Essen in einer Szene-Lokalität von Mysore: dreimal innerhalb von zwei Stunden verabschiedet sich der Strom kurzfristig, was die Gäste nicht die Bohne irritiert. Im „Namaste Café“ am Strand von Gokarna, die Füße im Sand, kühles „Kingfisher“-Bier vor der Nase, Dire Straits-Oldies und Neo-Hippies in Ohren und Augen. Wutsch! Licht, Musik und Deckenventilatoren aus. Bittesehr, es geht auch ohne – für ein Weilchen. Im unfassbar mythenverhangenen Channakeshava-Tempel, der als Kulisse eines neuen Indiana Jones-Films ideal wäre, beim abendlichen Puja-Ritual angestanden. Bevor es richtig losgeht, ist das Deckenlicht weg, es kommt nicht wieder. In diesem Fall nicht mal ein Manko, im Gegenteil – im Düsteren wirkt die Zeremonie noch spannender.
In den meisten Hotels finden wir auf dem Nachttisch vor, was im Deutschland meiner Jugend ebenfalls Standard war: einen Kerzenhalter nebst Kerze sowie eine Schachtel Streichhölzer. Long time no see!
Der Blackout gehört zu Indien wie die Kuhscheiße auf den Straßen. Sieht man fern, so bieten sich noch mehr Gelegenheiten als bei uns, mal aufs Klo zu gehen oder etwas anderes Sinnvolles zu tun, Taschenlampe vorausgesetzt. Denn außer durch Werbung werden die Sendungen zusätzlich von Stromausfällen zerschnibbelt. Nicht schlimm, würden nicht auch die Klimaanlagen ausfallen, was einem sofort Schweiß auf die Haut zaubert. Kurz, Indien bietet einen Flashback auf eine Energiesituation, wie sie in der deutschen Nachkriegszeit gang und gäbe war.
Natürlich ist das in Indien nicht überall so. Wo richtig Geld gemacht wird, die Wirtschaft im Overdrive brummt, wie in Pune (Poona), dem Zentrum der Autoindustrie oder in Bengaluru (Bangalore), dem Silicon Valley Indiens, klappt es mit dem Strom wie am Schnürchen. Ebenso im Finanzdistrikt vom Mumbai (Bombay) oder im nahen Bollywood, dem Epizentrum der quietschbunten Filmwirtschaft. Auch die ewigen, heftigen Spannungsabfälle, die in Indien eine ganze Branche am Leben halten – die Hersteller von „Voltage stabilisators“ nämlich –, sie sind an den Hotspots der Wertschöpfung kein Thema. Und auf Flughäfen wird es so gut wie niemals zappenduster.
Der Rest des Landes allerdings, der steht besser mit den Hühnern auf. Und geht mit ihnen zu Bett.
Yavendra Singh gebietet in neunter Generation über das weiße, weiträumige Fort Amla im Dörfchen Amla, welches nicht weit von großartigen Kultur- und Pilgerstätten wie Mandu, Omkareshwar oder Ujjain liegt. Er hat seinen altadelswürdigen Familiensitz in ein Rustikalhotel verwandelt, möchte interessierten Gästen auch das Dorf und das örtliche Handwerk nahebringen und so nebenbei für ein bisschen Aufschwung sorgen. Nicht ganz einfach, denn eine anspruchsvolle, betuchte Klientel hält es bestimmt nicht allzu lange in seinem Fort aus. Acht Stunden am Tag bekommt er Strom aus der staatlichen Leitung, mit dem man auch die Energie fressenden Klimaanlagen betreiben kann, erzählt Herr Singh. Und zwar so aufgeteilt: zwei Stunden am Morgen, vier am Nachmittag, zwei am Abend. Immer in dieser Taktung? „Manchmal sind es andere Zeiten“, lächelt Herr Singh, „garment will let us know“ (garment = Indglish für goverment).
Ansonsten ist da sein privater Generator, der kräftig Treibstoff schluckt und dennoch nicht ausreicht, sobald mehr als eine Handvoll Air Conditions eingeschaltet werden. Der Strom, der ihm vom Staat zugeteilt gibt, fällt übrigens zwischendurch immer wieder mal aus, bestimmt fünf Mal an jenem Abend, als wir im Fort waren. Eine Minute braucht der Generator, um zu übernehmen. Kurz darauf kehrt dann der öffentliche Saft zurück. Durch das Hin und Her werden elektronische Steuerelemente offenbar ganz meschugge. Jedenfalls müssen die Klimaanlagen in unseren Zimmern dauernd vom Personal neu eingestellt werden.
So sehr sich die Inder an ihre Stromkalamitäten gewöhnt haben – riesige Werbeschilder für Dieselgeneratoren der Marke Mahindra Powerol, Output zwischen 5kVA und 500 kVA, zieren die Straßenränder -, so genau wissen viele natürlich, dass es nicht endlos mit den Blackouts weitergehen kann. Indien, angehende wirtschaftliche Supermacht, setzt auf Atomkraft. In den Schulen, berichtet die „Times of India“ ohne einen Anflug von Nörgelei, werden neuerdings Animationsfilme gezeigt, in denen Bedenken gegen „Nuke energy“ listig entkräftet und die Schüler vom Segen der AKW überzeugt werden sollen.
Soweit sollte man hierzulande lieber nicht gehen. Wäre aber schön, wenn deutsche Schüler über Stromerzeugung, -transport und -speicherung etwas mehr erführen als die üblichen GlaubeLiebeHoffung-Mantras der rotgrünen Lehrerschaft, deren Informationsquellen sich zumeist in „taz“, „SZ“ und „Freitag“ erschöpfen.
Volksmacht und Elektrizität ergäben zusammen Kommunismus, glaubte Lenin (die Nummer drei, den unverzichtbaren Genossen Mauser, erwähnte er nicht). Wie auch immer: spätestens seit Mitte des 20. Jahrhunderts war keine Region dieser Welt mehr wirtschaftlich konkurrenzfähig, die nicht über eine stabile, nachhaltige, bei jedem Wind und Wetter funktionierende Stromversorgung verfügte. Mit dem Beginn des Computerzeitalters ist Strom endgültig zur wichtigsten Basis für den Erfolg von Volkswirtschaften geworden. Nur ein bisschen indische Verhältnisse in Deutschland, das würde schon reichen, um eine verzweigte, hoch entwickelte Informationsgesellschaft zu destabilisieren.
Das ahnungslose Hochjazzen der Merkelschen Energiewende durch ihre Medien-Partisanen ist bestenfalls die Phantasterei von Leuten, welche in ihrer Kindheit nicht mal mit dem Kosmos-Baukasten „Der kleine Elektromann“ gespielt und auf diese Weise wenigstens eine Ahnung davon gewonnen haben, was es mit Volt und Watt, Ampère und Ohm so auf sich hat. Schlimmstenfalls ist das Abschalten!-Gedöns die altbekannte Leier linker und rechter Biokohlköpfe – historisch schon von Petra Kelly und Baldur Springmann intoniert -, welche seit den 1970ern eine tiefe Sehnsucht eint – die nach der Abschaltung der Bundesrepublik als florierende Industrie- und Exportnation.
Morgenthau mit Öko-Siegel, das war immer der Traum der Vollkornschrate.
Und dann gibt es noch welche, die ernstlich wähnen, der Rest der Welt werde sich früher oder später entschließen, am deutschen Energieabschaltwesen zu genesen. Diese Menschen brauchen dringend Hilfe. Am besten stationäre.
Das alles wird einem bewusst, wenn man durch Blackout-Indien fährt. Erleuchtend, so eine Reise. Auch ohne spirituellen Überbau. 
Wolfgang Röhl;
zuerst erschienen in ACHGUT