Die Hoffnung auf Vernunft, als letzte Woche ein massiver Ausbau und eine Förderung der Kernenergie in Europa angekündigt wurde, starb schnell. Es war eine Presseente. Im Energiefahrplan werden auf 220 Seiten sechs mögliche Szenarien vorgestellt – alle mit einem deutlichen Abwärtstrend der installierten nuklearen Leistung. Um die Auswirkungen bestimmter Maßnahmen vergleichen zu können, ist es in solchen Studien üblich, ein Referenzszenario zu verwenden, das dem „business as usual” entspricht. Hier wurden politische Konzepte, die bis März 2010 verabschiedet wurden, bei normaler Marktentwicklung bis 2050 extrapoliert. Dabei zeigt sich in der Tat ein Anstieg der nuklearen elektrischen Leistung von heute (2005) 130 GW auf 170 GW (2.3 Tab.26, „Power generation”), was ganz gut 40 KKW-Blöcken entspricht. Dies könnte der Ursprung des Gerüchts sein, dessen Urheber wohl nicht verstanden haben, welchem Zweck ein Referenzszenario dient.
Aber zur eigentlichen Studie. Mit der Modellierung der Szenarien wurde die National Technical University of Athens beauftragt, wo man das Wirtschafts-Simulationssystem PRIMES dafür entwickelt und verwendet (offensichtlich an der eigenen Wirtschaft schon erprobt). Dieses frisst Zahlen wie das Bruttoinlandsprodukt, Öl- und Kohlepreise, Steuersätze, Zinsraten, uvm. und spuckt dafür Dinge wie CO2-Emissionen und Strompreise aus, indem es einen Gleichgewichtszustand ermittelt. Eine gewisse Infrastruktur muss dabei vorgegeben werden wie z.B. Kraftwerke, Vernetzungen, Verbrauchsverhalten. Es erinnert ein wenig an das beliebte Wirtschafts-Simulationsspiel SimCity, nur dass ein wesentlicher Bestandteil fehlt: Die Dynamik.
Die Strompreise (und damit langfristig die Preise für alle Produkte) werden mit jedem konventionellen Kraftwerk, das abgeschaltet wird sobald es durch ein „regeneratives” ersetzt wurde, anziehen. Dies verteuert wiederum den Bau neuer „regenerativer” Anlagen, denn diese können nun – große Überraschung – weniger aus der preiswerten konventionellen Energie gefertigt werden. Diese rückkoppelnde Preisspiralen-Dynamik schlägt auf die gesamte Wirtschaft durch und wird in der „Energy Roadmap 2050” nicht berücksichtigt. Stattdessen werden die Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts, der Preise und anderer Parameter aus allgemeinen wirtschaftlichen Trends hergeleitet und PRIMES aufgezwungen.
Studien zu Energieszenarien haben momentan Hochkonjunktur. Sie alle machen den gleichen Fehler eines statischen Modells ohne die durch die Verteuerung des Anlagenbaus selbst entstandenen Preissteigerungen rückkoppelnd einzurechnen. Wer die Mathematik nicht beherrscht, wird dann halt „experimentell” irgendwann feststellen müssen, dass die neuen Anlagen bei den dann vielleicht 10-fachen Strompreisen einfach nicht mehr bezahlbar sind. Dann zeigt sich, dass PRIMES schlechter programmiert war als SimCity, und das bedeutet für Europas Wohlstand: GAME OVER. 
Gastbeitrag von Dr. Götz Ruprecht; Berlin
Weiterführender Link: Die Energiepreise werden steigen