Charles Rotter

Die Schlagzeilenmacher waren sehr fleißig. Ein Blick auf die Klimapresse des vergangenen Monats zeigt ohne eine bestimmte Reihenfolge [alle Schlagzeilen übersetzt]:

„Atmosphärischer Alarmzustand: Der Super-El-Niño von 2026 entwickelt sich derzeit zu einer rekordverdächtigen Intensität“ (Severe Weather Europe)

„Der Godzilla‘-El-Niño kommt: Diese Ausprägung hat die Welt noch nie zuvor gesehen“ (Open Magazine)

„Wie eine monströse Hitzewelle im Ozean einen Super-El-Niño anfachen könnte“ (Bulletin of the Atomic Scientists)

„‚Super-El-Niño droht, während La Niña vor dem Höhepunkt der Hurrikansaison 2026 nachlässt“ (Daily Caller)

„Der El Niño von 2026 entwickelt sich ungewöhnlich schnell und könnte mit dem stärksten jemals gemessenen mithalten“ (Down to Earth)

„Ein seltener Super-El-Niño wird immer wahrscheinlicher. Das ist zu erwarten“ (Fortune)

Der aktuelle Zustand des äquatorialen Pazifiks ist nach Angaben derjenigen, deren Aufgabe es ist, den äquatorialen Pazifik zu überwachen, ENSO-neutral. Dies ist die offizielle Einschätzung des NOAA Climate Prediction Center gemäß der jüngsten ENSO-Diagnosediskussion. Die Anomalien der Meerestemperatur liegen stellenweise über dem Durchschnitt, doch das gekoppelte Ozean-Atmosphäre-System hat noch nicht umgeschlagen. Der El-Niño-Alarm ist in Kraft. Die nächste monatliche Diskussion ist für morgen, den 11. Juni, angesetzt und könnte die Zahlen verändern – oder auch nicht.

Zwischen den tatsächlichen neutralen Bedingungen im Pazifik und den Schlagzeilen von Godzilla-Ausmaßen ebendort besteht eine Diskrepanz, die einer näheren Betrachtung bedarf.

Eine kurze Chronik des „Klima-Godzilla“

Die Namensgebung für starke El-Niño-Ereignisse folgt den Inflationsgesetzen einer schlecht verwalteten Währung. Wir begannen mit „El Niño“, dem meteorologischen Namen. Dann kam „starker El Niño“ für die größeren Ereignisse. Dann „sehr starker El Niño“. Dann „Super-El Niño“. Dann, für kurze Zeit, „Bruce Lee El Niño“, geprägt von einigen Medien Mitte der 2010er Jahre, bevor der Begriff aus Gründen, die man sich vorstellen kann, stillschweigend wieder in den Ruhestand geschickt wurde. Im Jahr 2015 kamen wir dann bei „Godzilla El Niño“ an, einem Begriff, der einem NASA-Wissenschaftler zugeschrieben wird, von jedem Medienunternehmen auf der Welt aufgegriffen und auf das Ereignis von 2015–16 angewendet worden war.

Der Godzilla von 2015–16 sollte episch werden. Der Pazifik erwärmte sich stark. Die Schlagzeilen taten, was Schlagzeilen eben tun. Kalifornien, das sich damals mitten in einer vierjährigen Dürre befand, wurde Erleichterung versprochen, die in Form von Winterregen biblischen Ausmaßes kommen sollte, und man sagte dem Land auch, dass dies die neue Normalität sei, dass der El Niño die Erleichterung sei und dass diese Erleichterung zudem katastrophal sein würde. Das war das Genre.

Was danach geschah, ist der Erinnerung wert. Das Ereignis von 2015/16 erreichte nach den traditionellen Messungen des Oceanic Niño Index nahezu Rekordwerte, führte zu einer moderaten atmosphärischen Kopplung, hatte in Kalifornien nur geringe Auswirkungen (etwas Regen, nicht genug, um die Dürre zu beenden) und trug zu einem Rekord-Wärmejahr bei, das in den Langzeitaufzeichnungen nicht vom bestehenden Erwärmungstrend zu unterscheiden war. Im Juni 2016 erklärte Mike Halpert von der NOAA Godzilla offiziell für tot: Es ist nichts mehr übrig. Steckt eine Gabel rein, es ist vorbei.

Das war Godzilla 1, oder Godzilla 3, wenn man das Ereignis von 1997–98 als Godzilla 0 und das von 1982–83 als Proto-Godzilla zählt. Die Reihe wurde regelmäßig neu aufgelegt. Wir sind jetzt bei Godzilla 2026 angelangt, der derzeit für den Kinostart vorbereitet wird.

Was die NOAA tatsächlich sagt

Die aktuelle ENSO-Diagnosediskussion ist hilfreich, um die meteorologischen Fakten von den Medienberichten zu unterscheiden. Die Diskussion vom Mai 2026 bestätigt, dass ein El Niño wahrscheinlich eintreten wird: mit einer Wahrscheinlichkeit von 82 % im Zeitraum Mai bis Juli und von 96 % für den Winter von Dezember 2026 bis Februar 2027. Dieser Teil findet sich in fast jedem Pressebericht.

Was in fast keinem der Presseberichte steht, ist der nächste Absatz. Die NOAA stellt fest, dass die Zuversicht hinsichtlich des Auftretens von El Niño gestiegen ist, fügt jedoch einen Satz hinzu, den die Presse lesen sollte:

Es besteht nach wie vor erhebliche Unsicherheit hinsichtlich der maximalen Stärke von El Niño, wobei keine Stärkeeinstufung eine Wahrscheinlichkeit von mehr als 37 % aufweist.

Lesen Sie das noch einmal, denn die Presse hat es nicht getan. Die NOAA sagt: Wir sind ziemlich sicher, dass sich ein gewisser El Niño entwickeln wird. Wir sind uns jedoch nicht sicher, wie stark er ausfallen wird. Keine Stärke-Kategorie – weder schwach, noch mäßig, noch stark, noch sehr stark – hat eine Wahrscheinlichkeit von mehr als 37 %. Das ist keine Vorhersage für einen Godzilla. Das ist eine Vorhersage, die besagt: „Wir werden ein El Niño-Phänomen haben, und wir werden euch sagen, wie stark es ist, sobald wir es wissen.“

Das Climate Prediction Center merkt zudem trocken an, dass stärkere El-Niño-Ereignisse keine starken Auswirkungen garantieren. Sie sorgen lediglich für die Bedingungen, unter denen starke Auswirkungen entstehen können. Ob die Atmosphäre tatsächlich so mit der warmen Anomalie in Wechselwirkung tritt, dass sich echte Wetterauswirkungen in den nachgelagerten Regionen ergeben, hängt von einer Reihe separater sommerlicher Dynamik ab, die sich noch nicht entfaltet hat. Der „Godzilla“ von 2015–16 erreichte einen fast rekordverdächtigen Höchstwert bei der Meerestemperatur-Anomalie, führte aber zu einer atmosphärischen Kopplung, die rückblickend betrachtet durchschnittlich war.

Die Frühjahrs-Hürde der Vorhersagbarkeit

Es gibt einen triftigen Grund, warum all dies unsicherer ist, als die Schlagzeilen mit ihren Prozentangaben vermuten lassen. Man nennt dies die „Frühjahrs-Vorhersagebarriere“. ENSO-Prognosen, die im späten Frühjahr erstellt werden, weisen systematisch größere Fehler auf als Prognosen, die im Spätsommer oder Herbst erstellt werden. Diese Barriere spiegelt die saisonale Dynamik des äquatorialen Pazifiks wider, der zwischen etwa April und Juni chaotischer ist als zu anderen Jahreszeiten.*

*Einschub des Übersetzers: Aus der Sicht eines Prognostikers mit über 40 Jahren Berufserfahrung ist dies ein höchst interessanter Absatz. Die „Frühjahrs-Vorhersagebarriere“ gab und gibt es nämlich sehr ausgeprägt auch bei uns. Während meiner gesamten Laufbahn war immer wieder auffällig, wie ungenau die Modellsimulationen des Wetters im Frühjahr im Vergleich zu anderen Jahreszeiten war. Aber auch schon vor dem Aufkommenden numerischer Modelle war dieser Effekt zu beobachten: Am Meteorologischen Institut der Freien Universität Berlin wurde seit den 1950er Jahren eine Eintreff-Statistik der Wetterprognose geführt. Der regelrechte Einbruch der Prognosegüte im Frühjahr war auch damals schon deutlich erkennbar.

Über die Ursachen dieses Phänomens kann man nur spekulieren. Ins Gespräch gebracht wurde die Umkehrung des Temperaturgefälles zwischen Festland und Ozean im Frühjahr gebracht. Diese gibt es umgekehrt aber auch im Herbst, ohne dass ein solcher Einbruch der Vorhersagegüte auftrat. – Ende Einschub

Der Höhepunkt des sich entwickelnden El Niño wird im aktuellen Prognosezyklus voraussichtlich erst im November oder Dezember erreicht. Eine verlässliche Prognose für diesen Höhepunkt wird erst im Spätsommer vorliegen. Die „Godzilla“-Schlagzeilen, die im Mai und Anfang Juni zu lesen sind, bewegen sich im ungünstigsten Teil des Vorhersagefensters. Michelle L’Heureux, die das CPC-ENSO-Team leitet, hat darauf in fast jeder der jüngsten Prognoseaktualisierungen hingewiesen. Die Schlagzeilen haben dies jedoch nicht aufgegriffen.

Die stille Herabstufung des Relativen ONI

Noch ein weiterer Aspekt, den die Presse bisher völlig außer Acht gelassen hat. Im Februar 2026 stellte die NOAA offiziell auf den Relative Oceanic Niño Index (RONI) als primären Maßstab für Anomalien im tropischen Pazifik um. Der RONI berechnet die Anomalie des Niño-3.4-Index im Verhältnis zum tropischen Mittelwert und nicht im Vergleich zu einer festen historischen Basislinie.

Diese Änderung ist von Bedeutung. Der gesamte tropische Ozean hat sich ebenso wie der Rest des Planeten erwärmt. Vergleicht man Niño 3.4 mit einer festen Referenzperiode von 1991 bis 2020, ergibt sich eine größere Abweichung als beim Vergleich mit einer ebenfalls erwärmten tropischen Referenzperiode. Die relative Abweichung ist es, die tatsächlich die Kopplung mit der Atmosphäre und die daraus resultierenden Wetterauswirkungen antreibt. Die feste Abweichung ist die Schlagzeilenzahl, die es einem Autor ermöglicht, von „der höchsten jemals gemessenen Temperatur“ zu sprechen.

Durch die Umstellung auf RONI hat die NOAA stillschweigend die scheinbare Stärke der jüngsten El-Niño-Ereignisse im Vergleich zu den Zahlen mit fester Basislinie heruntergestuft, die Journalisten nach wie vor verwenden. Die in der Presse genannten ONI-Werte über 3 sind die Anomalien nach alter Methode mit fester Basislinie. Die relativen Anomalien, auf die die Meteorologie tatsächlich reagiert, sind geringer. Fast niemand außerhalb der Behörde hat seine Artikel aktualisiert.

Aufbauschende Adjektive

Der Vollständigkeit halber sei angemerkt, dass die Liste der Begriffe, mit denen die Klimapresse den noch nicht ganz eingetretenen El Niño von 2026 in diesem Jahr bisher beschrieben hat, Folgendes umfasst:

Super. Mega. Monster. Godzilla. Code Red. Looming. Historic. Record-breaking. Unprecedented. Rapid-fire. Catastrophic. Dangerous. Cataclysmic. Apocalyptic. Devastating. Dramatic. Atmospheric. Coming. Imminent. Building. Brewing. Threatening.

Diese Liste ist absichtlich unübersetzt gelassen! A. d. Übers.

Der Artikel in „Down to Earth“ geht noch einen Schritt weiter und vergleicht das für 2026 prognostizierte El-Niño-Ereignis mit dem Superereignis von 1876–78, wobei er hilfreich anmerkt, dass das Ereignis von 1876 „einer der Hauptgründe für eine weltweite Hungersnot war, der rund 50 Millionen Menschen zum Opfer fielen“. Dies ist die Art von Vergleich, die eine Prognose in den richtigen Kontext stellt. Der Kontext ist, dass ein Subsistenz-Agrarsystem der viktorianischen Ära ohne moderne Bewässerung, Transportmöglichkeiten, Kühltechnik, Wettervorhersagen oder internationale Lebensmittelmärkte mit extremen Wetterbedingungen zu kämpfen hatte. Die Schlussfolgerung für das Jahr 2026, in dem all diese Dinge vorhanden sind, bleibt dem Leser überlassen.

Bis Godzilla 2030 werden wir neue Adjektive brauchen. Darf ich vorschlagen: Hyper-Saiyan-El-Niño. El-Niño-Endform. El-Niño-Director’s-Cut-Erweiterte-Ausgabe. Das Multiversum von El Niño. El-Niño-Endspiel. El-Niño-Beginn.

The Daily Caller informierte seine Leser diese Woche, dass dem La-Niña-Muster „die Puste ausgeht“, was ein Terminus ist, das der AP Style Guide nicht kennt, aber wahrscheinlich kennen sollte. La Niña schwindet. La Niña verblasst. La Niña geht sanft in jene gute Nacht. Der Pazifik wurde zu einem Haushaltsgerät vermenschlicht. Uns geht es als Zivilisation ganz gut.

Worum es wirklich geht

Es wird wahrscheinlich zu einem El Niño kommen. Er wird sich wahrscheinlich in den nächsten Monaten entwickeln. Er wird wahrscheinlich Ende 2026 oder Anfang 2027 seinen Höhepunkt erreichen. Er könnte stark ausfallen. Er könnte moderat ausfallen. Er könnte im Sande verlaufen. Die NOAA, also die Behörde, welche die offizielle Vorhersage erstellt, hat keine Stärke-Kategorie mit einer Wahrscheinlichkeit von über 37 % angegeben. Die Presse berichtet vor allem von der rund 30-prozentigen Wahrscheinlichkeit, dass es ein beispielloses Ereignis wird, während sie die rund 60-prozentige Wahrscheinlichkeit verschweigt, dass es unauffällig verlaufen wird.

Der „Godzilla“ von 2015–16 sollte beispiellos sein. Er führte zu einer überdurchschnittlich starken Saison, keinem Zusammenbruch der Zivilisation und einem Ende der Reihe, die etwa drei Jahre dauerte, bevor es zum nächsten Neustart kam. Das Ereignis von 1997–98 davor verlief ähnlich. Der Medienzyklus war bei beiden identisch mit dem, den wir jetzt erleben: Die Schlagzeilen führten mit den Worst-Case-Szenarien, die tatsächlichen Ereignisse waren bemerkenswert, aber beherrschbar, und der nächste Zyklus begann, als sich der Pazifik das nächste Mal erwärmte.

Ich bin froh, wenn ich mich irre und sich 2026–27 als der schlimmste El Niño aller Zeiten herausstellt. Die ehrliche Antwort lautet, dass es noch niemand weiß, und die Leute, die am besten darüber Bescheid wissen, sagen das auch ganz offen. Die NOAA selbst spricht von 37 %. Die Presse verkauft 90 %.

„Godzilla 2026“ läuft gerade in den Kinos. Im November werden wir sehen, ob die Filmreihe eine weitere Fortsetzung gebraucht hat.

Link: https://wattsupwiththat.com/2026/06/10/here-comes-the-super-mega-ultimate-hyper-giga-godzilla-el-nino/

Übersetzt von Christian Freuer für das EIKE

 

image_pdfBeitrag als PDF speichernimage_printBeitrag drucken