Bild rechts: Der große Überfluss des Lebens in der Vergangenheit – zu fossilem, entzündbaren Kohlenstoff geworden – torpediert den großen Überfluss des Lebens in der Gegenwart. Bild: Daniel Pudles
Die Fakten haben sich verändert, und jetzt müssen wir uns auch ändern. Während der letzten 10 Jahre hat uns eine seltene Koalition von Geologen, Ölbohrgesellschaften, Bankiers, Militärstrategen und Umweltaktivisten davor gewarnt, dass Peak Oil – die Abnahme der weltweit verfügbaren Menge – um die Ecke linst. Wir hätten einige gute Gründe, das zu tun: Die Produktion hat sich verlangsamt, der Preis ist stark gestiegen, der Abbau war weit verbreitet und schien steigend. Die erste der großen Ressourcen-Krisen schien bald zuzuschlagen.
Den Umweltaktivisten war ebenso wie selbst uns niemals klar, ob wir das wollten oder nicht. Die Krise hätte das Potential, der Welt einen ökonomischen Schock zu versetzen, künftige Katastrophen abzuwenden und selbst Katastrophen zu erzeugen, einschließlich einer Verschiebung hin zu noch zerstörerischeren Technologien wie Biodiesel und aus Kohle hergestelltes Petroleum. Peak Oil war ein mächtiger Hebel. Regierungen, Industrien und Wähler, die für die Moral hinter dem Druck, den Verbrauch fossilen Öls zu reduzieren, unerreichbar schienen, könnten, wie wir hofften, auf den ökonomischen Fall reagieren.
Einige von uns machten vage Vorhersagen, andere waren detaillierter. In allen Fällen lagen wir falsch. Im Jahr 1975 hat MK Hubbert, ein Geowissenschaftler in Diensten von Shell, der korrekt den Rückgang der Ölproduktion in den USA vorhergesagt hat, angenommen, dass die globale Versorgung im Jahr 1995 den Höhepunkt erreichen könnte. Im Jahr 1997 schätzte der Ölgeologe Colin Campbell, dass dies vor dem Jahr 2010 der Fall ist. Im Jahr 2003 sagte der Geophysiker Kenneth Deffeyes, er sei „zu 99% sicher“, dass Peak Oil im Jahr 2004 erreicht werden würde. Im Jahr 2004 machte der texanische Tycoon T Bones Pickens die Vorhersage, dass „wir niemals wieder mehr als 82 Millionen Barrel pro Tag“ flüssiger Treibstoffe fördern würden. (Die mittlere tägliche Fördermenge betrug im Mai 2012  91 Millionen). Im Jahr 2005 behauptete der Investmentbankier Matthew Simmons, dass „Saudi-Arabien … seine Ölproduktion nicht noch weiter hochfahren kann“. (Seitdem ist die Fördermenge dort von 9 auf 10 Millionen Barrel pro Tag gestiegen, und es gibt 1,5 Millionen an weiterer Kapazität).
Peak Oil hat nicht stattgefunden, und es ist unwahrscheinlich, dass dies in naher oder ferner Zukunft der Fall ist.
Ein Bericht des Ölexperten Leonardo Maugeri, der von der Harvard University veröffentlicht worden ist, zeigt überzeugende Beweise dafür, dass ein neuer Ölboom begonnen hat. Die Bedenken hinsichtlich der Versorgung mit Öl während der letzten 10 Jahre waren wohl mehr monetärer als geologischer Natur. Die niedrigen Preise vor dem Jahr 2003 haben Investoren davon abgehalten, sich mit schwierig zu erschließenden Feldern zu befassen. Das hat sich durch die hohen Preise der letzten Jahre geändert.
Maugeris Analyse von Projekten in 23 Ländern legt nahe, dass die globalen Ölvorräte wahrscheinlich um etwa 17 Millionen Barrel pro Tag (bis 110 Millionen) bis zum Jahr 2020 steigen werden. Dies, sagt er, ist „der größte potentielle Zuwachs der Kapazität globaler Ölvorräte seit den achtziger Jahren“. Die zur Verwirklichung dieses Booms erforderlichen Investitionen sind abhängig von einem langzeitlichen Preis um 70 Dollar pro Barrel – der gegenwärtige Preis von Brent Rohöl beträgt 95 Dollar. Geld flutet derzeit zum neuen Öl: eine Billion Dollar wurden in den letzten zwei Jahren ausgegeben; und rekordverdächtige 600 Milliarden sind für das Jahr 2012 eingeplant.
Das Land mit dem wahrscheinlich stärksten Anstieg ist Irak, wohin derzeit das Geld der multinationalen Konzerne fließt und um das sie sich reißen. Aber die größere Überraschung ist, dass der andere große Ölboom wahrscheinlich in den USA stattfindet. Hubberts Peak, die berühmte Glockenkurve, die Anstieg und Rückgang des amerikanischen Öls zeigt, ist drauf und dran, zu Hubberts Achterbahn zu werden.
Die Investitionen dort werden sich auf unkonventionelle Ölvorräte konzentrieren, vor allem Schieferöl (das verwirrenderweise nicht das Gleiche ist wie Ölschiefer). Schieferöl ist hoch qualitatives, in Felsen eingeschlossenes Rohöl, wo es auf natürliche Weise nicht durchfließt.
Wie wir jetzt wissen, gibt es in den USA monströse Lagerstätten: eine Schätzung geht davon aus, dass das Bakken-Feld in Norddakota fast genauso viel Öl enthält wie Saudi-Arabien (jedoch ist davon weniger förderbar). Und das ist nur eines von 20 solcher Felder in den USA. Das Extrahieren des Schieferöls erfordert horizontale Bohrungen und Fracking: eine Kombination von hohen Preisen und technologischen Verbesserungen hat dies wirtschaftlich gemacht. Schon jetzt ist die Förderung in Norddakota von 100 000 Barrel pro Tag im Jahr 2005 auf 550 000 Barrel im Januar 2012 gestiegen.
Hier also stehen wir jetzt. Die automatische Korrektur – die Erschöpfung der Vorräte, die die Maschinerie zerstört, die den Abbau angetrieben hat – die viele Umweltaktivisten vorhergesagt hatten, findet nicht statt. Das Problem, dem wir gegenüber stehen, ist nicht zu wenig, sondern zu viel Öl.
Wir haben die Bedrohung des lebenden Planeten mit der Bedrohung der industriellen Zivilisation verwechselt. Beide sind nicht das Gleiche. Der Kapitalismus von Industrie und Verbraucher, gestützt durch reichliche Ölvorräte, ist viel belastbarer als viele der natürlichen Systeme, die sie bedrohen. Der große Überfluss des Lebens in der Vergangenheit – zu fossilem, entzündbaren Kohlenstoff geworden – torpediert den großen Überfluss des Lebens in der Gegenwart (siehe Bild oben rechts).
Es gibt genug Öl in der Erde, um viele von uns zu braten – und keine einleuchtenden Gründe, die Regierungen und Industrien daran hindern können, es zu fördern. Zwanzig Jahre lange Bemühungen, einen Zusammenbruch des Klimas zu verhindern, sind gescheitert – mit dem Kollaps des multilateralen Prozesses in Rio de Janeiro im Juni. Die mächtigste Nation der Welt wird erneut zum Ölstaat, doch wenn man sich nach der politischen Transformation seines nördlichen Nachbarn richtet, werden die Ergebnisse nicht schön sein.
Der Menschheit scheint es so zu gehen wie dem Mädchen in Guillermo del Toros Meisterstück Pan’s Labyrinth: Sie weiß, wenn sie das exquisite Mahl vor ihr isst, dass sie auch verbraucht wird, aber sie kann sich nicht selbst helfen. Ich mag keine Probleme aufwerfen, wenn ich keine Lösung sehen kann. Aber jetzt bin ich nicht sicher, ob ich meinen Kindern in die Augen schauen kann.
George Monbiot, guardian.co.uk
Twitter: @georgemonbiot
Link: http://www.guardian.co.uk/commentisfree/2012/jul/02/peak-oil-we-we-wrong
Übersetzt von Chris Frey EIKE