Was (angeblich) passiert war: „Im Jahre 2010 hat der Kohlendioxid-Ausstoß auf der Welt um mehr als sechs Prozent zugenommen – trotz Wirtschaftskrise. Das übertrifft selbst die pessimistischsten Prognosen des Weltklimarates“, so das SZ-Orakel Christopher Schrader, der dann aber weiter unten relativierte, der „bei sechs Prozent liegende“ Anstieg sei Ergebnis „vorläufiger Schätzungen“ des „Carbon Dioxide Information Analysis Centers [sic!] am [sic!] amerikanischen Oak-Ridge-Nationallabor.“ Das Hamburger Abendblatt berichtete von einer „aktuellen Hochrechnung“, korrigierte dann aber ebenfalls, es handele sich „lediglich um eine Schätzung“.

Joachim Wille von der FR wußte hingegen, der „CO2-Zuwachs“ sei „festgestellt“ worden. Auch der „Spiegel“ raunte von „düsteren Fakten“ auf der Basis von „neuesten Berechnungen des US-Energieministeriums“. In der FAZ-Meldung vier Tage später waren es hingegen nurmehr 5,9 Prozent zusätzliches Kohlendioxid. Dort hatte man anscheinend noch die offizielle Zahlen von Kain und Abel, der Sumerer, antiken Griechen, Römer, Inkas und aller anderen versunkenen Reiche parat und konnte daher ergänzen, dass 2010 „so viel Kohlendioxid ausgestoßen worden [ist] wie nie zuvor.“

Was jedoch nichts daran ändert, dass für 2010 überhaupt nichts gemessen, also „festgestellt“ (FR) worden war. Eine ältere Prognose des wenig kompetenten IPCC war von einer jüngeren Schätzung einer bisher wenig aufgefallenen Projektgruppe eines ultragrünen Ministeriums übertroffen worden, weiter nichts. Kenner der Debatte waren und sind schon allein deshalb nicht wirklich überrascht, da sie die Studie der kanadischen Autorin Donna Laframboise kennen („The Delinquent Teenager Who Was Mistaken for the World’s Top Climate Expert – IPCC Expose“ – „Der kriminelle Teenager, der mit dem besten Klimaexperten der Welt verwechselt wurde – das IPCC-Exposé“), die sehr gut herausgearbeitet hat, wer beim IPCC recherchiert: sehr oft Doktoranden, die mit Mitte Zwanzig auf der Suche nach ihrer ersten Festanstellung sehr gerne das aufschreiben, was der Weltklimazirkus von ihnen erwartet.

Befasst man sich intensiver mit diesem Nicht-Ereignis, entwickelt sich die Causa zu einem Lehrstück über die Funktionsweise deutscher Medien. So gelten als Informationsquelle je nach Blatt „Forscher“ und „die US-Regierung“ (Hamburger Abendblatt), das US-Energieministerium und der „US-Professor“ Gregg Marland (FR, Die Welt), das bereits genannte CDIAC des amerikanischen Energieministeriums (FAZ, die kryptisch ergänzt: „Noch fehlen allerdings wichtige Dokumente.“) oder sogar „der oberste deutsche Klimaforscher“ Jochem Marotzke („Spiegel“).

Der vielbeschäftigte Professor sei „Atmosphärenforscher“, „Vorsitzender des Deutschen Klimakonsortiums“ und „Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg“ und habe seinen „Zuhörer[n] aus Politik und Ministerien“ erklärt, warum „sich seine Zunft überhaupt so sicher ist, dass es den Klimawandel gibt“ – so die Herren Traufetter und Schwägerl im „Spiegel“, die zu wissen scheinen, dass man in Deutschland mit einem argumentum ad verecundiam nicht nur dann weiterkommt, wenn man der Hauptmann von Köpenick ist.

In Wirklichkeit hat fast die gesamte deutsche Presse bei dem für seinen extrem einseitige Kampagnenjournalismus bekannten Seth Borenstein (Associated Press) abgeschrieben, der seinen Beitrag „Biggest jump ever seen in global warming gases“ bereits am 3. November um 19.05 Uhr (US-Ostküstenzeit) abgesetzt hatte. Marc Morano von climatedepot.com berichtet seit Jahren regelmäßig über dessen Fehlleistungen in Sachen Klima. Demnach „half“ der bereits genannte Professor Marland „dem Energieministerium in der Vergangenheit beim Rechnen“. Tom Boden war anscheinend der, der beim Kohlendioxid-Informations- und Analyse-Zentrum (CDIAC) die Fäden in der Hand hielt.

Macht man sich im Internet auf die Suche nach den beiden Herren und ihrer Studie, fallen mehrere Fakten auf, die den deutschen Journalisten und damit ihren Lesern entgangen sind. Marland ist Professor an einer Universität, die nicht gerade zur Spitzengruppe Ivy League gehört. Die Appalachian State University (ASU) in North Carolina mag ihre Vorzüge haben, aber im Forbes-Ranking aller US-Universitäten kommt sie 2011 auf Platz 438. 2009 lag sie noch auf Platz 378, 2010 auf 392. In anderen Rankings kommt sie nicht wesentlich besser weg. In dem von „US News“ gilt die ASU sogar nicht einmal als Volluniversität. Mit Berkeley, der Heimatuniversität des verantwortlichen Energieministers Prof. Steven Chu, verbindet sie, dass sie sich in den Rankings der letzten Jahre immer weiter verschlechtert hat.

Tom Boden wird auf der Webseite seines Instituts, das aus nur 13 Mitarbeitern einschließlich Webmaster zu bestehen scheint (und damit sogar kleiner als EIKE wäre) und dem US-Energieministerium zugeordnet ist, als „AmeriFlux data manager, CDIAC Director“ bezeichnet. Sein eigentlicher Job scheint in der Auswertung von CO2-Daten aus einem landesweiten Meßnetz zu bestehen. Als ein weiterer Beiträger, der in den Medien nicht vorkam, erscheint dort T. J. Blasing, Fachgebiet „Atmospheric levels of greenhouse gases, fine-resolution U.S. fossil-fuel CO2 emissions“.

Das CDIAC liegt im ländlichen Oak Ridge in Tennessee (30.000 Einwohner), am Ort des gleichnamigen Nationallabors, zwischen den westlichen Ausläufern des Appalachen-Gebirges, etwa 250 Kilometer entfernt von Prof. Marlands Arbeitsstelle, der ASU am Osthang des Gebirges. Boden, Blasing und Marland macht es also sicher nichts aus, mit einer wenig aufwändigen Datensammlung ein paar Prominenzpunkte einzusammeln. Allerdings haben ihre Erkenntnisse im übergeordneten Energieministerium einen so geringen Stellenwert, dass man sie auf der Ministeriums-Website nicht findet.

Das ist umso erstaunlicher, da Energieminister Chu einer der prominentesten Erderwärmungsapostel der Welt ist und seine Website mehr an die von Greenpeace als an die einer seriösen Behörde erinnert. Chu hat im übrigen derzeit mit ein paar handfesteren Problemen zu kämpfen, da er dem Kongress erklären musste, warum er der bankrotten, aber mit der Demokratischen Partei aufgrund üppiger Parteispenden eng verbundenen insolventen Solar-Bude Solyndra kurz vor Toresschluss noch ein staatliches Darlehen von „nur“ 535 Millionen Dollar besorgt hat.

Die angebliche CO2-Studie selbst besteht bisher aus einer halbseitigen Erläuterung der Methodologie und einer sechsseitigen Tabelle mit dem länderweise geschätzten/erkannten/berechneten CO2-Ausstoß der Jahre 2008 bis 2010. Auf der CDIAC-Website findet sich zudem die Zusammenfassung eines Berichts, „der bereits für eine Peer Review eingereicht wurde“ und vermutlich wie der letzte Bericht dieser Art in der der Wärme-Fraktion äußerst geneigten, da zum Holtzbrinck-Konzern gehörenden Zeitschrift Nature Geoscience erscheinen wird.

Selbst, wenn wir in Betracht ziehen, wie mitunter Peer-Review-Prozesse gehandhabt werden, man denke an den ClimateGate-Skandal und das berüchtigte „Team“ um Michael Mann, wer hätte gedacht, dass Klima-Alarmisten eine Studie anpreisen, die es noch nicht einmal durch den akademischen Begutachtungsprozeß geschafft hat? Einige Alarmistenblogs „verwechselten“ daher das Jahr und gaben den begutachteten Bericht des Vorjahres als diesjährigen Fachaufsatz aus.

Außerdem gibt es eine Art Presserklärung des CDIAC vom Oktober 2011 (ohne genaues Datum) über die „vorläufigen globalen und nationalen Schätzungen [!] der Kohlendioxid-Emissionen aus der Verbrennung fossiler Treibstoffe und der Zementproduktion“. Demnach nehmen die Wissenschaftler für diesen Teilbereich der globalen anthropogenen CO2-Emissionen (und nur für diesen!) einen Anstieg von 5,9 Prozent für 2010 im Vergleich zu 2010 an. Zur Erinnerung: In der Überschrift der „Süddeutschen“ waren es „mehr als sechs Prozent“.

Während die Emissionen Chinas in diesem Zeitraum um 10 Prozent angestiegen seien, betrage der Anstieg in den USA nur 4 Prozent. Der US-Gesamtausstoß liege noch immer unter dem Wert von 2007. Wie die dazugehörige Tabelle zeigt, ähnelt der US-Trend der Entwicklung in Deutschland. Hier sank der CO2-Ausstoß 2009 aufgrund der Wirtschaftskrise im Vergleich zum Vorjahr um 7 Prozent und stieg im Jahr darauf wieder um 4 Prozent an. Vorausgesetzt natürlich, alle Beteiligten haben richtig gerechnet, geschätzt bzw. festgestellt.

Zu den Datenquellen ihrer CO2-Tabelle führen die Autoren aus, dass sie sich nicht (wie das IPCC) auf die Statistikabteilung der UNO beziehen, da diese ihre Zahlen stets erst nach jeweils zwei bis drei Jahren veröffentlicht. Vor allem wegen dieser den komplizierten Umständen der Erhebung geschuldeten Verzögerung habe die CDIAC eine „vorläufige Emissionsschätzung“ (!) vorgenommen. UN-Statistik hin oder her (dieses Thema muss hier außen vor bleiben): Es steht damit fest, dass es sich bei der CDIAC-Tabelle eben nicht um abschließende, ultimative Berechnungen des CO2-Ausstoßes handelt. Diese werden erst für 2012 oder 2013 erwartet! Außerdem sollte man über die Emissionswerte, die angeblich so hoch wie nie zuvor „sprangen“ (Seth Borenstein, AP), wissen, dass die CDIAC-Abschätzungen mit vergleichbarer Methodologie nur „fast 25 Jahre“ zurückreichen. Für die Zeit davor wird auf die UN und die US-Geobehörde verwiesen, für die Zeit vor 1950 auf Rekonstruktionen auf der Basis „einer Vielfalt von Quellen“.

Aber es wird noch besser: „Die Schätzungen für 2009 und 2010 basieren auf Energiedaten des Energieunternehmens BP.“ Das von den deutschen Medien heraus posaunte Nicht-Ereignis ist also in Wirklichkeit eine Rechenübung auf der Basis der jährlichen und altbekannten „Statistical Review of World Energy“ von BP, wer hätte das gedacht! Und zum CO2-Ausstoß durch Erdgasverbrennung heißt es sogar, man „vermutet, die Emissionen sind zu den Werten von 2008 unverändert“ – hierfür hat man also überhaupt keinen neuen Daten herangezogen! Nachvollziehbar sind lediglich die Angaben für die Zementproduktion, bei denen man sich auf die allgemein anerkannte US Geological Survey bezieht. Damit verschwindet der angebliche Anstieg im statistischen Rauschen. Wie so oft muss man festhalten, dass man auch beim CDIAC nichts Genaues weiß.

Dass die Datensammlung aus Tennessee nicht viel hergibt, könnte auch den Kampagne-Helfern in den Medien klar gewesen sein. Denn die aus ihr gestrickten Artikel bestehen zu großen Teilen aus Zitaten von Unbeteiligten, die die Tabelle mit Sicherheit nicht studiert haben, aber offenbar bei jeder sich bietenden Gelegenheit ihre sehr vorhersehbare Meinung zur Klimakatastrophe absondern müssen. In der AP-Meldung sind das vier hierzulande wenig bekannte Professoren mit Verbindungen zur CO2-Forschung, darunter ein Arbeitsgruppenleiter des IPCC. Auch ein Seitenhieb auf die bösen Klimaskeptiker darf hier nicht fehlen.

In den deutschen Medien werden daraus die unvermeidliche Obergrüne Claudia Roth und Fatih Birol von der Internationalen Energie-Agentur (SZ), der besagte Hamburger Professor Marotzke, der laut „Spiegel“ bei seinem Vortrag sogar „stöhnt“, Professor Ottmar Edenhofer, Vizepräsident einer Organisation, die in Fachkreisen als „Potsdam Institut für Kreative Mittelbeschaffung“ bekannt ist, die Grünen-Fraktionsvorsitzende Bärbel Höhn (Welt) oder Ulrike Höfken, ebenfalls Grüne und Umweltministerin von Rheinland-Pfalz. Am 5. November kam dann noch Jochen Flasbarth, Nabu-Aktivist und Chef des Bundesumweltamtes, in einem ausführlichen Interview in der „Welt“ zu Wort, in der er gottgleich davor warnte, „dass uns die Natur das Ruder aus der Hand reißt.“ Man müsse jetzt „alles tun, um die Treibhausgasemissionen zu senken.“ Alles?

Die Auswahl der Politiker belegt im übrigen einmal mehr die Parteipräferenzen deutscher Journalisten, denn sicher hätte auch der eine oder andere Funktionsträger der anderen vier Bundestagsparteien gerne seine große „Betroffenheit“ bekannt gegeben. Erneut wird deutlich, dass weder SPD, noch CDU, CSU und FDP in den Medien von ihrem „grünen“ Opportunismus profitieren.

Am 8. November berichtete schließlich der „Welt“-Autor Wolfgang W. Merkel über die Ergebnisse einer Rostocker Studie, die im Kommentarbereich für wütende Reaktionen sorgte. Überschrift: „Rentner sind mit Abstand die größten Klima-Killer“. Es seien die Mitsechziger, die durch ihren Konsum am meisten „Klimagas“ produzieren. Doch auch diese These kann nicht ernst genommen werden: Der private Konsum von Menschen außerhalb des Berufslebens muss schon allein aufgrund der anders strukturierten Alltagsorganisation anders aussehen, als der von Arbeitnehmern, die die einen Großteil ihrer Zeit am Arbeitsplatz verbringen. Fragwürdig auch, warum sich ein Max-Planck-Institut für demographische Forschungen mit Klimaforschung befasst.

Die genannten Beispiele und der Verlauf der Medienkampagne vom 4. bis 8. November zeigen eindrucksvoll, wie nervös die Wärme-Fraktion geworden ist. Wie in den Vorjahren steht die Kampagne in Zusammenhang mit der nächsten, vermutlich erneut ergebnislosen UNFCCC-Klimakonferenz in Durban, wie in einigen der hier zitierten Beiträge auch unmissverständlich klar gemacht wurde. Allerdings war der jährliche November-Beweis für den globalen Klimakollaps in diesem Jahr so lachhaft und durchschaubar wie nie zu vor. Das sprichwörtliche Eis, auf dem sich die Alarmisten bewegen, wird immer dünner. Denn eine immer größere werdende Schar freiheitlich motivierter und an Wissenschaftsethik interessierter Autoren, Wissenschaftler und Aktivisten ist dabei, den ökologisch-industriellen Komplex auf der Basis unwiderlegbarer Fakten zu entzaubern. Erste Absetzbewegungen unter Politikern sind die Folge.

Es ist zudem sehr verräterisch, wenn UBA-Chef Flaßbarth diesen Vorfall nutzt, um vor dem Hintergrund des 2012 auslaufenden Kyoto-Abkommens eine Aufrechterhaltung des äußerst lukrativen Emissionshandels zu fordern. Dessen Kosten sollen weiterhin beim deutschen bzw. europäischen Steuerzahler abgeladen werden. Mit einer (weiteren) dreisten Angstkampagne, diesmal der Umdeutung harmloser Schätzwerte aus Tennessee zum Klima-GAU und der „Verlegung“ dieses Nicht-Ereignisses vom Oktober in den November, sollte anscheinend dazu beigetragen werden, die Bevölkerung gefügig zu machen und auf weitere Belastungen im Namen einer guten Sache vorzubereiten und damit die Macht der grünen Eliten abzusichern. Ähnliche Beispiele kennt Deutschlands Geschichte leider zuhauf. Das überwältigend negative Echo in den Kommentarspalten aller Zeitungen zeigt, dass das immer weniger gelingt.

Dr. Holger Thuss,

Präsident EIKE