Ronald Stein und Yoshihiro Muronaka
Weltweit basieren Volkswirtschaften und Streitkräfte auf Kraftstoffen, die aus raffiniertem Rohöl hergestellt werden.
Der Krieg in der Ukraine macht etwas deutlich, das in Friedenszeiten leicht übersehen wird: Moderne Militärmacht ist – ebenso wie die moderne Zivilisation selbst – auf eine kontinuierliche Versorgung mit nutzbaren Kraftstoffen und anderen aus Rohöl hergestellten Produkten angewiesen.
Die Ukraine greift russische Ölraffinerien zunehmend mit Langstrecken-Drohnen an. In den letzten Wochen waren mehrere große russische Raffinerien nach Drohnenangriffen gezwungen, den Betrieb einzustellen oder einzuschränken. Am 20. September beschädigte ein ukrainischer Drohnenangriff die Moskauer Ölraffinerie und löste Brände in deren beiden wichtigsten Rohöl-Destillationsanlagen aus. Laut von Reuters zitierten Branchenquellen stellte die Raffinerie daraufhin die Rohölverarbeitung ein, und die Reparaturarbeiten könnten mehrere Wochen dauern. Die Anlage verarbeitete im Jahr 2024 täglich etwa 230.000 Barrel Rohöl und produzierte Benzin, Diesel und andere Erdölprodukte.
Warum sollte eine Raffinerie ein so wichtiges Ziel sein? Die Antwort liegt im Unterschied zwischen Rohöl und raffinierten Produkten.
• Rohöl ist zwar ein wertvoller Rohstoff, wird jedoch nicht direkt als Benzin für Autos, Dieselkraftstoff für Lkw oder Kerosin für Flugzeuge verwendet.
• Rohöl muss zunächst eine komplexe Reihe von Raffinationsprozessen durchlaufen, bei denen seine verschiedenen Bestandteile getrennt, umgewandelt und aufbereitet werden.
Das Ergebnis ist eine Reihe von Kraftstoffen und Produkten, die im Verkehrswesen, in der Industrie, in der Landwirtschaft und beim Militär eingesetzt werden können. In diesem Sinne ist die Raffinerie ein entscheidender Umwandlungspunkt zwischen einer natürlichen Ressource und den nutzbaren Energieformen, die unsere moderne Industriegesellschaft benötigt.
Die Unterscheidung zwischen Rohöl und den daraus hergestellten Kraftstoffen und Produkten gewinnt in Kriegszeiten besondere Bedeutung.
In der westlichen Welt wird der aktuelle Konflikt zwischen der Ukraine und Russland manchmal als moderner „David-und-Goliath“-Kampf beschrieben. In der biblischen Erzählung besiegte David Goliath mit einer einfachen Schleuder und einem Stein und verwandelte damit eine scheinbar unbedeutende Waffe in ein mächtiges Angriffsmittel. Im heutigen Konflikt haben Drohnen den Platz von Davids Schleuder eingenommen: Relativ kleine und kostengünstige Waffen können eingesetzt werden, um große und strategisch wichtige Infrastrukturziele anzugreifen. Doch es gibt einen wichtigen Unterschied. Beide Seiten setzen mittlerweile Drohnen gegen die Raffinerien, die Energieinfrastruktur und andere strategisch wichtige Ziele der gegnerischen Seite ein. In diesem Sinne beschreibt die „David-und-Goliath“-Erzählung die Realität des Konflikts nicht vollständig. Für unsere Diskussion relevanter ist der asymmetrische Einsatz von Technologie zur Bekämpfung kritischer Energieinfrastruktur.
Ein Militär mag zwar über große Mengen an Rohöl verfügen, doch Panzer, Militärlastwagen und Flugzeuge werden nicht mit Rohöl betrieben. Sie benötigen raffinierte Kraftstoffe. Die militärische Logistik hängt daher nicht nur vom Zugang zu Ölressourcen ab, sondern auch von der Fähigkeit, diese Kraftstoffe zu raffinieren, zu lagern und dorthin zu transportieren, wo sie benötigt werden. Dies verleiht Raffinerien strategische Bedeutung.
Die Angriffe der Ukraine lassen sich daher als eine Form der asymmetrischen Kriegsführung verstehen. Anstatt zu versuchen, Russlands weitaus größere konventionelle Militärkapazitäten direkt auszugleichen, setzt die Ukraine relativ kostengünstige Langstrecken-Drohnen ein, um komplexe und teure industrielle Infrastruktur anzugreifen. Das Ziel besteht nicht unbedingt darin, militärische Ausrüstung selbst zu zerstören, sondern eines der Systeme zu stören, die den Betrieb dieser Ausrüstung ermöglichen.
Die wirtschaftliche Logik ist klar. Wird eine Raffinerie beschädigt, können die Folgen weit über den unmittelbaren Sachschaden hinausreichen. Eine beschädigte Rohöl-Destillationsanlage kann die Fähigkeit der Raffinerie einschränken, Rohöl zu verarbeiten und Kraftstoffe für den Verkehr herzustellen. Sind mehrere Raffinerien gleichzeitig betroffen, kann der daraus resultierende Rückgang der Raffineriekapazität die inländische Kraftstoffversorgung zusätzlich unter Druck setzen.
Jüngste Ereignisse deuten darauf hin, dass dies keine rein theoretische Sorge mehr ist. In Russland kam es zu Kraftstoffengpässen, und das Land hat die Exporte von Benzin, Diesel und Düsentreibstoff eingeschränkt, während mehrere Raffinerien von Betriebsstörungen betroffen waren. Reuters berichtete, dass die Raffinerien in Syzran und Saratow nach Drohnenangriffen im September den Betrieb eingestellt hätten, was den Druck auf den russischen Markt für Kraftstoffe für den Verkehr weiter erhöhte.
Doch die Geschichte endet nicht an den Grenzen Russlands.
Öl wird international gehandelt, und raffinierte Erdölprodukte sind Teil eines stark vernetzten globalen Marktes. Eine Störung in einem wichtigen Förderland kann sich auf die Versorgung und die Preise anderswo auswirken, insbesondere wenn die freien Raffineriekapazitäten begrenzt sind.
Genau das geschieht derzeit. Die Märkte für Dieselkraftstoff sind besonders angespannt, da der Krieg in der Ukraine mit Versorgungsengpässen im Nahen Osten zusammenfällt. Reuters berichtete im September, dass die weltweiten Dieselpreise Rekordhöhen erreicht hätten, wobei sich die europäischen Diesel-Futures gegenüber ihrem Stand zu Beginn des Jahres 2026 mehr als verdoppelt hätten. Raffinerien in mehreren Regionen arbeiten mit hoher Auslastung, so dass relativ wenig Reservekapazität bleibt, um zusätzliche Versorgungsengpässe auszugleichen.
Dies verdeutlicht einen wichtigen Unterschied zwischen Rohöl und raffinierten Produkten.
Oft wird von der „Ölversorgung“ gesprochen, als seien Rohöl und Kraftstoffe austauschbar, doch das sind sie nicht.
Ein Land kann zwar Zugang zu Rohöl haben, dennoch aber unter einem Mangel an Diesel oder Benzin leiden, wenn seine Raffineriekapazitäten, seine Verkehrsinfrastruktur oder sein Verteilungssystem gestört sind.
Dies ist ein Grund, warum Raffinerien zu einem so wichtigen strategischen Gut geworden sind.
Der aktuelle Konflikt weist zudem eine interessante Symmetrie auf. Die Ukraine hat russische Energieinfrastruktur angegriffen, während Russland wiederholt ukrainische Energie- und Verkehrsinfrastruktur angegriffen hat. Beide Seiten sind sich bewusst, dass Energieinfrastruktur nicht bloß Teil der zivilen Wirtschaft ist. Sie ist Teil des physischen Systems, das das Funktionieren der modernen Gesellschaft ermöglicht.
Die Asymmetrie des Konflikts hat noch eine weitere Seite. Es wäre irreführend, die Strategie einfach als „billige Drohnen gegen teure Ziele“ zu beschreiben. Russland selbst setzt zunehmend Drohnen gegen die ukrainische Infrastruktur ein und zwingt die Ukraine damit, erhebliche Ressourcen für die Luftabwehr und das Abfangen dieser Drohnen aufzuwenden. Reuters berichtete kürzlich, dass der Einsatz schnellerer, strahlgetriebener Drohnen vom Typ „Shahed“ durch Russland das ukrainische Luftabwehrsystem zusätzlich unter Druck setzt.
Die allgemeinere Erkenntnis betrifft daher nicht einfach die Frage, wer über die kostengünstigere Waffe verfügt, sondern die Frage der Verwundbarkeit.
Moderne Gesellschaften sind außerordentlich produktiv geworden, weil sie hochgradig vernetzte Systeme aufgebaut haben, um natürliche Ressourcen wie Rohöl in nutzbare Kraftstoffe und Materialien umzuwandeln. Doch genau diese Vernetzung kann Schwachstellen schaffen.
Die Raffinerie ist ein solcher Punkt. Sie nimmt Rohöl auf – ein komplexes Gemisch aus Kohlenwasserstoffen – und wandelt es in Produkte mit spezifischen Eigenschaften und Verwendungszwecken um. Benzin sorgt für Mobilität im Straßenverkehr. Diesel treibt Lkw, landwirtschaftliche Maschinen und einen Großteil des Schwerlastverkehrs an. Düsentreibstoff ermöglicht den Flugverkehr. Andere Raffinerieprodukte dienen als Ausgangsstoffe für petrochemische Erzeugnisse und unzählige Materialien, die im modernen Leben allgegenwärtig sind.
Die Erkenntnis ist bemerkenswert einfach: Natürliche Ressourcen besitzen einen latenten Wert, und die Raffination macht diesen Wert nutzbar, indem sie die Ressourcen in verwertbare Formen umwandelt und dorthin liefert, wo sie benötigt werden. Mit anderen Worten: Bei der Raffination wird Rohöl nicht einfach nur „verbraucht“. Es wird in Formen umgewandelt, welche die Gesellschaft nutzen kann.
Der aktuelle Konflikt macht diesen sonst unsichtbaren Prozess sichtbar.
Eine beschädigte Raffinerie ist nicht nur eine beschädigte Industrieanlage. Sie kann dazu führen, dass weniger Lkw unterwegs sind, weniger Flugzeuge fliegen, die Transportkosten steigen und die Versorgung weit über den unmittelbaren Ort des Angriffs hinaus eingeschränkt wird.
Aus diesem Grund sollten die aktuellen Angriffe auf russische Raffinerien nicht nur unter dem Gesichtspunkt der Militärstrategie, sondern auch unter dem Gesichtspunkt der Energiesysteme betrachtet werden. Die moderne Kriegsführung veranschaulicht dieses Prinzip auf besonders dramatische Weise und wirft auch für Gesellschaften in Friedenszeiten eine weiter gehende Frage auf:
Wie widerstandsfähig ist eine moderne Gesellschaft wirklich, wenn die Infrastruktur ausfällt, die ihre natürlichen Ressourcen in nutzbare Formen umwandelt?
[Hervorhebung im Original]
First published in America Out Loud NEWS
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Ronald Stein, P.E. is an engineer, columnist on energy literacy at America Out Loud NEWS, and advisor on energy literacy for the Heartland Institute and CFACT, and co-author of the Pulitzer Prize-nominated book “Clean Energy Exploitations”. He has been featured in Fortune Time Magazine as one of The Most Influential Voices Driving Energy Literacy in 2026.
Yoshihiro Muronaka, P.E. Jp is a chemical engineer who currently focuses on evaluating net-zero and decarbonization policies, advocating alternative energy concepts such as “carbon symbiosis,” and promoting balanced international energy cooperation.
Link: https://wattsupwiththat.com/2026/10/09/the-refinery-war-and-the-vulnerability-of-modern-society/
Übersetzt von Christian Freuer für das EIKE
















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