Die Kampagne zur Ächtung fossiler Treibstoffe* an zweitrangigen Institutionen in ganz Nordamerika bietet hervorragende lehrreiche Momente für Dozenten, den Studenten zu helfen, ihre Forschungsfähigkeiten und das kritische Denken zu verbessern. In diesem Artikel beschreibe ich einen Weg, mit dem Universitäts- und College-Administratoren Vorteile ziehen können aus dem starken persönlichen Engagement, das die Studenten hinsichtlich der Klimaänderung und der Energiewende an den Tag legen.
[*the Fossil Free divestment Campaign; hiernach verwende ich diesen Begriff im Original. Auch das Wort Divestment wird im Original beibehalten, weil ich nicht sicher bin, ob die Übersetzung „Auslagerung, Ausgliederung“ den Kern der Sache trifft. A. d. Übers.]
Im vorigen November hat die klimaaktivistische Gruppe 350.org mit der Fossil Free divestment campaign begonnen. Sie ermutigt Studenten an Universitäten und Colleges, ihre Lehranstalten dazu zu drängen, ihre Stiftungen von 200 Unternehmen abzulehnen, die die Gruppe 350.org als die Hauptbedrohung des Klimas ansieht infolge ihrer CO2-Emissionen. An über 300 Hochschulen in den USA und Kanada gibt es inzwischen von Studenten angeführte Divestment-Kampagnen, und eine Handvoll kleiner Colleges in Neuengland haben sich sogar zu 100 Prozent Divestment verpflichtet.
Anstatt dem studentischen Druck rasch nachzugeben oder ihre Forderungen sofort zurückzuweisen, müssen akademische Führer junge Leute dazu animieren, mehr über das Thema in Erfahrung zu bringen, kritisch zu denken und zu eigenen Schlussfolgerungen zu kommen, basierend auf den von ihnen gefundenen Beweisen. Studenten sollten ermuntert werden, sich vom politisch korrekten ‚Gruppendenken’ zu befreien und die simplizistischen, oftmals falschen Standpunkte professioneller Aktivisten beiseite zu schieben. Schließlich wollen fortschrittliche Universitäten und Colleges, dass ihre Studenten furchtlose intellektuelle Entdecker werden und nicht nur Jünger irgendwelcher vorübergehender Moden. Später in ihren Leben werden viele für Organisationen arbeiten, die Konformität ohne Nachdenken fordern. Also ist jetzt die richtige Zeit zu lernen, selber zu denken.
Das umstrittene und komplexe Thema Klimaänderung ist für ein solches Vorgehen ideal. Wie die 1500 Studenten an der Carleton University wissen, die meine Vorlesungen zur Klimawissenschaft besucht haben, liebe ich es, junge Leute mit Fragen herauszufordern, einschließlich – einige würden sagen im Besonderen – mit solchen, die politisch inkorrekt sind … Fragen, an die sie niemals zuvor gedacht haben könnten, die aber vollständig ihre Perspektiven verändern können … Fragen, die in den Gruppen an beiden extremen Rändern der Klimadebatte wohl nicht gestellt werden, die wir aber stellen müssen, wenn wir zu vernünftigen Schlussfolgerungen kommen wollen.
Hier folgt eine Liste mit Beispielen von Fragen, die Universitätsfunktionäre studentischen Aktivisten vorlegen sollten, wenn es zum Thema Fossil Fuel Divestment kommt (Fragen und die Antworten der Studenten sollten weithin bekannt gemacht werden, damit die Verwaltungen der Hochschulen besser verstehen lernen, was man von ihnen zu unterstützen fordert):
1. Gab es in der Vergangenheit Zeiten, in denen es schon mal ähnliche Klimaänderungen gegeben hat wie heute? Man sollte die Studenten auffordern, Beweise vorzulegen für Eisschmelzen in Arktis und Antarktis in der Vergangenheit, den Meeresspiegelanstieg, Temperaturen, Extremwetter usw. Natürlich ändert sich das Klima immer, manchmal sehr schnell. Also wäre natürlich eine Folgefrage, was diese Änderungen in der Vergangenheit ausgelöst hat. Die meisten aktivistischen Studenten werden nicht in der Lage sein, diese Fragen anders zu beantworten als die von ihren Führern vorgegebenen Punkte zu wiederholen. Das ist nicht gut genug. Sie müssen die Antworten persönlich kennen, oder ihr Aktivismus wird als oberflächlich entlarvt.
2. Sind die gegenwärtigen Änderungen gefährlich für die menschliche Gesellschaft oder die Umwelt? Was geschah in der Vergangenheit, wenn es zu dieser Art Veränderungen gekommen war? Sind Zivilisationen zusammen gebrochen? Wenn ja, warum war das so? Was können wir besser machen, um uns auf unvermeidliche Änderungen vorzubereiten – Erwärmung, Abkühlung, Dürre und Überschwemmung und alle anderen Vorgänge, die in einem dynamischen und variablen Klima normal sind?
3. Geht es bei den Themen, die den Studenten Sorgen bereiten, hauptsächlich um die atmosphärische Erwärmung? Oder beziehen sich diese auf Wind, Bewölkung, Niederschlag, bestimmte Verschmutzungs-Niveaus, Meeresströme oder Wassertemperaturen in den Ozeanen?
4. Wenn die Themen, die die Aktivisten umtreiben, ungewöhnlich, gefährlich oder der atmosphärischen Erwärmung geschuldet sind, erfolgt diese Erwärmung hauptsächlich durch die Zunahme von CO2, oder spielen andere Faktoren wie z. B. Änderungen auf der Sonne die wichtigste Rolle?
5. Falls die von den Studenten vorher gesagten Probleme ungewöhnlich, gefährlich oder der atmosphärischen Erwärmung infolge CO2-Zunahme geschuldet sind, erfolgt dann der wesentliche Teil dieser CO2-Zunahme durch menschliche Aktivitäten? Man sollte die Studenten daran erinnern, dass die Hauptquelle von CO2-Emissionen die Ozeane sind. Es bedarf nur eines geringen Anstiegs der Temperatur der Ozeane durch welche Ursache auch immer, damit massive Mengen dieses Gases freigesetzt werden. Ozeane haben sich immer aus natürlichen Gründen erwärmt und abgekühlt, so dass sich der CO2-Gehalt ebenfalls auf natürliche Weise verändert hat.
6. Können Studenten die Ergebnisse zuverlässiger, unverzerrter Meinungsumfragen unter Wissenschaftlern vorweisen, die sich auf Gründe von Klimaänderungen spezialisiert haben, die zeigen, bis zu welchem Grad sie die Hypothese teilen, dass das CO2 der Menschheit eine gefährliche Klimaänderung zeitigt? Man beachte, dass die ausgewählten Experten Wissenschaftler sein müssen, die sich auf Gründe für Klimaänderungen spezialisiert haben, und nicht auf deren Auswirkungen oder mögliche Lösungen (z. B. Anpassung). Auch muss es eine gefährliche Klimaänderung sein, um die es in den Fragen geht. Während die Gründe für Klimaänderungen ein interessantes wissenschaftliches Thema sind, wird diese Angelegenheit nur dann zur öffentlichen politischen Sorge, wenn solche Änderungen wirklich gefährlich sind.
7. Falls die Phänomene, die die Aktivisten aufzuhalten versuchen, tatsächlich gefährlich, ungewöhnlich und infolge der durch menschliche CO2-Emissionen verursachten Erwärmung sind, ist es da effektiver, die CO2-Emissionen zu reduzieren oder sich an diese Änderungen anzupassen? Kein Student wird die Antwort auf diese Frage kennen, wenn selbst Spezialisten auf diesem Gebiet das nicht wissen. Viele argumentieren, dass es kosteneffektiver ist, sich einfach auf alles vorzubereiten, was da klimatisch auf uns zukommt. Sie verweisen darauf, dass wir ökonomische und technische Fortschritte nicht zuverlässig vorhersagen können, ja nicht einmal ob wir vor einer Erwärmung oder einer Abkühlung stehen. Unabhängig davon, man sollte von Studenten erwarten, genug über diese grundlegend wichtige Frage geforscht zu haben, dass sie eine sinnvolle Antwort präsentieren können.
8. Falls die Gesellschaft der Kampagne ohne fossile Treibstoffe folgt und aufhört, Kohlenwasserstoff-Treibstoffe wie Öl, Kohle und Erdgas zu verwenden, welche Energiequellen würden wir nutzen? Man sollte von studentischen Aktivisten erwarten, dass sie die Kapazitäten und die Kosten von Alternativen im Vergleich mit konventionellen Energiequellen benennen können.
Nur wenige Aktivisten werden in der Lage sein, irgendeine der oben gestellten Fragen aus dem Stehgreif angemessen beantworten zu können. Allerdings sollten die akademischen Führer die Studenten dafür nicht schelten, weil die Studenten bei der angemessenen Forschung in Richtung dieser Fragen selber feststellen werden, dass es auf die wichtigsten Fragen keine belastbaren Antworten gibt. Das ist kein komfortabler Gedanke für Studenten, die daran glauben, dass die Wissenschaft „settled“ ist, wie es der ehemalige Vizepräsident Al Gore behauptet. Aber es ist ein wichtiger Bestandteil des Lernprozesses zu erkennen, was wir alles hinsichtlich dieser zugegebenermaßen kompliziertesten Wissenschaft nicht wissen, die wir jemals angegangen sind.
Für viele dieser Studenten wäre die Teilnahme an der Ohne-Fossilien-Kampagne ein emotionaler Sprung in dem Glauben, „den Planeten zu retten“, sicher eine sehr gut gemeinte Objektive. Aber anstatt einfach zu glauben, was ‚alle sagen’, muss man den Studenten beibringen, eine mündigere Annäherung vorzunehmen, und dass sie selbst über die Schlüsselfragen der Klima- und Energie-Kontroverse nachdenken sollen. Einige von ihnen könnten dann folgern, dass ihr Kreuzzug rückwärts gewandt ist und dass wir mehr, nicht weniger, fossile Treibstoffe verbrauchen müssen, um sich an zukünftige Klimaänderungen anzupassen. Das ist keine unvernünftige Position. Falls sich alle Befürchtungen hinsichtlich einer tödlichen Klimaänderung nämlich bewahrheiten würden, werden wir erhebliche Mengen billiger, qualitativ hochwertiger und zuverlässiger Energiequellen brauchen, um der größeren Nachfrage für Heizung und Air Condition gerecht zu werden. Mehr Energie wird erforderlich sein, um Land zu bewässern, Deiche zu bauen, die öffentliche Infrastruktur zu stärken und Leute umzusiedeln, die in von Überschwemmungen, Tornados und Hurrikanen bedrohten Gebieten leben.
Ob studentische Aktivisten nun zu diesen Schlussfolgerungen kommen oder nicht; ob die Akademiker diese vorgestellten Fragen stellen oder nicht – Repräsentanten der Universität müssen den Mut und die Geistesgegenwart haben, die Fossil-Fuel-Divestment-Kontroverse als einen lehrreichen Moment zu nutzen. Alles andere wäre ein Betrug an dem geheiligten Vertrauen, das wir in unsere Institutionen höherer Bildung setzen beim Lehren unserer künftigen Führer, selbständig zu denken.
Tom Harris is executive director of the International Climate Science Coalition (Ontario, Canada).
Link: http://www.universitybusiness.com/article/eight-questions-ask-student-activists-about-fossil-fuel-divestment-campaign
Übersetzt von Chris Frey EIKE