Da kam mir das Angebot von Dr. Hermann Hinsch aus Hannover, mit ihm in die Ukraine nach Tschernobyl zu reisen, gerade recht. Der Physiker war über viele Jahre für Strahlenmessungen im Versuchsbergwerk  Asse verantwortlich, in dem die optimale Einlagerung schwach radioaktiver Stoffe erprobt wurde. Er war bereits einmal 1992 in Tschernobyl und er beherrscht Russisch. Seine Frau hat die Reise vom 21. bis 27. August hervorragend organisiert. Neben Frau Hinsch und meiner Frau hat sich der kleinen Gruppe noch der Dipl.-Geologe Norbert Rempe aus New Mexico, USA, angeschlossen. Er hat fachlich und publizistisch an der Einrichtung einer Endlagerstätte für radioaktiven Abfall in den USA mitgewirkt. Er hatte ein neu entwickeltes Strahlenmessgerät mitgebracht, um selbst die Radioaktivität zu überprüfen.
Der Flug nach Kiew verlief problemlos. In der ukrainischen Hauptstadt konnte man von dem Bürgerkrieg nichts merken. Die Straßenkaffees waren voll. Alle Geschäfte waren geöffnet. Hochzeiten wurden gefeiert. Auf dem Maidanplatz baute man die letzten herausgerissenen Pflastersteine wieder ein. Alles war friedlich. 

Daten über Tschernobyl 

Wir fuhren in einem Kleinbus mit Fahrer und einem staatlichen Führer nach Tschernobyl. Die Besuche von Tschernobyl müssen rechtzeitig angemeldet werden. Für die Genehmigung und die Fahrt wird kräftig kassiert.
Das Strahlenmessgerät von Herrn Rempe war für insgesamt sieben Stunden während dieses Besuchs eingeschaltet. Nach einer Fahrzeit von knapp 2 Stunden erreichten wir die Sperrzone von Tschernobyl. Die Atomreaktoren wurden etwa 20 Kilometer von der Grenze zu Weißrussland gebaut. Zur Kühlung wurde der Fluss Pripyat zu einem See mit einer Fläche von 22 Quadratkilometer angestaut. Der Wirkungsgrad der Kernkraftblöcke lag bei knapp 30 Prozent. Es mussten also mehr als 70 Prozent der in Wärme umgewandelten Kernenergie vom Kühlwasser abgeführt werden. Dazu wurde das Wasser vom Stausee über einen Kanal zum Kraftwerk und das erwärmte Wasser wieder zurück geleitet. Die große Stauseefläche ließ das Wasser dann wieder abkühlen. In dem Kühlwasserkanal wurden Welse ausgesetzt, die heute die stattliche Länge von mehr als einen Meter haben. Nach Angaben unseres Führers ist das Fleisch der Fische selbst in unmittelbarer Nachbarschaft des Kraftwerks nur unwesentlich radioaktiv belastet. In den Knochen konnte eine deutliche, aber unkritische Strahlenerhöhung durch das Isotop Cäsium 137nachgewiesen werden.
Das Kernkraftwerk ging 1977 mit dem Block 1 in Betrieb. Ab 1983 waren die ersten 4 Blöcke mit einer elektrischen Leistung von zusammen 3.800 Megawatt angeschlossen. 2 weitere Blöcke waren im Bau. Alle Reaktoren waren Graphit moderiert; das heißt, die Brennstäbe waren von Graphit umgeben.
Wenige Kilometer von den Reaktoren wurde eine riesige Frühwarn-Radaranlage (zur Identifizierung von eventuellen amerikanischen Interkontinentalraketen) gebaut, die eine Leistung von 10 Megawatt hat. Das Kernkraftwerk war also auch notwendig als sichere und ausreichend starke Energiequelle für diese Anlage. Die hohe Leistung wurde jeweils im Abstand von wenigen Sekunden benötigt.  
Am 26. April 1986 kam es zu einer Kernschmelze im Block 4. Der Graphit entzündete sich. Es gab eine Knallgasexplosion und einen großen Brand. Das einfache Fabrikdach über dem Reaktor (es gab keine Stahlbetonhülle wie bei allen kommerziellen westlichen Reaktoren) war kein Schutz und wurde zerstört. Der Rauch, den östliche Winde Richtung Europa trieben, transportierte radioaktive Isotope weit nach Westen. Sie konnten noch in Deutschland nachgewiesen werden. Die daraus resultierende zusätzliche Strahlung war aber in Deutschland und in den anderen Europäischen Ländern niemals gesundheitsgefährlich.
Nach dem Reaktorunfall wurden die drei intakten Blöcke weiter betrieben. 9.000 Menschen arbeiteten weiterhin in unmittelbarer Umgebung des zerstörten Reaktors. Block 2 wurde 7 Jahre nach dem Unfall still gelegt. Block 1 folgte 3 Jahre später. Block 3 in unmittelbarer Nachbarschaft des Unglückreaktors ging erst auf Druck der Europäischen Union und nach einer Ausgleichzahlung im Dezember 2000 vom Netz. Die Blöcke 5 und 6 wurden nach dem Unfall nicht weiter gebaut.
Die Ukraine hat heute noch 15 Kernreaktoren mit einer Bruttoleistung von 13.800 Megawatt in Betrieb. Weitere 2 Reaktoren mit je 1.000 Megawatt Leistung sind im Bau und sollen 2015 ans Netz gehen.

Tote durch den Reaktorunfall

Die Weltgesundheits-Organisation (WHO) und die Internationale Atom Energie Organisation (IAEA) haben die Folgen des Reaktorunfalls auf die Menschen untersucht.  Die Berichte über die Todesfälle durch die radioaktive Strahlung sind sehr unterschiedlich. Sicher ist das Auftreten der Strahlenkrankheit (Kopfschmerzen, Übelkeit und Durchfall, Haarausfall, Hautveränderungen, Kreislaufbeschwerden) bei 134 Feuerwehrleuten und Hubschrauberpiloten, die den Brand gelöscht haben. Sie waren der starken Strahlung ohne nennenswerten Schutz ausgesetzt. Davon starben 28 im Jahr der Katastrophe. In den nächsten 8 Jahren starben 19 weitere Helfer, die von der Strahlenkrankheit betroffen waren. Ein Teil dieser Todesfälle wird auf die Strahlenkrankheit zurückgeführt.  
Danach konnten akute Verstrahlungen nicht mehr nachgewiesen werden. Es gab etwa 6.000 Krebserkrankungen der Schilddrüse in den Gebieten um Tschernobyl und den Gebieten in Russland und Weißrussland, in die der Rauch größere Mengen radioaktives Jod transportiert hatte. Der Krebs wurde weitgehend erfolgreich bekämpft. Es waren praktisch nur Kinder betroffen, die zur Zeit des Unfalls jünger als 5 Jahre waren. Bei Erwachsenen trat keine höhere Rate an Erkrankungen der Schilddrüse auf.  Bis 2011 starben 15 von den 6.000 erkrankten Menschen.  
Nach Angaben der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) wurden mit Ausnahme von Schilddrüsenkrebs in den am stärksten kontaminierten Gebieten keine erhöhten Krebsraten festgestellt, die eindeutig auf die Strahlung zurückgeführt werden können.
Der staatliche Führer nannte uns jedoch einige tausend Todesfälle durch den Reaktorunfall. Auf Nachfrage waren dies alle Sterbefälle von den mehr als 200.000 Menschen, die aus der Schutzzone um das Kraftwerk evakuiert wurden. Weder das Sterbealter noch die Todesursache sind bewertet worden.
Auch den Grünen waren die sachlich fundierten Erkenntnisse der Weltgesundheitsorganisation WHO nicht schwerwiegend genug. So hat die grüne Europa-Abgeordnete, Rebekka Harms, eine Studie von den Briten Ian Fairlie und David Sumner angefordert, die weitaus schwerwiegendere gesundheitsschädigende Folgen des Reaktorunglücks voraussagen. Die Wirklichkeit hat diese Voraussagen bisher aber nicht  bestätigt.  
Dagegen hat die Evakuierung, die mit der Strahlengefahr begründet wurde, zu einem deutlichen Ansteigen der Selbstmordrate geführt. Die Angst, langsam sterben zu müssen, führt wohl häufiger zu der Entscheidung auf ein schnelles Ende. Aber auch der Verlust des Hauses und sozialer Bindungen führen zu Ängsten, Stress und Hoffnungslosigkeit.  

Strahlenbelastung:

Die Messung und Bewertung radioaktiver Strahlung wird häufig kompliziert dargestellt und kann viel Verwirrung stiften. Es sollen hier die wesentlichen Tatsachen kurz erwähnt werden. 
Becquerel  (Bq): 1 Bq ist ein radioaktiver Zerfall pro Sekunde.
Die Energie und die Zerfallsprodukte sind je nach Isotop unterschiedlich. 1 Bq = 1 / s
In unserem Körper ist Kalium mit 0,012 Prozent des radioaktiven Kalium-Isotops 40 vorhanden. Die Isotope erzeugen 40 bis 60 Bq pro Kilogramm Körpergewicht. Die zweite große körpereigene Strahlenquelle ist das Kohlenstoff-Isotop C14. Zusammen mit einigen weiteren radioaktiven Isotopen als Spurenelemente strahlt der Mensch mit rund 8.000 Bq. Die „innere“ Strahlung ist in Deutschland etwa ein Zehntel der natürlichen Strahlung.Becquerel ist kein ausreichendes Maß für die Strahlenbelastung, da die Energie nicht angegeben wird. 
Gray  (Gy): Gray ist die Strahlungsenergie, die von einen Kilogramm Masse  aufgenommen wird. Sie wird in Wattsekunden pro Kilogramm angegeben.
1 Gy = 1 Ws / kg
Dies ist die biologisch wirksame Strahlungsenergie. 
Die radioaktive Strahlung besteht jedoch aus α-, β- und γ-Strahlung, die wegen ihrer unterschiedlichen Massen und Geschwindigkeiten unterschiedliche biologische Wirksamkeit haben. Für die biologische Wirksamkeit werden daher Wichtungsfaktoren eingeführt. Die biologisch wirksame Strahlung wird in Sievert gemessen.
Sievert (Sv): Sievert ist die biologisch wirksame Äquivalenzenergie einer radioaktiven Strahlung. Auch Sievert wird in Wattsekunden pro Kilogramm  angegeben.
1 Sv = 1 Ws / kg          
Für γ- oder Röntgenstrahlung ist der Wichtungsfaktor 1.  α- und β-Strahlung haben höhere Wichtungsfaktoren.
Für die nachfolgenden Betrachtungen wird ausschließlich Sievert verwendet.

Strahlenwerte:

Strahlenleistung in Mikrosievert pro Stunde  (μSv/h).

Natürliche Strahlung in Deutschland:                                      0,1 –   0,6
Natürliche Strahlung in der Welt:                                           0,1 – 30*     (*Ramsar, Iran)
Sperrgebiet Tschernobyl unbelastet                                        0,1
am Kraftwerk maximal                                                          12
(am Kraftwerk max. am 30.8.1992 17)
Bereich der Rauchwolke                                                        0,6 – 8
Durchschnitt bei Besuch                                                       ≤1
Flug in 10 km Höhe                                                             4 – 5
Zug von Kiew nach Odessa                                                  0,1
Grenzwerte in Deutschland  zusätzlich zur Hintergrundstrahlung:
Kernkraftwerk Umgebung                                                      0,3
                      Endlager                                                        0,01
                  Kernforschung und Medizin                                   2,3   (20.000 μSv/Jahr)

Strahlendosis (Strahlenenergie) für Reiseabschnitte in Mikrosievert (μSv)

Flüge: Bremen-Amsterdam-Kiew:                                                                12
           Odessa-Kiew-Amsterdam-Bremen:                                                   15
           Sperrzone Tschernobyl:                                                                   4,5
Zugfahrt  Kiew-Odessa:                                                                              0,9
Die weitaus größte Strahlenbelastung auf der Reise waren die Flüge. Der Besuch in Tschernobyl war weniger als ein Fünftel der Flugbelastung. Alle Strahlenbelastungen waren gesundheitlich ungefährlich.
 

Maßnahmen nach dem Unfall

Nach dem Aufschrei über die gefährliche Strahlenverseuchung vor allem von Europa mit Deutschland an der Spitze wurde 36 Stunden nach dem Unfall die Stadt Pripyat innerhalb von 2 Stunden evakuiert. Pripyat liegt ca. 4 Kilometer nordwestlich vom Kraftwerk. Die Stadt hatte über 40.000 Bewohner, die weitgehend für das Kraftwerk arbeiteten. Danach wurden auch die umliegenden Dörfer geräumt und die Verbots- und Kontrollzone auf einen Radius von 30 Kilometern ausgeweitet. Insgesamt mussten mehr als 200.000 Menschen ihre Wohnung verlassen.
Gleichzeitig ging der Betrieb des Kraftwerks weiter. Die Bedienungsmannschaften arbeiteten 2 Wochen im Kraftwerk und kehrten dann für 2 Wochen zu ihren ausgesiedelten Familien zurück. Sie wohnten in der verlassenen Stadt Pripyat. Schwimmbad und Sporthalle der Stadt nutzten die Arbeiter noch bis zum Jahr 2000. Heute hat die Natur sich wieder ausgebreitet. Die mehrstöckigen Häuser sind von dichten Baumwuchs umgeben und von den Straßen kaum zu sehen. Sie sind ausgeschlachtet. Fenster, Türen und Armaturen konnte man wohl an anderer Stelle gut brauchen.
Nach den Angaben unseres Führers wohnen heute rund 100 Menschen wieder in der Sperrzone. Ein Teil der Sperrzone soll in Kürze aufgehoben werden.
Nach unseren Messungen können alle gefahrlos in ihre alte Heimat in der Sperrzone zurückkehren. In weiten Bereichen gibt es nur die überall vorhandene Hintergrundstrahlung von ca. 0,1 μSv. Doch selbst die durch Isotope kontaminierten Bereiche um das Kraftwerk und unter der Rauchfahne haben maximale Strahlenleistungen von 12 μSv/h. Das ist ein Drittel der natürlichen Strahlung, die in Ramsar im Iran gemessen wird. Unter dieser Strahlung leben Menschen seit Jahrhunderten ohne höhere Krebsraten oder Erbschäden. So sind auch von Tschernobyl keine Daten bekannt über Strahlenschädigungen des Bedienungspersonals der drei intakten Reaktoren, die nach dem Unfall noch lange weiter betrieben wurden.

Gefährdung durch radioaktive Strahlen

Radioaktive Strahlung durchdringt den Körper und zerstört Gene, wenn sie von der Strahlung getroffen werden. Die Zellen sind dann nicht mehr teilungsfähig. Sie sterben ab und müssen vom Körper abgebaut werden. Sie werden von Nachbarzellen, die weiter teilungsfähig sind, ersetzt. Unser Körper hat sich auf diese Arbeit eingestellt. Es kommt erst zu ernsthaften Schädigungen, wenn die Strahlung und damit die Zerstörung der Gene so hoch ist, dass der Körper die Schäden nicht mehr reparieren kann. In Tschernobyl hat sich gezeigt, in vielen Fällen kann der Körper längerfristig selbst hohe Strahlenschäden fertig werden. Denn von den 138 strahlenkranken Feuerwehrmännern und Hubschrauberpiloten starben nur 28 innerhalb von 8 Monaten.  
Bewohner in Gebieten mit hoher natürlicher Strahlung sind nach einer Reihe von Berichten gesunder und leiden weniger unter Infektionskrankheiten. Krebs und Fehlgeburten sind nicht erhöht. Unser Körper braucht offensichtlich eine ausreichende Strahlendosis (Hormesis) für ein optimales Wohlbefinden.

Folgerungen 

Die Wirkung radioaktiver Strahlung auf den Menschen ist noch nicht voll verstanden. Sicher ist jedoch, die Angst verbreitenden Warnungen vor tödlichen Gefahren durch einen GAU in einem Kernkraftwerk über Jahrhunderte und Gesundheitsschäden über die kommenden  Generationen sind um viele Größenordnungen zu hoch. Dies hat Tschernobyl gezeigt. Die Warnenden müssen sich im Klaren sein, dass sie viele Menschen bereits durch ihre unbewiesenen Schreckensaussagen ins Unglück oder gar in den Selbstmord getrieben haben. Es wird höchste Zeit, sachlich und ohne ideologische Vorbehalte die breite Öffentlichkeit über die Wirkung radioaktiver Strahlung aufzuklären.
Hans-Günter Appel