Strommarkt am 1. Mai 2026 – viel Photovoltaik, Feiertagslast, extreme Preisausschläge
von Holger Douglas
Deutschland erzeugt mal zu wenig, mal zu viel Strom. Eine Folge des hemmungslosen Ausbaus der PV-Anlagen und Windräder. Die Energiewende ist nicht an der Menge der installierten Solarmodule zu bewerten, sondern daran, ob sie ein Industrieland sicher und bezahlbar versorgen kann. Nein, sie kann es nicht. Die Energiewende ist gescheitert. PVA Anlagen von Horizont zu Horizont. Bild KI Bing
„Energiewende“ pervers: Der gestrige Feiertag zeigte Strom im Überfluss – und ein System am Anschlag. Am 1. Mai laufen Fabriken nur eingeschränkt, viele Büros sind geschlossen, die industrielle Last ist niedrig. Gleichzeitig scheint die Sonne kräftig auf ein Land, das in den vergangenen Jahren Photovoltaik wie von Sinnen ausgebaut hat, als könne man damit Physik, Speicher und Netze ersetzen.
Das Ergebnis ist ein Lehrstück über die deutsche Energiewende: Am Mittag gibt es Strom im Überfluss – so viel, dass diese Mengen keiner gebrauchen kann. Und am Abend drehen sich die Verhältnisse um, weil die Sonne verschwindet und das System dann plötzlich wieder auf steuerbare Leistung angewiesen ist.
Der Tag demonstrierte trotz vieler anderslautender Beiträge in sozialen Medien nicht den Triumph einer gelungenen Energieversorgung, sondern genau das Gegenteil: In Deutschland wurde zu bestimmten Stunden mehr Strom erzeugt, als das Land sinnvoll verbrauchen, speichern oder exportieren kann. Im regulierten Day-Ahead-Handel lag der Preis nach aktuellen Marktberichten von 12.45 Uhr bis 14.30 Uhr am unteren Limit von rund minus 500 Euro je Megawattstunde; im Intraday-Markt wurde um 14 Uhr sogar ein Wert von minus 855 Euro je Megawattstunde genannt. Ein Alarmsignal: Der Markt zahlt dafür, dass irgendjemand diesen Strom abnimmt.
Man muss sich diesen Irrsinn klarmachen. Ein Land schaltet funktionierende Kernkraftwerke ab, verteuert Kohle und Gas politisch, jagt die Industrie mit hohen Energiepreisen aus dem Land und produziert dann an einem sonnigen Feiertagsmittag Strom, der nicht etwa wertvoll ist, sondern zum Entsorgungsproblem wird. Nicht, weil Strom an sich wertlos wäre. Sondern, weil er im falschen Moment kommt. Strom ist eben keine Ware wie Zement, Getreide oder Kartoffeln, die man einfach auf Halde legt. Strom ist ein ganz besonderer Saft. In jeder Sekunde muss genau so viel Strom produziert werden, wie verbraucht wird. Nicht mehr und nicht weniger. Genau daran scheitert die deutsche Energiewende immer sichtbarer.
Die Nachfrage war wegen des Feiertages niedrig. Die Sonne liefert zur Mittagszeit viel Photovoltaik. Der Wind muss gar nicht besonders stark sein, um das System zusätzlich zu drücken. Die Folge: negative Preise. Netztransparenz, die Plattform der Übertragungsnetzbetreiber, beschreibt den Mechanismus nüchtern: Bei einem Überangebot an Strom kann der Spotmarktpreis stark sinken und sogar negativ werden; in solchen Zeiten kann nach EEG-Regeln auch der Vergütungsanspruch entfallen.
Politisch verkauft wurde jahrelang die einfache Gleichung: mehr Windräder, mehr Solaranlagen, mehr Klimaschutz, mehr Zukunft. Die Realität lautet heute: mehr Zufallsstrom ohne ausreichende Speicher, ohne ausreichende Steuerung, ohne ausreichende Nachfrageflexibilität und ohne ausreichend gesicherte Leistung für die Stunden danach. Mittags wird Strom zur Last. Abends, wenn Millionen Menschen kochen, Licht brauchen, Wärmepumpen laufen oder E-Autos geladen werden, ist die Sonne weg. Dann beginnt das andere Gesicht der Energiewende: hohe Preise, Importbedarf, Gas- und Kohlekraftwerke, Redispatch, Netzengpässe.
Besonders absurd ist die Preisspreizung innerhalb eines einzigen Tages. Cleanthinking verweist für den 1. Mai darauf, dass dynamische Stromkunden bei Octopus Energy zwischen 13 Uhr und 14.30 Uhr mehr als 42 Cent je Kilowattstunde gutgeschrieben bekommen konnten, während der Arbeitspreis um 19.45 Uhr bei plus 44 Cent lag. Das ergibt eine Spreizung von 87 Cent je Kilowattstunde an einem Tag. Ein Stromsystem, das mittags Geld verschenkt und abends wieder teuer einkauft, ist kein stabiles Industriestromsystem. Es ist ein Wettercasino mit Netzanschluss.
Die offiziellen Marktregeln machen diese Ausschläge inzwischen noch sichtbarer. Seit dem 1. Oktober 2025 wird der europäische Börsenstrompreis im 15-Minuten-Takt abgerechnet. Vattenfall beschreibt, dass der Strompreis an der EPEX Spot in 15-Minuten-Intervallen gehandelt wird und sich nach Angebot und Nachfrage richtet. Was früher im Stundenmittel geglättet wurde, erscheint nun schärfer: Viertelstunde für Viertelstunde zeigt der Markt, wann das System Überschuss und wann es Mangel hat.
Damit fällt auch eine beliebte Beschwichtigung weg. Früher hieß es: Negative Preise seien seltene Ausreißer. Das stimmt längst nicht mehr. Die Bundesnetzagentur-Plattform SMARD weist für 2025 bereits 573 Stunden mit negativen Großhandelspreisen aus; 2024 waren es 457 Stunden. SMARD nennt als Ursache ausdrücklich ein hohes und unflexibles Angebot bei niedriger Nachfrage, etwa an Wochenenden im Sommer oder an Feiertagen.
Gleichzeitig wächst die Photovoltaik weiter. Etwa fünf Millionen PV-Anlagen gibt es im Land, 2025 lag die PV-Einspeisung laut SMARD bei 74,1 Terawattstunden, ein Plus von 17,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr; ausschlaggebend war unter anderem ein deutlicher Zubau von fast 10 Gigawatt Leistung. Das klingt zunächst nach Erfolg. Doch ohne Speicher, steuerbare Lasten und stabile Netze wird daraus ein Bumerang. Je mehr PV-Leistung installiert wird, desto stärker wird der Mittagsberg. Und je stärker der Mittagsberg wird, desto häufiger kippt der Preis ins Negative.
Speicher gibt es nicht in benötigten Kapazitäten. Und es sieht nicht danach aus, dass sie in nächster Zeit kommen. Energie speichert man – weiß der Physiker – am besten chemisch, nicht elektrisch in Form von Strom. Die Kohlehalden neben den Kraftwerken waren die effektiven Energiespeicher: lagerfähig, sehr preiswert und weltweit verfügbar.
Doch in Deutschland wird eine Stromerzeugung aufgebaut, die auch dann besonders viel liefert, wenn die industrielle Nachfrage an Feiertagen oder Wochenenden niedrig ist. Gleichzeitig zerstört dieselbe Energiepolitik jene energieintensive industrielle Basis, die Strom im großen Maßstab produktiv nutzen könnte. Erst vertreibt man Aluminium, Chemie, Glas, Stahl und Automobilzulieferer aus dem Hochpreisland – dann wundert man sich, dass mittags niemand den Solarstrom braucht.
Eine Volkswirtschaft kann nicht auf Zuruf der Meteorologen funktionieren. Der Bäcker, die Gießerei, das Krankenhaus, die Bahn, der Rechenzentrumsbetreiber und die Chemieanlage brauchen Strom nicht nur dann, wenn mittags die Sonne scheint. Sie brauchen ihn zuverlässig, planbar, bezahlbar – rund um die Uhr.
Der heutige Strommarkt ist deshalb ein politisches Dokument. Er zeigt, was geschieht, wenn Energiepolitik nicht vom System her gedacht wird, sondern von installierten Windrädern und PV-Anlagen. Netze, Speicher, Momentanreserve, Frequenzhaltung, Regelenergie und gesicherte Leistung lassen sich nicht durch Wunschdenken ersetzen.
Der 1. Mai 2026 zeigt: Deutschland hat nicht einfach zu wenig Strom. Es hat zur falschen Zeit zu viel und zur falschen Zeit zu wenig. Eine Folge des hemmungslosen Ausbaues der PV-Anlagen und Windräder. Die Energiewende ist nicht an der Menge der installierten Solarmodule zu messen, sondern daran, ob sie ein Industrieland sicher und bezahlbar versorgen kann. Nein, sie kann es nicht. Die sogenannte Energiewende ist gescheitert.+
Der Artikel erschien zuerst bei TE hier















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