Klimarevolution: Ein Morgen im Leben des B. und des G.

Klimarevolution: Ein Morgen im Leben des B. und des G.

B. ist spät dran an diesem 20. November im 26. Jahr der Klimarevolution. Der zentrale Weckdienst hatte ihn erst geweckt, als der Wind wieder etwas stärker blies. Nachts war es fast windstill gewesen und B.‘s Aufgabe in Zeiten größerer Energieanstrengungen war es, sich ruhig zu verhalten, keine elektrischen Geräte zu benutzen und die Energie in wichtigere Bereiche fließen zu lassen. Er konnte ja auch kaum anders, schließlich bestimmte das Smartmeter, wann Strom floss. B. gehört zur sogenannten “energetischen Kampfreserve” (früher Abwurflast genannt), was bedeutete, dass er, zur Untätigkeit verpflichtet, gelegentlich mit Kälte, Hunger oder dem Verlangen kämpfen musste, sich einfach etwas Wasser heiß zu machen und über ein paar Minzeblätter aus dem eigenen kleinen Garten zu gießen. Es gab eben nicht immer Strom. Nicht mehr für alle.

Der kühle, nebelige Novembermorgen kroch B. die Beine hinauf, während er auf den E‑Bus an der Bundesstraße wartete. Es war schon kurz vor neun und er war zügig gelaufen, um rechtzeitig am Sammelpunkt zu sein. Die Busse fuhren schon lange nicht mehr in die kleinen Orte. E‑Busse entfernten sich generell nicht weit von ihren Depots, weil sie zu Beginn der großen Klimarevolution ständig liegen geblieben waren. Erlass Nummer 232, das Reichweitenverbesserungsgesetz, erfand den Tatbestand der „Klimaschädigung durch Faulheit“ und legte fest, dass es jedem Bürger zuzumuten sei, bis zu fünf Kilometer zu den Sammelstellen zu laufen. Außerdem gab es Gesundheitspunkte, wenn man das staatliche Transportsystem nicht zu sehr belastete. Eine Win-Win-Win-Situation, wie Gesundheitsministerin Künast und ÖPNV-Minister Hofreiter unisono versicherten.

B.’s Nachbar G. stapfte gut gelaunt auf den Sammelpunkt zu und bellte ihm ein übertrieben fröhliches „Moin Nachbar“ entgegen. G. arbeitet im Ministerium für Klimakampf und hält sich für ungemein wichtig. Vermutlich ist er dort zwar nicht mehr als ein kleiner Angestellter, der Genehmigungen zum Betrieb von Elektrogeräten erteilte oder entzog. Doch oft deutete G. in Zaungesprächen an, wie kurz das Ministerium davor stehe, die allgegenwärtigen Energieanstrengungen zu überwinden und wie bedeutend sein Beitrag dazu sei. B. mochte G. nicht, ließ sich jedoch nie etwas anmerken. Man konnte sicher sein, dass G. ohne Zögern die Vermesser rufen würde, also jene Polizei-Kommandos des Klimakampf-Ministeriums, die in altmodischen Benzinautos angerast kamen und die Häuser der Denunzierten auseinandernahmen, immer auf der Suche nach Energieverbrechen und Klimaverrat. Es war bekannt, dass die Vermesser immer etwas fanden. Sie waren sehr gründlich und erfindungsreich. Die Klima-Schadenspunkte, die die Vermesser-Autos erzeugten, rechnet man stets dem Konto der Durchsuchten an, was oft allein schon die Hälfte oder mehr der fälligen Geldstrafe ausmachte. Wenn es denn bei einer Geldstrafe blieb.

Wirklich wichtig konnte G. jedenfalls nicht sein, denn er fuhr stets mit dem Bus zur Arbeit. Autos sah man nur noch selten. Allerdings gehörte G. nicht zur Reserve, sondern war Partei-Kader. Er fuhr jeden Tag zur selben Zeit mit dem Bus, ihn weckte kein Energiebedarfsplan. Morgens brannte nicht nur das Notlicht der Stirnlampe bei ihm und heute morgen, so glaubte B., hatte er sogar den Duft von schwarzem Tee wahrgenommen, der aus dem keine zehn Meter entfernten Küchenfenster des Nachbarn zu ihm drang, als er am Fenster stand.

„Na, auch erst mal ein Tässchen geschlürft, heute Morgen?“ fragte G., als er am Sammelpunkt angekommen war. B. erstarrte. Der Tee! Er hatte am Fenster gestanden, mit einer dampfenden Tasse Minztee in der Hand. Er hätte eigentlich keinen kochen können, sein Smartmeter gab ihm noch keinen Strom. Auch war sein ganzes Haus noch dunkel gewesen. Den Tee hatte er auf seinem kleinen Campingkocher zubereitet, den er versteckt hatte, als die Brigaden der grünen Garde vor Jahren begannen, von Haus zu Haus zu ziehen, um Mofas, Rasenmäher, Gasgrills und andere „Schädlinge“ zu konfiszieren. Ebenso wusste niemand von seinem kleinen Vorrat an Benzin, den er sich zugelegt und gut versteckt hatte, als Erlass 208, das Gute-Luft-Gesetz, den Handel, den Besitz und die Benutzung aller flüssigen, festen und gasförmigen Kohlenwasserstoffe verboten hatte. G. hatte zweifellos seine dampfende Tasse gesehen, B.‘s Stirnlampe und das dunkle Haus bemerkt und dann zwei und zwei zusammengezählt. B.‘s Knie wurden weich als er sich ausmalte, wie die Vermesser kommen würden, zusammen mit den grünen Garden, die ihnen stets auf dem Fuße folgten und er als Klimaverbrecher angeklagt würden. Geschubst, verprügelt, kahlgeschoren und an den Pranger gestellt würde er schließlich in einem der Umerziehungslager landen. Man hörte so einiges darüber und es waren keine schönen Geschichten. Wenn er doch nur nicht am Fenster gestanden hätte! Wie konnte er nur so unvorsichtig sein!

Der Bus hielt am Sammelpunkt und B. stieg wortlos ein. Aus dem Augenwinkel sah er, dass G. ihm nicht folgte, sondern ihn nur boshaft angrinste, sein Meldi aus der Tasche zog und damit demonstrativ in B.‘s Richtung winkte. B. setzte sich auf einen freien Platz und überlegte fieberhaft. Der Bus würde 15 Minuten brauchen, um ihn bei “Schellnhuber-Solar 26” abzusetzen, der in die Jahre gekommenen Solaranlage, wo er seit zehn Jahren Tag für Tag mit Besen den Staub von den Paneelen fegte oder Vogelscheiße wegkratzte, die die Leistung der Technik beeinflussten. Dabei lieferte die Anlage ohnehin kaum noch Energie, schließlich war sie fast 25 Jahre alt und heute fehlten die Ressourcen und das Geld, um neue Paneele anzuschaffen. Würden sie ihn gleich im Kraftwerk verhaften? Unwahrscheinlich. Die Vermesser und die Grünen Garden würden einige Zeit brauchen, um den Kocher und das Benzin zu finden. Man würde einfach auf ihn warten, in seinem Haus. Dem einzigen ohne Solarpaneele im ganzen Dorf. Er könnte fliehen, dachte er kurz, und sein Herz hüpfte für einen Moment, als wolle es schon vorauseilen. Doch die Euphorie schwand schnell. Womit und wohin? Seine Beförderungsberechtigung reichte nur vom Dorf bis zum Kraftwerk und zu Fuß käme er nicht weit.

Resigniert sank B. auf dem Sitz des Busses zusammen und ließ die letzten Jahre Revue passieren. Alles war immer schlimmer geworden, immer restriktiver. Das tägliche Leben und die Jagd nach Energie banden die meisten Ressourcen. Die staatlich gesteuerte Digitalisierung taktete das Leben aller Menschen, sofern sie nicht zum Kreis der „Planer“ gehörten. Das Meldi, ein auf Beschluss der EU-Kommission eingeführtes innereuropäisches Smartphone, regelte die Kommunikation. Es war ebenso verpflichtend wie das Smartmeter in jedem Haus und war mit ihm gekoppelt. Jeder Energieverbrauch musste über das Meldi beantragt und autorisiert werden, jede Meinungsäußerung, E‑Mail oder SMS ging durch die Hass-Filter der Hauptabteilung „AA“ des Innenministeriums, die aus der Amadeu-Antonio-Stiftung hervorgegangen war. Die Ministerin der Netze, Frau Baerbock und die Ministerin der feinen Rede, Frau Roth, bezeichneten das Meldi als “Überfällige Antwort Europas auf den weltweiten Trumpismus-Putinismus” und als Win-Win-Win-Gerät.

Die Anfänge

Alles begann im September 2021, als Robert Habeck Kanzler einer Minderheitsregierung wurde. Zwar erreichten seine Grünen nur 32% der Stimmen, doch die andern Parteien waren nicht mehr in der Lage, auch nur einen ernst zu nehmenden Gegenkandidaten aufzustellen und ergaben sich ihrem Schicksal, nur noch als Beschaffer der 2/3‑Mehrheit für zahlreiche Verfassungsänderungen zu dienen. B. war damals 18 Jahre alt und kam gerade vom Camping-Urlaub aus Holland zurück. Er hatte den kleinen Campingkocher, der ihm nun zum Verhängnis werden würde, gerade in der Hand, als im ZDF Habecks erste „Rede an den Klimawandel“ lief, in der er ankündigte, das alte System zu beseitigen und durch ein neues, besseres zu ersetzen. B. konnte diese Rede auswendig. Kein Wunder, schließlich stand sie mittlerweile als Präambel in der neuen deutschen Verfassung, welche 2023 das zur Hassrede erklärte Grundgesetz abgelöst hatte:

„Genossen, Klimaretter, Freunde der Menschheit! Es ist Zeit, Schluss zu machen mit der Vergangenheit und dieses Land, ja, die ganze Welt in eine neue Ära der Klimagerechtigkeit, des Wohlstandes und der Gleichberechtigung zu führen. Auf diesem Weg muss uns das Banner der Jugend voran wehen, denn nur die Jugend ist reinen Herzens und von reiner Klimabilanz. Die revolutionäre Jugend ist es, die CO2 sieht und durch Mut und Haltung, wie sie nur einer gerechten und wahrhaftigen Idee entspringen kann, die Feinde des Klimas entlarven und zur Rechenschaft ziehen werden. Tapfere Jugend, das dekarbonisierte Zeitalter ist nahe, doch es wird nicht anbrechen bevor nicht der letzte Verbrennungsmotor, das letzte Stück Kohle und das letzte Gasfeuerzeug vernichtet ist. Geh aufs Land, Grüne Jugend, trage die LED-Fackel der Revolution zu den verstockten Bauern, den Fleischessern und Berufspendlern. Vernichtet die „vier Alten“, die da sind: Die alten Denkweisen, die alten Kulturen, die alten Gewohnheiten und die alten Sitten.“

Man hatte die Parolen sehr vage und unklar gelassen, so dass die Grünen Garden, wenn sie trommelnd und hüpfend durch die Orte zogen, immer etwas fanden, was sie zertreten, kritisieren und verurteilen konnten. Etwa die alte Denkweise, individuelle Mobilität für eine Errungenschaft der Zivilisation und Freiheit zu halten, die alte Sitte, klimaschädliche Katzen und Hunde zu haben, die alte Gewohnheit, in Zeiten der Energieanstrengung (so wurden ab 2022 die längeren Blackouts genannt) den alten Benzinrasenmäher oder das Notstromaggregat hervorzuholen, um der egoistischen Energieverschwendungssucht zu frönen oder die alte Kultur, CO2 emittierende Wachskerzen am Weihnachtsbaum anzuzünden. Das alles und vieles mehr kostete bald so viele CO2-Strafpunkte, dass es einem leicht die täglich halbstündlichen Wärmezuteilungen für einen ganzen Winter kosten konnte – und die waren kalt in letzter Zeit, was die Grünen Garden und ihr großer Vorsitzender kurzerhand zum Ergebnis ihrer Klimarettungsbemühungen erklärt hatten.

Ganz flink waren die kleinen Revolutionäre, die Strafpunkte in ihre Smartphones – die später durch Meldis ersetzt wurden – einzutippen. Die SMS mit dem Strafbefehl kam stets nur Sekunden später. Sie waren Ankläger, Richter und Henker in Personalunion und je größer die Gruppen waren, in denen sie durch das Land zogen, umso heftiger waren die Exzesse. Mit Losungen wie „Wer Verbrennungsmotoren versteckt ist Energieverbrecher“ und „Auch Jesus ging zu Fuß“ zogen sie durch die Dörfer, hielten Autos an oder fackelten sie gleich ab, wenn sie ihnen „zu groß“ erschienen. Dann kamen die Bewegungseinschränkungen per Verordnung, die Schließung der Tankstellen, dann das Gute-Sonne-Gesetz, das alle Hausbesitzer, die sich keine Solarzellen aufs Dach schrauben wollten oder aus Geldmangel nicht konnten, zu Verdächtigen und Energieschmarotzern erklärte.

Die auftretenden Versorgungsengpässe auf dem Land, die wegen des sich verschlechternden Lieferverkehrs immer wieder auftraten, schaffte man mit dem Gute-Versorgung-Gesetz zwar nicht ab, aber nun war jeder Hausbesitzer mit mehr als 200 qm Garten per Dekret zum Selbstversorger geworden und mit Gartenarbeit beschäftigt, statt nutzlose kritische Blogs zu schreiben und sich über den dekadent-blinden Dünkel der Großstadtbewohner und ihrer grünen Eliten lustig zu machen, die glaubten, der Strom käme aus der Steckdose und das Gemüse aus dem Biomarkt. Es gab Kontrollen und wenn die Grünen Garden „schmarotzerischen Zierrasen“ oder Begonien vorfanden, wo Kohlrabi und Kartoffeln hätten wachsen können, wurde der Rasenfreund „zur Rede gestellt“ oder musste gleich vor Ort sein „Gras fressen“. B. reißt sich aus seinen Gedanken, denn der Bus hält und die Tür öffnet sich mit einem dumpfen Geräusch.

Aufwachen

[klong]

..

[klong?]

Was ist los? Autsch! Ich bin offensichtlich eingeschlafen, zur Seite gerutscht und mit dem Kopf unsanft auf die Tischplatte geknallt. Meine Güte, was für Träume! Wie kommt man nur auf sowas! Kranke Phantasie? Habe ich Fieber? Da fällt mein Blick auf die Artikel, die ich gerade gelesen hatte. Die TAZ begründet ausführlich, warum Verbote die eigentliche Freiheit seien, auf Indymedia feiern Klimaaktivisten ihr Barbecue mit vier „backfrischen Porsche-Cayenne“ im Namen des Klimaschutzes, in Berlin sperrten Gretas Klima-Kids SUV’s mit Flatterband ab und stellten deren Fahrer „zur Rede“, warum sie in der Stadt ein so schädliches Auto fahren würden. Außerdem war ein Wikipedia-Artikel geöffnet, in dem die Parolen und die Vorgehensweise während der Kulturrevolution in China und die Handlungen der verblendeten, missbrauchten Jugend beschrieben sind, die mordend und marodierend durch das Land zogen, um “Die vier Alten” zu vernichten. Die alten Denkweisen, die alten Kulturen, die alten Gewohnheiten und die alten Sitten. Hab wohl doch kein Fieber. Ich habe im Traum einfach zwei und zwei zusammengezählt.

Der Beitrag erschien zuerst auf dem Blog des Autors hier

3 Bemerkungen

  1. H. Müller
    Das Dingens ist durch.

    Lt. YouGov Umfrage für DPA glauben 55% der Deutschen, dass die Hochwasserkatastrophe an der Ahr durch den Kliamwandel verursacht ist, 22% sehen keinen Zusammenhang, 23%  sind sich nicht sicher. So sieht es aus.

    Man muss jetzt eins und eins zusammenzählen und persönliche Entscheidungen treffen. Das polit-mediale Establishment hat gewonnen. Der Weg ist frei für die Klima- Kulturrevolution mit allen ihren angekündigten Spielarten. Der Umgang mit Demonstranten wirft ein Licht auf das, was kommt. Man vergleiche mit vor einem Jahr. Da liegen WELTEN dazwischen. Und das ist auch noch nicht das Ende.

    Antworten
  2. Walter Roth
    „Mit Flatterband absperren“…….. mich Zwangsaufklären, Konfrontieren, nicht wegfahren lassen ?

    Nun ja, wollen wir hoffen das mir sowas nie passiert, ich würde aggressiv reagieren, die würden was erleben.

    Nach dem ersten mal wo mir solch mies-dreckige  Typen derartiges angedeihen lassen, werde ich einen Feuerlöscher mitführen. Aber darin wir nicht nur Löschpulver sein, da wird noch etwas anderes beigemischt.

    Bei „Indymedia-Linksunten“ las ich das vor Jahren, das vom „Capsaicin“.

    Die meinen wohl, sie seien die einzigen mit „Ideen“.

    Antworten
    • Heimo Suntinger
      Sehr geehrter Herr Roth!

      Naja, Sie, die von mir so geschätzten Schweizer, können es auch ganz anders, schon seit 730 Jahren! Sie benötigen nicht Indymedia, wobei mir Ihre persönliche Einstellung trotzdem gefällt.

      Alles Gute zum Geburtstag wünscht Ihnen aus ganzem Herzen ein sogenannter Habsburger aus dem Ösireich:

      https://www.youtube.com/watch?v=WfFk0az8DrI

      Und auch Gratulation zur Goldmedaille im Damentennis! Und das Allerschönste? Gleich 2 Schweizerinnen wurden 5. und 6. im Finale der Leichtathletik-Paradedisziplin, dem 100 m Sprint. Die erinnern mich irgendwie an Heidi: Talwärts schnell, um für den Großvater was zu erledigen, und bergwärts noch schneller, um bald wieder mit ihrem Ziegenpeter über Gott und die Welt reden zu können!

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