Bild rechts: Wie nennt man so etwas, wenn nicht Brandung? Vorschläge bitte! Bild: Gerhard Giebener  / pixelio.de
Tatsächlich muss man in der Geschichte weit zurückgehen, genauer bis etwa in die zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts und ins National Hurricane Center in Miami, Florida. Dort war man für die Warnungen vor Hurrikanen im tropischen Atlantik und der Karibik zuständig (übrigens bis heute). Die Schifffahrt befand sich damals sehr im Aufwind, und die Warnung vor Hurrikanen war für die Kapitäne und ihre Schiffe überlebenswichtig. Gab es mehrere Hurrikane gleichzeitig, gab es leicht Verwechslungen, denn natürlich gibt es auf See keine Städte, die man namentlich erwähnen konnte. Anstatt also umständlich jeweils Länge und Breite des betreffenden Sturmes anzugeben war man auf die Idee gekommen, eben die Stürme mit Namen zu versehen. Es war keine Frage, dafür weibliche Namen zu wählen – und zwar dem Vernehmen nach deswegen, weil man den Kapitänen wenigstens eine kleine angenehme Assoziation in Bezug auf diese Stürme übermitteln wollte, die ihnen ja sonst sehr viel Probleme bereiteten.
So weit, so gut. Jetzt müssen wir eine Orts- und Zeitsprung machen, und zwar zum Institut für Meteorologie der Freien Universität Berlin. Dieses wurde Ende der vierziger Jahre gegründet. Erster Leiter des neuen Instituts war Prof. Dr. Richard Scherhag. Im Jahre 1951 begann man dann mit der Anfertigung regelmäßiger Wetterkarten.
Sie enthielt auch eine tägliche „Übersicht“, in der u. A. Verhalten und Eigenschaften von Hoch- und Tiefdruckgebieten beschrieben wurden und werden, die für Mitteleuropa Bedeutung erlangen. Rasch kam man dann auf die Idee, statt einer umständlichen Beschreibung, von welchem Tiefdruckgebiet gerade die Rede war, diese einfach alphabetisch mit Buchstaben zu kennzeichnen.
So weit, so gut. Dieses Institut wurde schon bald von den westalliierten Besatzungsmächten (Frankreich, UK, USA) mit der Wahrnehmung des Wirtschaftswetterdienstes im Westteil der Stadt beauftragt. Die Alliierten wollten nicht vom Meteorologischen Dienst der DDR in Potsdam abhängig sein, befand sich dessen Zentrale doch im Bereich der sowjetischen Verwaltung – im Kalten Krieg ein vermeintlich unhaltbarer Zustand. (Kuriosum am Rande: Nach Gründung des DWD im Jahre 1952, also deutlich später als die Gründung des Instituts durch Prof. Dr. Richard Scherhag war Wetterdienst eine hoheitliche Aufgabe, für die allein der Deutsche Wetterdienst DWD zuständig war. Zwischen der Institutsgründung und der DWD-Gründung gab es noch viele regionale Wetterdienste der einzelnen Besatzungszonen, gemischt mit alliierten und deutschen Meteorologen besetzt. Erst danach wurde der DWD zu einer „Bundes-Oberbehörde“. Der Zustand in Berlin war also dann irgendwann illegal. Aber in Berlin [West] herrschte eben Besatzungsrecht – bis zur Wiedervereinigung. Weil das alles irgendwie sakrosankt war, wurde nach dem Jahr 1952 das Scherhag-Institut von allen „geduldet“ – ein wenig im „rechtsfreien Raum“.)
Aber wir schweifen ab. Im Zuge des Wirtschaftswetterdienstes oblag dem Institut auch die Belieferung von Medien mit Wetterberichten. Die intellektuell am höchsten stehende Zeitung in Berlin war der „Tagesspiegel“. (Den gibt es heute auch noch, aber er ist nicht einmal mehr ein Schatten seiner selbst von damals). Man wollte dort eine Zeitungswetterkarte haben. Kein Problem – aber das mit der Buchstabenkennung gefiel der Redaktion nicht so recht.
Die rettende Idee kam dann von Frau Dr. Karla Wege – manch Älterem vielleicht noch bekannt, weil sie auch eine Zeitlang den Wetterbericht nach den ZDF-Heute-Nachrichten präsentiert hatte – , die damals am Institut beschäftigt war. Sie machte den Vorschlag, nicht Buchstaben, sondern Namen zu vergeben, denn sie wusste um die namentliche Benennung von Hurrikanen. Weil es sich bei diesen um Tiefdruckgebiete herrschte, bekamen entsprechend die hiesigen Tiefdruckgebiete weibliche, die Hochdruckgebiete männliche Namen. Einzige Vorgabe war eine alphabetische Reihenfolge.
Diese Praxis hätte man natürlich nun auch für das „Amtsblatt“, die Berliner Wetterkarte übernehmen können. Aber die dort arbeitenden Meteorologen wollten „die wissenschaftliche Seriosität gewahrt wissen“ und deswegen die Namen nicht übernehmen.
Viele Jahre herrschte dann wieder Ruhe – bis in die siebziger Jahre. Da geschahen sogar mehrere Dinge fast gleichzeitig. Ein Orkanwirbel [leider weiß ich nicht mehr, welcher genau; H.-D. S.] sorgte dafür, dass das mit den Namen praktisch über Nacht ein medialer Hype ohnegleichen wurde. Die Telefone (3 Anschlüsse) im Institut liefen heiß, Interviewer gaben sich die Klinke in die Hand. Die Mitarbeiter des Instituts waren völlig überrascht. Einwände, dass es doch eher um das Wetter als solches und nicht um die Namen ging, die doch ziemlich unwissenschaftlich seien, wurden nicht beachtet. [erinnert uns das heutzutage an etwas?]
Bald ging es noch runder. Feministinnen stießen sich plötzlich daran, dass Tiefdruckgebiete immer weibliche Namen bekamen, brachten die doch immer das „schlechte Wetter“. Hochdruckgebiete mit „schönem Wetter“ war dagegen den männlichen Namen vorbehalten. Etwa an dieser Stelle wurde dann aus der nicht-wissenschaftlichen Spielerei eine Pseudo-Wissenschaft. Es gab nun eine mehrjährige Diskussion darüber. Eingewendet wurde, dass doch Tiefdruckgebiete Feuchtigkeit und Fruchtbarkeit bringen, wohingegen eine alleinige Männerherrschaft (Stichwort „schönes Wetter“) zur Wüstenbildung führte. Die Analogie erschien vielen also als eigentlich angebracht.
Wer weiß, wie das Ganze ausgegangen wäre, wenn nicht ein weiterer Mitspieler aufgetaucht wäre. In den achtziger Jahren kamen die ersten privaten Wetterdienste auf. Der damals einzige ernst zu nehmende Anbieter in Berlin (West) war Jörg Kachelmann. Er erkannte sofort das Aufmerksamkeits-Potential bzgl. der Namensdiskussion, und da er auf Werbung in den Medien angewiesen war, stieg er sofort ein, auch gleich mit einem praktischen Vorschlag. Man sollte doch Hoch- und Tiefdruckgebiete immer abwechselnd mit männlichen und weiblichen Namen belegen. Das wiederum hätte nun zu einem gewaltigen Durcheinander geführt. Es gipfelte in der Drohung, dass Kachelmann dann eben andere Namen unter der Prämisse seines Vorschlags vergeben würde als die „amtlichen“ Wetterfrösche. Das aber hätte ein riesiges Durcheinander gegeben.
Es war also ratsam, sich zu beraten. Das tat man auch und kam dabei auf die bis heute praktizierte Regelung: In geraden Jahren erhielten Tiefdruckgebiete männliche und Hochdruckgebiete weibliche Namen, in ungeraden Jahren war es umgekehrt.
Die letzte Volte dieser ganzen Geschichte ereignete sich, nachdem Ende 1993 das Berliner Meteorologische Institut den Wettervorhersage-Dienst einstellten musste. Diese Volte schlägt indirekt nun tatsächlich einen Bogen zur Wissenschaft: Der „Verein Berliner Wetterkarte e. V.“ sah den wissenschaftlichen Betrieb im Bereich Synoptik nach dem Wegbrechen der Einnahmen aus dem Wirtschaftswetterdienst gefährdet und kam auf eine Idee, die wir, die Autoren, sehr begrüßenswert fanden: Man rief nach „Taufpaten“. Gegen eine Spende in Höhe von 200 Euro für Namen für Hochdruckgebiete (weil diese seltener mit Namen versehen werden) und 100 Euro für Tiefdruckgebiete kann sich jeder Spender einen Namen aussuchen. Dem Vernehmen nach ist die Liste ziemlich lang. Einzige Vorgabe ist wieder die alphabetische Reihenfolge der Namen. Mit den Einnahmen wird zu 100% der von Studenten ehrenamtlich betriebene Beobachtungsdienst (immerhin eine Wetterstation seit Anfang des 20. Jahrhunderts in einer Umgebung, die sich kaum verändert hat) finanziert.
Nicht nur Meteorologen haben sich bei der ganzen Sache insgeheim gefragt: Wo bleibt denn hier die Diskussion über Wetter – und seit neuestem auch über Klima?
Diese Frage möchten wir unbeantwortet im Raum stehen lassen!
Dipl.-Met. Hans-Dieter Schmidt, vormals im Wettervorhersage- und -warndienst tätig
Chris Frey, Schriftsteller und Übersetzer für das EIKE
Die Autoren bedanken sich bei Herrn Dipl.-Met. Klaus-Eckart Puls für wertvolle Korrekturen und Anmerkungen.