Die bestehenden europäischen Ängste gegen Schiefergas setzen Europa zunehmend wettbewerbsmäßig ins Hintertreffen. Das Fehlen von Energie-Wettbewerbsfähigkeit angesichts derjenigen in den USA wurde auch zur größten Sorge der europäischen Industriellen, meinte Leif Johannsson, Direktor von AstraZeneca and Ericson sowie Vorsitzender des europäischen Runden Tisches der Industriellen in einem Interview mit der FT.

Es ist bekannt, dass die Schiefergas-Revolution in den USA zu massiven Preisrückgängen bei Erdgas geführt hat. Der Preis ist von einem Spitzenwert im Jahre 2008 bis Januar 2010 um 70% gesunken und seitdem etwa auf diesem Niveau geblieben. Dies hat dazu geführt, dass Kraftwerke in den USA eher mit Gas als mit Kohle betrieben werden – mit dramatischen Auswirkungen auf die Stromversorgung, wie die beiden Kurven unten zeigen. Die erste stammt aus dem Jahr 2005 vor der Schiefergas-Revolution, die zweite aus dem Jahr 2012 nach der Schiefergas-Woge:

2005:

2012:

Für die USA war diese Entwicklung gleich an zwei Fronten positiv. Erstens ist Erdgas ein saubererer Treibstoff und damit besser für die Umwelt. [bzgl. CO2 sind halt alle mehr oder weniger gehirngewaschen… A. d. Übers.]. Zweitens gehen die Strompreise für die Verbraucher zurück, wenn der Wettbewerb auf dem Markt der Verfügbarkeit von Schiefergas folgt. Für die US-Wirtschaft bedeutet das riesige Einsparungen.

Andererseits stellt die Bevorzugung von Schiefergas die Kohleerzeuger ins Abseits.

Schiefer rein, Kohle raus

Die Kohleproduzenten in den USA mussten eine sinkende Nachfrage nach Kesselkohle (steam coal) im US-Stromsektor hinnehmen. Gleichzeitig haben sie ihre jährliche Produktionsmenge beibehalten. Während Kohleimporte in die USA dramatisch zurückgegangen sind, musste die überschüssige Kohle irgendwo gelagert und/oder exportiert werden. Gegenwärtig erkunden die US-Kohleproduzenten die Exportmärkte, um die riesigen Kohleberge loszuwerden. In einem kürzlichen Bericht des US-Kongresses wurde dieser Umstand klar umrissen: „Eine der großen Fragen für die heimische Kohleindustrie lautet, wie man in die Märkte in Übersee eindringen kann, vor allem bzgl. Kesselkohle, um die abnehmende heimische Nachfrage zu kompensieren“.

Die US-Kohleproduzenten waren hinsichtlich zunehmender Exporte und reduzierter Importe erfolgreich. Von 2007 bis 2012 haben sich die Kohleexporte nach Europa mehr als verdoppelt. Sie machten 2012 einen Gesamtanteil an allen Exporten von 58 Prozent aus, 2007 waren es lediglich 32 Prozent.

Getrieben wurde dies durch billigere Kohle. Der Schiefergas-Boom in den USA machte Kohle für lokale Energieerzeuger weniger interessant, und man konnte erwarten, dass die europäischen Stromerzeuger diese „Kohlepreis-Revolution“ ausnutzen. Diese Revolution ist das Gegenteil dessen, was in den USA geschieht. Der Anteil der Kohle am Gesamt-Energiemix in Europa ist von 25 Prozent im Jahre 2007 auf 21 Prozent 2010 zurückgegangen, doch hat sich dieser Trend inzwischen umgekehrt. Im Jahre 2011 machte der Kohleanteil 22 Prozent aus. Bis 2012 stieg der Anteil um 6 Prozent, das ist eine stärkere Zunahme als die Zunahme der Gesamt-Stromerzeugung in Portugal. Der Anteil an Erdgas im Strommix in Europa stieg von 12 Prozent im Jahr 2000 auf 19 Prozent 2008, ist aber 2011 wieder auf 17 Prozent zurückgegangen.

Ein ökonomischer und ökologischer Energie-Teufelskreis für Europa?

Angesichts einer in Europa fehlenden Versorgung mit billigem Schiefergas ist die Hinwendung zur Kohle eine rationale ökonomische Entscheidung für die europäischen Energieerzeuger. Die Konsequenzen dieser Hinwendung sind jedoch an vielen Fronten schädlich. Erstens werden sich die Energiekosten in Europa trotz niedrigerer Kohlepreise immer weiter von denen in den USA entfernen. Zweitens, der Negativ-Effekt höherer Energiekosten bringt den energieintensiven europäischen Industrien weitere Nachteile. Dabei sind sie ohnehin schon durch sehr hohe strukturelle Kosten belastet. Drittens, Treibhausgas-Emissionen, die bei Kohlekraftwerken etwa doppelt so hoch sind wie bei Gaskraftwerken, bürden Europa ein ökologisches Dilemma auf. Verluste sowohl an der ökonomischen als auch an der ökologischen Front sind das Schlimmste, was passieren kann.

Die Entscheidung, den europäischen Energie-Rohstoff den „Marktkräften“ zu überlassen ist schlechte Politik, vor allem falls die Marktmechanismen Europa der Zerreißprobe zwischen US-Kohle und russischem Gas aussetzen. Politiker und Unternehmensführer sollten dringend Europas Energielage überdenken, bevor diese zu einem Morast verkommt. Die Entwicklung lokaler Energiequellen wie Schiefergas sollten auf jeden Fall auf der Agenda bleiben.

Mehr und ausführlicher: Vicious Energy Cycle Europe.

Karel Cool is the BP Chaired Professor of European Competitiveness and Professor of Strategic Management at INSEAD. He directs the Competitive Strategy programme, part of INSEAD’s suite of Executive Development Programmes.

Link: http://knowledge.insead.edu/blog/insead-blog/is-europe-stuck-in-a-vicious-energy-cycle-3300

Übersetzt von Chris Frey EIKE