-JJAS-SEB zu verzeichnen (Abb. 6i). Zwischen 2010 und 2023 hat das Meereis in der Zentralarktis jährlich etwa +0,5 W/m² mehr Energie aufgenommen (~ 7 W/m² insgesamt). Diese Energie könnte bis zum Ende des Erfassungszeitraums ~18,4 cm mehr Eis schmelzen lassen, wodurch das MYI-SIT in diesem Gebiet erheblich dünner und schwächer würde (Abb. S3l). Angesichts dieses Energieanstiegs könnte diese zusätzliche Netto-SEB-Energie im JJAS 6 % des dicksten Meereises nördlich von Grönland schmelzen, das im Durchschnitt etwa 3 m dick ist. Entscheidend ist: Sollte sich dieser Trend fortsetzen und das winterliche Nachwachsen übersteigen, könnte das MYI so dünn werden, dass es in Zukunft anfällig für ein vollständiges Abschmelzen ist, was im Sommer zu einer eisfreien Arktis führen würde. – https://doi.org/10.1038/s43247-026-03534-8

Das ist Graphik i der obigen Energiegraphiken. Im Norden Grönlands ist das Orange blass und lückenhaft und weist kaum die Schraffur auf, die einen signifikanten Trend kennzeichnet. Daraus und aus der Annahme „Wenn sich dieser Trend fortsetzt“ leiten sie einen eisfreien Sommer ab.

Die Einleitung leistet ihren Beitrag, noch bevor der Leser zu den Daten gelangt. Sie thematisiert die Erwärmung der Arktis, die fast viermal so schnell voranschreitet wie die globale Erwärmung, die für die 2030er bis 2060er Jahre prognostizierten eisfreien Sommer, stärkere Meereswellen, Küstenerosion, die Fortpflanzung von Robben und die Bejagung durch Eisbären sowie den Jetstream. Die Studie befasst sich mit nichts davon. Das Wort „unabdingbar“ taucht dreimal auf.

Dann ist da noch das Korrekturlesen. Der Artikel wurde im Mai 2025 eingereicht und im April 2026 angenommen, und niemand hat Folgendes bemerkt: In der Zusammenfassung und in Tabelle 1 wird die stabilisierte Schmelzsaison mit etwa 108 Tagen angegeben. Im Abschnitt „Ergebnisse“ heißt es:

Im letzten Jahrzehnt führten jedoch der spätere Beginn der Schmelze sowie die große interannuelle Variabilität sowohl beim Beginn der Schmelze als auch beim Beginn des Frosts zu einer Stabilisierung der arktischen Schmelzsaison auf durchschnittlich etwa 120 Tage. – https://doi.org/10.1038/s43247-026-03534-8

In der Zusammenfassung werden die Albedoänderungen mit −0,022 % und 0,011 % angegeben. Die in der Abhandlung selbst enthaltenen Albedokarten in Abb. 6 sind in Anteilen pro Jahr angegeben, wodurch die Angabe in der Zusammenfassung um den Faktor 100 abweicht. Die Standardabweichung soll auf „10,6 Tage im Zeitraum 2010–2013“ gestiegen sein. Die Titelgrafik trägt den Titel „Dauer der Schmelzsaison“. In Tabelle 1 wird der Arktische Ozean als die Regionen 9–13 und 15 definiert, Tabelle 2 verwendet die Regionen 9–15 ohne 14, und im Abschnitt „Verfahren“ heißt es:

Der in dieser Studie definierte Bereich des Arktischen Ozeans umfasst die in Abb. 1a definierten Regionen 2–15. – https://doi.org/10.1038/s43247-026-03534-8

All dies ändert nichts am Ergebnis, aber in einer Zusammenfassung für die Presse sollten die Zahlen schon korrekt angegeben werden.

Wenn weniger Wolken im Rahmen eines positiven arktischen Dipols die Verlängerung in den 2000er Jahren verursacht haben, wo kommt dann der anthropogene Antrieb ins Spiel?

Warum ist die Stagnation von 2010 bis 2023 eine interne Variabilität, während der Anstieg von 2000 bis 2009 einen neuen Hintergrundzustand darstellt?

Wenn die Energie im Sommer über dem Arktischen Ozean abgenommen hat, warum endet die Arbeit dann mit dem einen Gebiet, in dem sie zugenommen hat?

Und beträgt die stabilisierte Schmelzsaison 108 Tage oder 120 Tage?

Zitate und Abbildungen aus Boisvert et al. 2026, https://doi.org/10.1038/s43247-026-03534-8, verwendet unter CC BY 4.0(http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/). Die Abbildungen wurden aus den Originalen übernommen.

Link: https://wattsupwiththat.com/2026/10/13/believe-it-or-not-nasa-study-finds-the-arctic-melt-season-stopped-lengthening-in-2010/

Übersetzt von Christian Freuer für das EIKE

 

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