Richard Lindzen lehrte Atmosphärenphysik an den besten Universitäten der Welt, war jahrelang Mitautor der massgebenden Uno-Berichte zum Klimawandel. Heute warnt er: Die Politisierung habe die Forschung um 50 bis 100 Jahre zurückgeworfen. Das meiste sei reine Panikmache, um ein Billionengeschäft am Leben zu erhalten.
Richard Lindzen, 86, war bis zu seiner Emeritierung 2013 Professor für Atmosphärenphysik am Massachusetts Institute of Technology (MIT), lehrte davor in Harvard und gehört zu den meistzitierten Klimaforschern der Welt – und zu den umstrittensten. Lindzen war selbst über Jahre als Autor an IPCC-Berichten beteiligt, bevor er zu einem der profiliertesten Kritiker des Uno-Klimagremiums wurde. Sein Vorwurf: Die Klimaforschung sei zu einem politischen Geschäftsmodell verkommen, bei dem Billionen von Dollar verteilt würden – und bei dem jeder, der widerspreche, seine Karriere aufs Spiel setze.
Weltwoche: Herr Lindzen, die Schweiz erlebt eine Hitzewelle. Die Regierung rät älteren Menschen, zu Hause zu bleiben, die Medien schlagen Alarm. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie solche Nachrichten hören?
Richard Lindzen: Ich finde das ein wenig lächerlich, aber das ist ein globales Muster. «If it bleeds, it leads», Medien suchen den Alarm, überall. Dabei sind die Menschen heute gesünder und vertragen Hitze wie Kälte besser als früher. Als ich als Kind in der Bronx aufwuchs, hatten wir jeden Sommer mehrere Hurrikane. Würde das heute passieren, geriete man in Panik. Nichts davon ist aussergewöhnlich.
Weltwoche: Trotzdem verschwinden die ganz grossen Klimaalarm-Schlagzeilen immer mehr von den Frontseiten – warum?
Lindzen: Man findet zwar immer noch etwas für die Titelseite, aber es wird seltener wirklich ernst genommen. Das eigentliche Problem: Hier werden Billionen von Dollar verteilt, und Politiker lieben das. Der Grund ist simpel. Wer Billionen verteilt, sorgt dafür, dass jemand davon profitiert. Für ein, zwei Prozent der Politiker ist das kein Problem, sondern die Grundlage ihrer Wahlkampffinanzierung. Es ist im Grunde ein eigenes Ökosystem geworden.
Weltwoche: Ist die vielbeschworene Klimakrise ein reines Konstrukt? Oder schlummert sie gerade im Stillen?
Lindzen: Der Satiriker Henry L. Mencken hat es vor dem Zweiten Weltkrieg auf den Punkt gebracht: Eine der verlässlichsten Konstanten der Politik ist, die Öffentlichkeit dauerhaft in Alarmbereitschaft zu halten, indem man ihr mit einer endlosen Reihe von Schreckgespenstern droht – die meisten davon sind rein imaginär.
Weltwoche: Sie wirken erstaunlich entspannt. Warum sind Sie überzeugt, dass die Gefahr des menschengemachten Klimawandels masslos übertrieben wird?
Lindzen: Interessante Frage. Hier haben wir eine Hypothese, die physikalisch keinen rechten Sinn ergibt – und man fragt sich, was einem passiert, wenn man nicht mitmacht. Wer sich diesem Thema verweigert, riskiert im Zweifel die eigene Karriere, selbst in einer ganz anderen Disziplin. Ich beschäftige mich seit vielen Jahren damit und bin für die Einschätzung bekanntgeworden, dass die Wissenschaft, wie sie dargestellt wird, schlicht falsch ist. Sie geht auf frühe Arbeiten von Karl Schwarzschild im frühen 20. Jahrhundert zurück, der erklären wollte, warum sich das Klima verschiedener Weltregionen unterscheidet. Der Treibhauseffekt spielt dabei zwar eine gewisse Rolle, ist für die tatsächlichen grossen Klimaveränderungen der Erde – etwa Eiszeiten – aber weitgehend irrelevant. Diese haben nichts mit den Tropen zu tun, dem einzigen Bereich, den der Treibhauseffekt direkt betrifft. Sie hängen vielmehr mit der Temperaturdifferenz zwischen Tropen und Polen zusammen, welche die Zirkulationsmechanismen der Atmosphäre steuert.
Weltwoche: Das Argument «97 Prozent aller Wissenschaftler sind sich einig» ist trotzdem allgegenwärtig.
Lindzen: Das ist bequem, weil die breite Öffentlichkeit von Wissenschaft und Mathematik wenig versteht. Man sagt ihr: Alle Wissenschaftler sind sich einig – das verleiht Gewicht, hat aber mit Verständnis nichts zu tun. Dabei ist die Klimaforschung ein sehr kleines Feld. In den achtziger Jahren gab es in den USA vielleicht ein halbes Dutzend Institute, die überhaupt in diesem Bereich forschten, allen voran das Geophysical Fluid Dynamics Laboratory in Princeton. Niemand dort teilte die heutigen Alarmnarrative. Wenn ich Leute frage, die von «Tausenden weltweit führenden Klimaforschern» sprechen, ob sie im Studium viele Kommilitonen kannten, die Klimawissenschaft studierten, erinnert sich niemand an auch nur einen einzigen. Das ist keine etablierte Disziplin mit Tausenden Experten, das ist ein Konstrukt.
Weltwoche: Wo sehen Sie Parallelen zwischen unsinnigen Theorien und der Klimahysterie?
Lindzen: Ich habe diese vor Jahren mit der Eugenik-Bewegung verglichen. In den zwanziger Jahren erklärten renommierte amerikanische Wissenschaftler, Einwanderer aus Süd- und Osteuropa seien weniger intelligent als Nordeuropäer und dürften daher nicht mehr einreisen. Alle etablierten Fachgesellschaften stützten diesen Unsinn – und legitimierten damit 1924 den Immigration Restriction Act, der später vielen vor den Nazis fliehenden Juden die Einreise in die USA verwehrte. Wenn eine falsche wissenschaftliche Erzählung von der gesamten akademischen Klasse abgesegnet wird, kann sie verheerende, tödliche Folgen haben. Genau dieses Muster sehe ich beim Klimathema wieder.
Weltwoche: Was ist für Sie der grosse Elefant im Raum, über den in der Klimaforschung niemand spricht?
Lindzen: Man zeigt eine Grafik, die eine Erwärmung von einem halben Grad ausweist, und erklärt das zur Apokalypse. Vergleichen Sie das aber mit dem Temperaturunterschied zwischen 9 und 10 Uhr in Ihrem eigenen Garten – der ist oft grösser. Geraten Sie deswegen jeden Morgen in Hysterie? Die Weltorganisation für Meteorologie definiert Klimawandel offiziell als Veränderung über einen Zeitraum von mindestens dreissig Jahren. Wetterereignisse von einem Tag auf den anderen haben damit gar nichts zu tun – trotzdem werden beide ständig vermischt, um Dringlichkeit zu erzeugen.
Weltwoche: Wie würden Sie Klimawandel definieren?
Lindzen: Ganz einfach: als Veränderung über mindestens dreissig Jahre. Aber innerhalb dieses Rahmens passiert enorm viel – von Meereszirkulationen wie El Niño über Zeiträume von vier, fünf Jahren bis zu Eiszeitzyklen über Jahrtausende, verursacht etwa durch Änderungen der Erdumlaufbahn. All das hat mit CO2 nichts zu tun. Selbst bei den grossen Rekonstruktionen der Erdgeschichte zeigt sich ein aufschlussreiches Muster: Bei der letzten Eiszeit vor 18.000 Jahren war die Erde insgesamt kälter, die Tropen aber wärmer als angenommen. Bei der Warmzeit des Eozäns vor 50 Millionen Jahren war es umgekehrt: Erde insgesamt wärmer, Tropen kühler. Beide Befunde passten den Alarmisten nicht ins Bild – und wurden entsprechend nachträglich «korrigiert». Das ist schlechte Wissenschaft, aber leider nicht das erste Mal.
Weltwoche: Was sind die Folgen von schlechter Wissenschaft für die Gesellschaft?
Lindzen: Ich weiss nicht genau, wie es im übrigen Europa aussieht, aber was Deutschland betrifft, ist es klar: Deutschland betreibt meines Erachtens eine Form von Selbstzerstörung. Man zerstört die eigene Industrie, schaltet Kohle- und Atomkraftwerke ab und importiert gleichzeitig in grosser Zahl Menschen – ich weiss ehrlich nicht, was dort vor sich geht, aber es ist offensichtlich schädlich. Historisch erinnert mich das an die «Deutsche Physik» der Nationalsozialisten, die moderne Physik als «jüdische Wissenschaft» verunglimpften – auch damals steckte hinter vorgeblich wissenschaftlichen Urteilen reine Ideologie. Als Angela Merkel Hans Joachim Schellnhuber zu ihrem Berater machte und ihm mit dem Potsdam-Institut ein eigenes Klimainstitut einrichtete, hat sich diese Dynamik in Deutschland institutionalisiert.
Weltwoche: Sie waren Mitautor des Weltklimarats IPCC, bevor Sie zu dessen prominentestem Kritiker wurden. Wie war das damals?
Lindzen: In den ersten zehn, fünfzehn Jahren war ich als Spezialist für physikalische Prozesse dabei, die Teilnahme wurde von den Regierungen finanziert und gerne gesehen. Es gab durchaus ernsthafte Debatten unter den beteiligten Wissenschaftlern – mein damaliger Sektionsleiter Kevin Trenberth fand zum Beispiel, ich ginge mit meiner Kritik zu weit. Aber der wissenschaftliche Teil des Berichts war, bei aller Uneinigkeit, noch einigermassen nachvollziehbar. Das eigentliche Problem ist die separate «Zusammenfassung für Politiker»: Sie wird von einem Gremium erstellt, dem auch Regierungsvertreter angehören, und liegt meist schon Monate vor der Veröffentlichung fest – bevor die Wissenschaftler, die den zugrundeliegenden Bericht verfasst haben, überhaupt Gelegenheit zur Stellungnahme erhalten. Das ist kein normales Verfahren. Politikern wird dann geraten, nicht den tausend Seiten starken Bericht zu lesen, sondern nur diese Zusammenfassung – die den Bericht keineswegs korrekt wiedergibt. Am Ende dieser Kette stehen Pressemitteilungen, die alles auf plakative Formeln zuspitzen.
Weltwoche: Sie unterscheiden in einem Ihrer Beiträge drei Gruppen: Wissenschaftler, die das eine behaupten, solche, die das Gegenteil sagen – und eine dritte Gruppe aus Journalisten, Medien und Politikern. Ist Letztere die gefährlichste?
Lindzen: Im Kern ja, auch wenn ich nicht genau weiss, woher dieser Reflex kommt. In den USA, glaube ich, nimmt die breite Bevölkerung das Thema ohnehin nicht sonderlich ernst. In Frankreich oder Kanada sind zwar Bauern zu Protesten in die Hauptstädte marschiert, gleichzeitig engagiert sich die politische Führung dort besonders stark dafür. Ob das die öffentliche Meinung widerspiegelt oder sie lenken soll, lässt sich oft nicht auseinanderhalten.
Weltwoche: Wer profitiert Ihrer Ansicht nach am meisten von der CO2-Erzählung?
Lindzen: Sehr viele. Wenn Billionen Dollar im Umlauf sind, greift praktisch jeder zu – Politiker, Journalisten, NGOs, Unternehmen, die sich auf dieses Geschäft spezialisiert haben. Jeder findet seine Methode, wie er davon profitiert.
Weltwoche: Reto Knutti von der ETH Zürich, ebenfalls IPCC-Autor, warnt in den Medien regelmässig vor Hitzewellen, der ungebremsten Klimaerwärmung. Wo irren Kollegen wie er?
Lindzen: Er kann sagen, was er will – es gibt Orte, an denen der Ozean kälter wird, und Orte, an denen er wärmer wird. Man kann sich die passenden Beispiele aussuchen, das ist keine seriöse Wissenschaft. Solche Leute reiten auf der gegenwärtigen Popularität des Themas. Wenn man jemanden immer wieder auftreten lässt, wird er bekannt – und daraus entsteht wiederum Förderung. Ich erinnere mich an den damaligen MIT-Präsidenten Rafael Reif, der sich Sorgen machte, man könnte das Institut meinetwegen angreifen, weil es über eine Million Dollar pro Jahr an klimabezogenen Fördergeldern erhielt.
Weltwoche: Sind die Klimamodelle, auf denen die Politik beruht, solide Wissenschaft?
Lindzen: Nein. Die Politik richtet sich nicht wirklich nach validierten Modellen, sondern die Modelle werden an die gewünschten politischen Ergebnisse angepasst. Ein befreundeter Forscher am Geophysical Fluid Dynamics Laboratory in Princeton wurde einmal gefragt, ob sein Modell auch eine geringere Erwärmung liefern könne – seine Antwort war sinngemäss: Wir liefern, was man will. Es gibt keinerlei belastbare Nachweise, dass diese Modelle tatsächlich funktionieren; selbst die numerische Wettervorhersage über drei Tage liegt oft daneben. Die Vorstellung, ein Modell könne die Welt in hundert Jahren korrekt abbilden, beruht auf Glauben, nicht auf wissenschaftlicher Erkenntnis.
Weltwoche: Nehmen Extremwetterereignisse wie Hurrikane tatsächlich zu?
Lindzen: Dafür gibt es keine Belege. Der Physiker Steven Koonin beschreibt das in seinem Buch «Unsettled» sehr genau: Er hat Anhörungen mit Vertretern beider Seiten organisiert, und dabei war schnell klar, dass an diesen Behauptungen wenig dran ist.
Weltwoche: Kann sich ein junger Wissenschaftler heute noch gegen diese Erzählung stellen und trotzdem Karriere machen?
Lindzen: Nein, das ist unmöglich. Schon 1988, ganz am Anfang, rief mich jemand von der National Science Foundation an und sagte mir unverblümt, ich würde Fördermittel verlieren, wenn ich meine Position nicht änderte. Das war sehr wirksam, um Leute unter Druck zu setzen. Die American Meteorological Society entliess zweimal Herausgeber, weil sie Artikel von mir veröffentlicht hatten, und der Nachfolger rief sogar öffentlich zu Gegenartikeln auf. Am MIT selbst bestand der damalige Präsident Rafael Reif darauf, dass Kollegen einen Brief unterschreiben, in dem sie sich von mir distanzierten. Ich hatte Glück: Als Theoretiker brauchte ich kein Labor, kein Forschungsschiff, nur Mittel für Doktoranden – das liess sich auch mit wenig Förderung stemmen. Ich bin 2013 emeritiert und habe bis heute mein Büro. Aber kein junger Forscher könnte sich das heute leisten.
Weltwoche: Was muss geschehen, damit die Wissenschaft zu Ergebnisoffenheit zurückfindet?
Lindzen: Ich kenne die Antwort nicht. Vermutlich werden vernünftige junge Leute dieses Feld einfach meiden – wir haben das Fachgebiet vergiftet, und das bleibt wohl noch eine Weile so. Ich habe öfter gesagt: Diese Politisierung hat die Klimaforschung um fünfzig bis hundert Jahre zurückgeworfen. Das ist bitter, denn es bleibt ein kleines Feld, kleiner, als die Öffentlichkeit denkt – die eigentliche Fluiddynamik, auf der die Modelle beruhen, ist so unsicher wie einst die Turbulenzprobleme des Physikers Werner Heisenberg. Schon die Wettervorhersage für die nächsten drei Tage ist oft falsch.
Weltwoche: Präsident Trump ist erneut aus dem Pariser Klimaabkommen ausgestiegen. Ist das eine gute oder eine schlechte Nachricht?
Lindzen: Sie kennen die Antwort schon, sonst würden Sie nicht fragen – eine gute Nachricht. Das Pariser Abkommen ist ungefähr so klug wie der Glaube an eine flache Erde.
Weltwoche: Was kostet diese falsche Klimaerzählung die Gesellschaft?
Lindzen: Eine genaue Zahl kann ich nicht nennen, aber sie ist ein wesentlicher Treiber der Inflation. Sie verteuert Energie für Millionen Menschen weltweit – und ist damit indirekt für den Tod von vermutlich Millionen Menschen mitverantwortlich, weil sich viele bezahlbare Energie nicht mehr leisten können. Das allein ist schon schrecklich. Insgesamt geht es dabei nicht um Millionen oder Milliarden, sondern um Billionen von Dollar: Allein Bidens letztes Budget, «Build Back Better», sah rund 9 Billionen Dollar für klimabezogene Massnahmen vor.
Weltwoche: Was müsste passieren, damit der Wind dreht – weg vom «97 Prozent der Wissenschaftler sagen . . . »?
Lindzen: Ich fürchte, es dauert länger, als ich früher dachte. Am Ende ist es simpel: Ohne Geld verschwindet die Bewegung. Solange Billionen verteilt werden, findet jeder einen Grund, mitzumachen. Zugleich zeigt die Realität ihre eigene Logik: Gerade jetzt gibt es diesen kleinen Krieg zwischen den USA und dem Iran, bei dem es unter anderem um den Öltransport durch die Strasse von Hormus geht. Das zeigt: Wir leben weiterhin in einer fossilen Wirtschaft, ganz ohne grosse Debatte, sobald es wirklich zählt. Über Klima kann jeder reden, wie er will – im entscheidenden Moment will jeder Öl.
Weltwoche: Zum Schluss: Warum wird die Zukunft besser sein als die Gegenwart?
Lindzen: Ich glaube, dass sich am Ende die Wahrheit durchsetzt – und dass Menschen wütend werden, wenn sie merken, dass man sie getäuscht hat. Es gibt Propagandatechniken, die gezielt auf Hysterie statt auf Vernunft setzen, das ist eine reale Gefahr. Aber die moderne Gesellschaft hat von der industriellen Revolution enorm profitiert: Wir leben länger, gesünder und wohlhabender als je zuvor. Es gibt heute eine Bewegung, die diesen Fortschritt rückgängig machen möchte – ich glaube, die Menschen werden am Ende erkennen, was sie an diesem Wohlstand haben, und sich davon nicht abbringen lassen.
Das Video-Interview mit Richard Lindzen finden Sie auf weltwoche.ch
Der Beitrag erschien zuerst bei Weltwoche hier, mit ausdrücklicher Genehmigung















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