Der Weltklimarat hat Finanzprobleme: Es fehlen durch den Ausfall der US-Zahlungen seit 2026 rund 1,7 Millionen US-Dollar jährlich. Die noch von der Ampel-Koalition, also von SPD, Grünen und FDP, genährte Erwartung, dass Deutschland diese Finanzlücke umgehend schließen wird, hat sich nicht erfüllt: Deutschlands Beiträge für den IPCC-Trust Fonds für 2026 und 2027 liegen weiterhin bei schätzungsweise rund 500.000 Euro.
Und: Bei der letzten IPCC-Plenarsitzung im Oktober 2026 ist es den Teilnehmern weder gelungen, sich auf einen Termin für die Fertigstellung des nächsten Klima-Sachstandsberichtes (AR7) zu einigen noch die Haushalte für 2026 und 2027 zu beschließen. Der aus drei Teilen bestehende AR7 sollte als abschließender Synthesebericht eigentlich bis Mitte 2028 vorliegen, jetzt verlangen Indien, Saudi-Arabien, Russland, China, der Iran, Algerien und Argentinien eine spätere Veröffentlichung, frühestens im Jahr 2029.
Der AR7 sollte eigentlich rechtzeitig vor dem 33. Weltklimagipfel der UN (COP33) fertiggestellt sein, der im November 2028 stattfinden soll. Bei dieser Konferenz werden die weltweiten Klimaschutzmaßnahmen der vorhergehenden fünf Jahre den neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen gegenübergestellt, die dafür in Form des siebten IPCC-Sachstandsberichtes vorliegen müssten. Das Ergebnis der COP33-Konferenz führt zu der bindenden Verpflichtung für alle Staaten, ihre nationalen Klimaziele anzupassen. Der Hauptzweck dieses zweiwöchigen COP33-Gipfels im November 2028 ist also die rechtliche Verpflichtung zu verstärkten Klimaschutzmaßnahmen.
Der IPCC ist halb Wissenschaft, halb Politik. Er ist eine Institution der UN mit Sitz in Genf und der Aufgabe, die Erkenntnisse der Klimawissenschaft aus der ganzen Welt zusammenzufassen. Die Mitgliedstaaten entsenden Regierungsvertreter zu den Sitzungen und stellen die Wissenschaftler für die Erstellung der Klimaberichte.
Unterschiedliches Interesse der Mitgliedstaaten
Deshalb sind die Verhandlungen um die Formulierungen in der „Zusammenfassung für Politiker“ jedes IPCC-Sachstandsberichtes immer ein zähes diplomatisches Ringen, bei dem jeder Staat in erster Linie seine eigenen nationalen, wirtschaftlichen und existenziellen Interessen vertritt. Es sitzen Vertreter aus 195 Ländern – von Saudi-Arabien bis hin zu den „Kleinen Inselstaaten“ – an einem Tisch und müssen diesen zusammenfassenden Bericht des IPCC einstimmig verabschieden. Warum tun all diese Länder sich das überhaupt an? Sie machen sich die Mühe nur deswegen, weil das Mitmachen für jedes Land einen ganz spezifischen, strategischen Vorteil hat, denn: Sämtliche Länder haben ein Vetorecht bei jeder kleinsten Formulierung.
Kleinere Länder mit wenig Industrie, Forschung oder Rohstoffen erwarten sich Existenzsicherung und Finanztransfers. Wenn im IPCC-Bericht schwarz auf weiß steht, dass ihr Staatsgebiet bei zwei Grad Erderwärmung unbewohnbar wird, ist das ein Argument, um moralischen und rechtlichen Druck aufzubauen, um Schadensersatz und Anpassungsgelder von den Industrieländern einzufordern.
Länder, die vorwiegend vom Handel mit fossilen Rohstoffen leben oder diese weiter für ihre Industrie einsetzen wollen, sorgen mit ihrer Teilnahme dafür, dass Formulierungen zur Abkehr von fossilen Energien möglichst vage bleiben.
Westliche Industrieländer wollen mit den IPCC-Berichten eine wissenschaftliche Grundlage für die Beobachtung und Beurteilung des menschengemachten Klimawandels und die daraus resultierende Gesetzgebung schaffen. Bestes Beispiel ist der Green Deal, das Klimaschutz- und Wirtschaftsprogramm der EU, der besagt, dass Europa bis zum Jahr 2050 der erste klimaneutrale Kontinent sein soll.
Und so endete die 65. Plenarsitzung des Weltklimarats in Addis Abeba am 16. Oktober 2026 mit einem Streit und wurde ohne eine Einigung auf einen verbindlichen Zeitplan für den nächsten großen Sachstandsbericht (AR7) abgebrochen. Der Streit entbrannte um die Frage, ob der siebte Sachstandsbericht – wie vom IPCC geplant – im Jahr 2028 oder erst später veröffentlicht werden soll. Der IPCC wollte die Zusammenfassung der neuesten Erkenntnisse der weltweiten Klimaforschung rechtzeitig vor der anstehenden UN-Klimabilanz 2028 fertigstellen. Liegt bis dahin kein aktueller IPCC-Bericht mit drängenden und alarmierenden Fakten vor, fehlt der UN die wissenschaftliche Grundlage, um Druck auf die Länder auszuüben. Indien, Saudi-Arabien, Russland, China, der Iran, Algerien und Argentinien drängen auf eine Veröffentlichung frühestens im Jahr 2029. Sie fordern mehr wissenschaftliche Gründlichkeit und mehr Entwicklungsspielraum für die eigene Energiepolitik, die tatsächlichen Beweggründe sind strategischer und wirtschaftspolitischer Art: Erscheint der AR7 erst 2029 oder später, verschiebt sich die Auseinandersetzung mit dieser Thematik nach hinten.
Der IPCC hat ein Kernbudget und einen viel größeren Finanzbedarf im Hintergrund
Theoretisch tragen alle 195 Mitgliedstaaten durch freiwillige Zahlungen in den IPCC Treuhandfonds (IPCC Trust Fund) zur Finanzierung der Arbeit des IPCC bei. Allerdings haben nur etwa 20 Prozent der Mitgliedstaaten jemals finanzielle Beiträge geleistet. Größere Geldgeber – außer den USA und Deutschland – waren bisher Großbritannien, Frankreich, Japan, Australien, Kanada, die Niederlande, Norwegen, Schweden, die Schweiz, Südkorea, Italien und die Europäische Union (EU).
Das IPCC-Sekretariat meldete im Herbst 2026, dass die tatsächlich eingehenden freiwilligen Einzahlungen derzeit bei etwa 3,5 Millionen Schweizer Franken pro Jahr liegen. Und das ausgerechnet jetzt, wo die Arbeit am 7. Berichtszyklus auf Hochtouren läuft. Dafür sei mindestens ein Not-Bedarf von 5,8 Millionen Franken pro Jahr notwendig, heißt es vom IPCC.
Mit diesem „Kernbudget“ werden Reisen von Experten aus Entwicklungsländern, Übersetzungen, Publikationen, Plenarsitzungen und Konferenzen sowie das Sekretariat in Genf finanziert. Der IPCC verbraucht daher derzeit seine Bargeldrücklagen, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. Um Geld zu sparen, steht die Streichung von Übersetzungskosten, der Verzicht auf gedruckte Berichte, ein Einstellungsstopp für Personal sowie das Verlegen von Forschertreffen in den virtuellen Raum zur Diskussion. Das geplante Wunsch-Budget des Weltklimarats wäre weitaus höher: Es beläuft sich für die Jahre 2026 und 2027 auf jeweils 12 Millionen Schweizer Franken, was etwa 14,7 Millionen US-Dollar oder knapp 13,5 Millionen Euro entspricht. Dieser hohe Betrag sei notwendig, um den gerade in Arbeit befindlichen siebten Klima-Sachstandsbericht (AR7) in gewohnt hoher Qualität zu produzieren.
Selbstverständlich ist der Finanzbedarf des IPCC viel größer als dieses „Kernbudget“ (mehr dazu hier), denn die Mitgliedsländer finanzieren Geschäftsstellen mit den Technical Support Units, von wo aus die gesamte Arbeit der IPCC-Arbeitsgruppen organisiert wird, das weltweite IPCC-Datenverteilungszentrum – ein internationales Verbundsystem mit Schwerpunkt in Deutschland, USA, Spanien und Großbritannien – oder richten die mehrtägigen IPCC-Plenarsitzungen aus. In Deutschland finanzieren das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) sowie das Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMUKN) die deutsche IPCC-Koordinierungsstelle. Diese kostet schätzungsweise einen Betrag im mittleren bis oberen sechsstelligen Bereich. Der größte Teil des deutschen Geldes fließt direkt in die IPCC-Infrastruktur: Gehälter für Wissenschaftsmanager, Server und Rechenzentren, Büros und Betriebskosten, Gestaltung der Berichte und Reisekosten. Das Forschungsministerium finanziert den deutschen koordinierenden IPCC-Leitautoren auch wissenschaftliche Assistenten, um deren Arbeitslast bei der Erstellung der Berichte zu senken.
Die globale Umverteilung kommt ins Stottern
Der größte unsichtbare Kostenfaktor ist jedoch die wissenschaftliche Forschung an sich. Der IPCC selbst vergibt zwar keine Gelder für Forschungsaufträge, sondern bewertet bereits veröffentlichte, peer-reviewte Literatur, aber die Forschungsprogramme orientieren sich an Wissenslücken und Themen, die in den Berichten des IPCC genannt werden. Die Regierungen fördern gezielt Themen, die für zukünftige IPCC-Berichte relevant sind. Eine genaue Zahl, wie viele Themen ausschließlich für den IPCC generiert werden, gibt es nicht, aber schätzungsweise handelt es sich um mehrere hundert Einzelprojekte in den letzten zehn Jahren. Die Grundlagenforschung zur Klimaentwicklung, z.B. an Universitäten und Helmholtz-/Leibniz-Instituten, wird breit gefördert und später in den IPCC-Berichten zitiert. Die Forschung dient also wissenschaftlichen und politischen Zwecken, wobei der IPCC mit seinen Berichten und Empfehlungen die Forschungsschwerpunkte setzt.
Ursprünglich sollte der sogenannte „Weltklimarat“ (IPCC) eine unabhängige Einschätzung zum Stand der Klimaforschung liefern. Aus einer ursprünglich guten Idee wurde ein politischer Akteur zur Förderung klimapolitischer Ziele und globaler Umverteilung. Die verschiedenen Mitgliedsländer haben inzwischen gelernt, wie sie von den hier entstandenen Strukturen profitieren können und bilden drei große Blöcke, die sehr unterschiedliche Interessen haben.
Die EU-Mitgliedstaaten wie Deutschland, Frankreich, die Niederlande, Luxemburg sowie die skandinavischen Länder, Großbritannien und die Schweiz wollen den Bericht unbedingt rechtzeitig im Jahr 2028 vorliegen haben, um noch strengere Klimaziele festlegen zu können und den globalen Transformationsdruck hochzuhalten.
Die kleinen Inselstaaten (AOSIS) wie Tuvalu, die Malediven, Antigua und Barbuda wollen alarmierende Nachrichten über Meeresspiegelanstieg und irreversible Schäden schwarz auf weiß vorliegen haben, um bei der globalen Bestandsaufnahme 2028 finanzielle Schadensersatzzahlungen und Anpassungsgelder rechtlich einzufordern.
Indien, Saudi-Arabien, Russland, China, aktiv unterstützt von dem Iran, Algerien und Argentinien, haben einen verbindlichen Zeitplan für den 7. Sachstandsbericht (AR7) verhindert. Russland, Saudi-Arabien, der Iran und Algerien leben vom Export und Verkauf von Öl, Gas und Kohle. China und Indien wiederum bauen ihr industrielles Wachstum zu einem großen Teil auf fossile Energie auf. Beide Gruppen haben kein Interesse an verschärften globalen Ausstiegsfristen für fossile Energien und kurzfristigen Emissionssenkungen.
Man darf gespannt sein, in welche Richtung der Weltklimarat in Zukunft unterwegs ist.
Der Beitrag erschien zuerst bei ACHGUT hier
















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