Der Schwarzwälder Bote: ein Bote für Hinterwäldler?

Von Prof. Dr. Horst-Joachim Lüdecke

Selbst im beschaulichen Villingen-Schwenningen erhitzen sich die Gemüter des Gemeinderats im Disput über angedachte PV-Anlagen auf Freiflächen. Darüber berichtet nun auch der Schwarzwälder Bote am 29 Januar 2025 unter Sonstiges mit dem Titel „Das ist der Faktencheck von Steffen Ettwein (FW)“. Liest man den angeblichen Faktencheck Ettweins, fragt man sich, ob es hierzulande überhaupt noch ordentlichen Sachkundeunterricht (Mathe, Physik, Technik, vielleicht auch ein wenig Wirtschaft) in Schulen gibt, und sei er wenigstens homöopathisch. Meine eindeutige Antwort auf diese Frage nach lesen des Artikels im SCHBOT lautet leider „Nein“. Nun die Argumente im Artikel des SCHBOT:

  • Dem Einwand eines Gegners der PV-Freianlagen, der auf bereits genügend Dachanlagen hinweist, entgegnet der „Faktenchecker“ Ettwein, dass diese gemäß Fraunhofer ISE nicht ausreichen würden. Diese Argumentation wurde schon unzählige Male als falsch widerlegt, es ist offenbar hoffnungslos. Sie ist nur vordergründig richtig, weil sie auf der falschen Vorstellung beruht, dass es ausreiche Strom-Mengen auszugleichen, die sich aus den gemittelten Leistungen der installierten Stromerzeugungsanlagen (hier PV und Windräder) und dem Verbrauch von Bevölkerung und Industrie ergeben. So einfach ist es aber nicht. Strom muss zuerst einmal genau dann verbraucht werden, wenn er erzeugt wird und dies in Sekundenbruchteilen! Längerfristig zu wenig erzeugter Strom, aber auch zu viel erzeugter Strom sind fatal für die Auftrechterhaltung der Netzstabilität! Bei zu wenig Strom sind zusätzliche Stromquellen zu aktivieren, bei zu viel Strom besteht das fast noch größere Problem des „wohin damit“. Für Begriffsstutzige: Auch eine Million deutscher Windräder bringen nichts bei einer wochenlangen deutschlandweiten Windflaute, denn eine Million mal Null ist immer noch Null. Und noch so viele PV-Anlagen auf Dächern oder sonst irgendwo bringen ebenfalls nichts, wenn die Sonne im Winter tief steht und sich auch noch hartnäckig hinter Wolken versteckt. In beiden Fällen müssen die so verteufelten Kohle-, Gas- oder Kernkraftwerke eingreifen, damit das Netzt nicht zusammenbricht. Dieses Eingreifen kostet extrem viel Geld, was sich nicht zuletzt auch im Strompreis niederschlägt. Zudem verschleißen die Ersatzkraftwerke schneller, denn sie waren ursprüglich nicht auf intermittierenden Betrieb ausgelegt. Schlussendlich hat es sich offenbar noch nicht herumgesprochen, dass ausreichend Speicher eine unbezahlbare und infolge nicht stemmbaren Materialbedarfs undurchführbare Option ist.
  • PV ist extrem wetterabhängig, d.h. der PV-Strom ist meist unbrauchbar – begriffen? Im Winter gibt es ihn so gut wie nicht, im Sommer ist er im Überflus vorhanden und gefährdet die Stabilität der Stromnetze, weil Dachanlagen (noch) nicht abregelbar sind. Das ist politisch mit sog. Smartmetern geplant, die wieder selber ein wenig Strom verbrauchen, vom Mieter bzw. Hausbesitzer zu bezahlen sind und gleichzeitig ein wunderbares Überwachungsinstrument des übergriffigen Staates sowie Einfallstor für kriminelle Internet-Hacker sind. Man kann jedem Hausbesitzer nur allen rechtlich zulässigen Widerstand gegen Smartmeter anempfehlen, die bisher übliche Messung durch Ablesung reicht aus.
  • Jede neue PV-Anlage und jedes neue Windrad verschärft das Problem der Netzstabilität. Grundsätzlich müssen mindestens 30% aller Stromerzeugung aus Grundlastkraftwerken (Kohle, Gas, Uran) kommen. Deren Turbinenwellen , zum Teil über 60 m lang und über 100 t schwer, die sich mit Netzfrequenz drehen, bügeln alle ansonsten nicht beherrschbaren Kurzstörungen weg wie z.B. Blitzeinschläge in Trafostationen, oder Zerstörung einer Hochspannungsleitung durch äußere Gewalteinwirkung. Es kann nicht genug betont werden, dass nur mit PV oder Windrädern allein ein Wechselstromnetz nicht betrieben werden kann. Ob Deutschland mit seinen nicht einmal 2% aller weltweiten CO2-Emissionen seine Energiewende noch durchdrückt oder nicht, ändert zudem nichts an irgendeiner Klimazone von tropisch bis polar. Das haben 80% der Weltbevölkerung schon lange vor der US-Wahl begriffen, nun sind es auch noch 300 Millionen US-Amerikaner mehr. Es gibt keinen Klimanotstand, sondern nur Notstand des gesunden Menschenverstands bei denjenigen Zeitgenossen, die immer noch den von grüner Ideologie und grünen Medien verbreiteten Klima-Unsinn glauben.
  • Befürwortern der PV entgeht außerdem der zweite fundamentale Nachteil, dass PV nach Energiemais die geringste Leistungsdichte S (S ist Leistung P pro benötigter Bodenfläche in W/m2) von allen Methoden der Stromerzeugung aufweist. Oder anders herum: P = S x Bodenfläche. Somit wird bei zu kleiner Leistungsdichte S eine sehr große Bodenfläche und sehr viel Material fällig, um das oben genannte Produkt von elektrischer Leistung P überhaupt noch ausreichend zu machen. Dies ist zum Beispiel auch der Grund, warum Windräder so riesig und schwer sein müssen (7000 t inkl. Fundament für angesichts dieses Aufwands lächerlich geringe jahresgemittelte Leistung). Die Anwendung von Methoden kleinster Leistungsdichte wie Strom aus Wind und Sonne dreht die historische und in aller Zukunft unabdingbare Tendenz der technischen Entwicklung hin zu immer höheren Leistungsdichten mit grüner Gewalt und Dummheit ins genaue Gegenteil, oder im Klartext ins energetische Mittelalter.
  • Ettwein behauptet „Der Vorwurf, Solarstrom sei nur durch Subventionen rentabel, ist irreführend.“ Das ist zweierlei falsch. Ersten ist Solarstrom grundsätzlich nicht rentabel. Möglich wurde er wegen seiner zu geringen Leistungsdichte und Wetterabhängigkeit nur in Planwirtschaften wie der Energiepolitik des heutigen Deutschlands. Mit Rentabilität im wirtschaftlichen Sinne hat Planwirtschaft wenig zu tun. Zweitens muss aller PV-Strom hierzulande gesetzlich eingespeist werden und wird somit auch vergütet, auch wenn er nicht gebraucht wird. Ohne diesen planwirtschaftlichen Schwachsinn würde der PV-Spuk nur noch für private Hobbys Sinn machen und schnell verschwinden. Bekanntlich sind die Spanier nicht gerade auf den Kopf gefallen, denn auf den Kanaren sucht man PV in maßgebendem Umfang vergeblich – trotz der dort kaum noch zu übertreffenden besten Sonnenscheinbedingungen.
  • Durch den starken Windrad- und PV-Ausbau hat Deutschland heute die höchsten Strompreise weltweit. Woran das wirklich liegt, wurde oben kurz erläutert. Wenn PV und Windräder wirklich so toll wären, warum machen dann nur wir die Energiewende? Andere Länder können vielleicht doch besser rechnen und lassen klugerweise diesen Unsinn sein.
  • Die Behauptung Ettweins „Untersuchungen zeigen, dass biodiversitätsfreundliche PV-Anlagen die Artenvielfalt sogar erhöhen können“ kann nur Kopfschütteln um so viel sachlichen Schwachsinn auslösen.
  • Alle Zitate von Ettwein sind fragwürdig. Agora Energiewende ist befangen und keine zuverlässige Quelle. Das Gleiche gilt für viele Fraunhofer Institute. Ferner ist Ettweins Argumentation, so und so viel Prozente aller Deutschen würden PV unterstützen, vielleicht eine interessante Info zu Meinungen, aber kein Sachkriterium für die reale Sinnhaftigkeit von PV.

Die Gemeinde Villingen wäre gut beraten, das herausgeworfene Geld für eine PV-Anlage vernünftigeren Zwecken zu widmen.




Klimaschutz und Energiewende: Vernunft gegen Ideologie und Dummheit

Von Prof. Dr. Horst-Joachim Lüdecke

Deutschland befindet sich in schwerem Fahrwasser. Dies bestätigen die freien Medien, und sogar die Volkserziehungs-ÖR wie ARD und ZDF können nicht vermeiden, dass es sich herumspricht. Stellvertretende Beispiele, was so alles schiefläuft? Hier einige: Kein Hausbesitzer oder Mieter weiß noch genau, was in Zukunft für seine Heizung gelten darf und was alles kostet. Wer inzwischen ungewöhnlich lange auf die Reparatur seines älteren Autos wartet und „woran liegt es?“ nachfragt, erfährt „Zu wenig brauchbare Auszubildende im KFZ-Handwerk – und nicht nur dort“. Die ehemals pünktliche Deutsche Bahn gibt heute Fahrpläne heraus, die nur Wunschvorstellungen sind. Nicht nur zunehmend der Mittelstand, sondern auch Weltunternehmen wie die BASF verlassen Deutschland… Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen.

Dieses Abgleiten eines ehemals vorbildlichen Industrielandes führt uns zu „Klimaschutz“ und „Energiewende“. Das Scheitern der Energiewende bei weltweit höchsten Strom- und Energiepreisen und immer näherem Vorbeischrammen an Brownout oder Blackout bei Dunkelflauten füllt inzwischen zahlreiche Sachbücher. Die Energiewende wird mit „Klimaschutz“ begründet, obwohl Deutschland mit grob 1,5% der weltweiten CO2-Emissionen keinen Einfluss auf irgendein Klima in der Welt ausübt. Dass der aktuelle Klimawandel maßgebend menschgemacht sei, gehört heute buchstäblich zum religiösen Kanon. Ein Klimaeinfluss des Menschen und generell aller weiteren Lebewesen ist zwar sicher (hier), aber keineswegs dessen Stärke! Der als Wahrheitskünder geltende IPCC kann diesen Stärkewert mit dem Fachbegriff „Klimasensitivität“ nur mit 100% Ungenauigkeit schätzen. Auf einer solch fragwürdigen Grundlage wird aktuell unsere industrielle Basis zerstört. Was den Bürger vorrangig interessiert, sind aber die Kosten der Energiewende, denn technisch ist fast alles machbar.

Zu den Kosten gibt es inzwischen verlässliche Abschätzungen mit konkreten Zahlen. An erster Stelle ist dabei Prof. Dr. André Thess, Energieforscher an der Universität Stuttgart, zu nennen (hier). Im WELT-Interview vom 12.04.2024 (hier) sagte Thess „Die deutsche Vision ist unbezahlbar“. Genauer sagt er in Blog von Tichy, dass die vollständige Umstellung der deutschen Energieversorgung auf Wind und Sonne zehn Billionen Euro, also etwa 100.000 Euro pro Kopf in Deutschland kosten würde (als Podcast hier). Gestreckt auf 20 Jahre müsste gemäß Thess Deutschland jährlich 10% seiner Wirtschaftsleistung für Klimaneutralität ausgeben. Ähnliches berichteten auch der FOCUS Online am 30.04.2024 (hier) und die FAZ vom 1.05.2024 (hier). Detaillierte Berechnungen für nähere Information liefert Dipl.-Ing Klaus Maier hier und hier.

„Weiter-so“ mit der Energiewende wäre fatal und keine Lösung. Die folgende Agenda ist aber eine, der neue US-Präsident führt uns gerade die entsprechende Agenda für sein Land vor:

  • Austritt aus dem Pariser Klimaabkommen. Beendigung der aktuellen Planwirtschaft zur Nutzung von Wind, Sonne und Energiemais. Die CO2-Bepreisung ist sofort abzuschaffen. Freier Markt für jede Methode der Energiegewinnung, unabdingbar nur Umweltverträglichkeit und Wetterunabhängigkeit. Insbesondere sind auch zukünftig wieder Kernkraftwerke zu bauen.
  • Beseitigung von 80% aller bürokratischen Behinderungen von Industrie und Bauwirtschaft.
  • Konsequentes Subsidaritätsprinzip an Stelle der Befolgung von diktatorischen und oft willkürlichen EU-Bestimmungen. Deutschland kann für eine entsprechende Reform sorgen, so dass aus der EU eine uneingeschränkt-demokratische Institution ohne fragwürdiges Kommissarsystem wird.

Es ist unwahrscheinlich, dass sich eine deutsche Regierung, welcher Couleur auch immer, einer erfolgreichen neuen Politik der USA entziehen kann. Also – hoffen wir mal!




Lindners jüngstes Thesen-Papier „Wirtschaftswende Deutschland- Konzept für Wachstum und Generationengerechtigkeit“ kommt zu spät

Von Prof. Dr. Horst-Joachim Lüdecke

Selbst Zeitungen wie die FAZ, Süddeutsche etc., die längst kritischen Journalismus durch Regierungsnähe ersetzt haben, kommen nicht umhin sich vorsichtig an die Wahrheit heranzuschreiben. Diese lautet im Klartext:  Die Energiepolitik der Ampel war von Beginn an eine grün-ideologische Verirrung. Sie wurde von Hasardeuren ohne geringste Fachkenntnisse mit heißer Nadel gestrickt. Insbesondere die Endkosten von mehreren Billionen Euro für die Bevölkerung (hier) waren den Verantwortlichen egal. Deutschland musste zum Vorbild und Weltretter vor einer beschworenen „Klimakatastrophe“ werden. Als Folge ist inzwischen die deutsche Industrie schwer angeschlagen, und eine Erholung steht – wenn überhaupt noch möglich – in den Sternen. In einem Artikel des etwas frecheren FOCUS schreibt Jan Fleischhauer „Wäre Deutschland eine Aktie, dann lautet die einhellige Empfehlung: Verkaufen und zwar sofort“ (hier). Die aktuelle deutsche Regierungspolitik erzeugt weltweit Unverständnis – im besten Fall Mitleid.

Die beiden immer noch sorgsam ignorierten Elefanten im Raum, die das Unglück verantworten, sind

  • Massenmigration,
  • „Klimaschutz“ und Energiewende und die dadurch unausweichliche Planwirtschaft mit sich grenzenlos selbst aufblasenden Bürokratien und Regulierungen.

Der erste Elefant gefährdet unser Sozial-, Renten-, Gesundheits- und Schulsystem, unsere Sicherheit und unsere Kultur. Der zweite Elefant gefährdet unsere finanzielle Basis und erstickt jede vernünftige wirtschaftliche Aktivität. Deutsche Firmen, die es noch können, wandern aus und nehmen ihre Arbeitsplätze einfach mit sich.

Nunmehr scheint der Finanzminister der „Ampel“, Christian Lindner zu versuchen mit seinem Thesenpapier „WIRTSCHAFTSWENDE DEUTSCHLAND – KONZEPT FÜR WACHSTUM UND GENERATIONENGERECHTIGKEIT“ den Stecker zu ziehen. Der Originaltext ist ein wenig schwierig zu finden, man erhält ihn von der Berliner Zeitung (hier). Verhältnismäßig lang und mit vielen Grafiken gespickt hat er, etwas ungewöhnlich, kein Erstellungsdatum. Zumindest habe ich keines gefunden.

Was steht nun drin in diesem Lindner-Text? Im Großen und Ganzen das, was nicht nur EIKE (zuständig für den zweiten Elefant), sondern generell alle guten kritischen Internet-Blogs wie Tichys Einblick, Achgut, Pi News und viele weitere längst seit Jahren kritisieren und wofür sie unermüdlich Remedurvorschläge anmahnen. Diese Remeduren sind im Lindner-Papier zwar oft stark abgehobelt, aber immerhin genannt. Das Papier von Lindner wäre daher ein guter Ansatzpunkt für ein dringend nötiges „Vom-Kopf-wieder-auf-die-Füße-stellen“ Deutschlands, bevor es noch weiter in Richtung der Wirtschaften von Venezuela und Kuba geht. Um es daher ganz kurz auf den Punkt bringen, ist die

komplette Schlachtung der beiden Elefanten!

unabdingbar!

So weit so gut, aber was hat Lindners FDP eigentlich die ganzen Jahre so gemacht? Hat sie nicht jede Gesetzesvorlage der Ampel ohne Gegenwehr mitverantwortet? Besonders fragwürdig tat sich hier der zweite Mann der FDP hervor, Wolfgang Kubicki. Fast jedes Mal war von ihm eine vernünftige Absage an fragwürdige im Bundestag eingebrachte Gesetzesvorlagen zu hören, aber dann hob er doch regelmäßig die Hand bei der Abstimmung. Von glaubwürdig oder gar „liberal“ konnte bei der FDP schon lange nicht mehr die Rede sein. Daher ist nach allen bisherigen Erfahrungen trotz des Thesenpapiers von Lindner wieder einmal mit seinem bereits sprichwörtlich gewordenen Umfallen zu rechnen. Die dazu erforderlichen Worthülsen wie „das Schiff nicht einfach verlassen können“, „Verantwortung übernehmen“ etc. etc. sind dann wohlfeil und sicher.

In diesem Zusammenhang erlaube ich mir die Schilderung eines zum Thema passenden persönlichen Erlebnis. Anlässlich meiner gutachterlichen Aussagen in Anhörungen des Düsseldorfer Landtags vor mehreren Jahren kontaktierte ich Christian Lindner. Daraus entwickelte sich unbeabsichtigt eine zwei- oder dreimalige (an die genaue Anzahl erinnere ich mich nicht mehr) sonntägliche politische Diskussion mit ihm per Telefon. Die FDP war zu dieser Zeit nicht in Regierungsverantwortung, anders wäre es dazu wohl kaum gekommen. Mein aus diesen Telefonaten gewonnener Eindruck war, dass ich es mit einem hochintelligenten und fachlich kompetenten Politiker zu tun hatte – soweit ich dies als ökonomischer Laie beurteilen kann. Ich konnte anlässlich dieser interessanten Diskussionen bei ihm aber keine unverrückbar feste politischen Überzeugung erkennen wie sie beispielsweise bei Konrad Adenauer, Ludwig Erhard und später bei Franz-Josef Strauß, Helmut Schmidt oder Gerhard Schröder Markenkennzeichen waren. Schade, denn insbesondere eine liberale Partei mit festen unverrückbaren Prinzipien darf in in unserem demokratischen Spektrum nicht fehlen oder völlig verschwinden wie es momentan zu befürchten steht.




Der Sonntagsfahrer: Habeck, Kuba und das fehlende Licht

„Kuba ist das nachhaltigste Land der Welt“, beschrieb der Spiegel 2012 begeistert jene Verhältnisse, die nun zum Notstand geführt haben. Das Ganze erinnert an die Jubel-Gesänge auf Energiewende und Große Transformation hierzulande – nur gut zehn Jahre früher. 

Von Dirk Maxeiner

Das Auswärtige Amt warnt weiterhin wegen anhaltender Stromausfälle und Versorgungsengpässen in Kuba. Selbst in Touristenzentren wie Varadero sind Strom, Wasser und öffentliche Infrastruktur nur eingeschränkt verfügbar. Diese Meldung ließ mich nicht los, da war doch was, da war doch was.

Aber zunächst mal, was ist: Durchgehende Elektrizität gibt es derzeit auf Kuba nur in Gebäuden mit Generatoren, soweit diese über Treibstoff verfügen. Es muss mit zusätzlichen Einschränkungen in Krankenhäusern, bei öffentlichen Einrichtungen, öffentlichen Verkehrsmitteln, Internet und Mobilfunk gerechnet werden. Die Lebensmittelkühlung ist nicht sichergestellt. Auch das Kartenzahlungssystem und die Geldversorgung über Automaten sind gestört, nur wenige Banken geöffnet. Das Tankstellennetz funktioniert nur mit Einschränkungen. Der Wiederaufbau und die Stabilisierung der Energieversorgung in Kuba könnten nach dem Blackout noch Wochen oder sogar Monate in Anspruch nehmen. Sagt das Auswärtige Amt. Und ich sage euch: Es wird Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dauern.

„Es geht ums überleben“, schreibt Der Spiegel betroffen – allerdings mit Gedächtnislücken von der Größe des Bundeskanzleramtes. Da ich noch nicht unter Komplett-Amnesie leide, fiel mir auch ein, was ich suchte. Einen großen Spiegel-Beitrag über Kuba, den ich – das Netz vergisst nicht so schnell – tatsächlich im Jahre 2012 fand.

Darin werden die kubanischen Verhältnisse als astrein vorbildlich und Kuba als das „nachhaltigste Land der Welt“  beschrieben. Zitat:  „Kuba feiert eine neue Revolution: Die Regierung hat Petroleumkochern, Strom fressenden Kühlschränken und Glühlampen den Kampf angesagt. Die Insel, die in Industrienationen noch immer als rückständig gilt, wurde so zum nachhaltigsten Land der Welt.“

Welt mit einer „Postwachstumsökonomie“

Der Spiegel beschreibt voller Begeisterung, wie Castro seine Untertanen zum Energiesparen „erzogen“ habe. Ein kubanischer Haushalt verbrauche nur etwa ein Achtel der Energie eines US-Haushaltes, heißt es, weil man mit der „Revolución Energética“ aus der Not eine Tugend gemacht habe. Der Text wimmelt nur so von lachenden, klatschenden und sich im Rhythmus wiegenden Menschen, die einige Parolen „sogar mitsingen“. Ganz besonders eindrucksvoll wird das Provinzstädtchen Cárdenas geschildert, in dem das Fahrrad als „Symbol des ökologischen Fortschritts“ mit einem Denkmal geehrt worden sei. „Wir haben hunderte Pferdekutschen, die feste Routen fahren und jeweils zwölf Personen fassen, dazu Ochsenkarren, die Lasten transportieren, und schätzungsweise 100.000 Fahrräder“, wird ein vom kubanischen Fortschritt hingerissener Bürger der Stadt zitiert.

Das klingt verdammt ähnlich wie die allgemeinen Jubelgesänge auf die Deutsche Energiewende und „Große Transformation“. Wenn wir Pech haben, wird es auch so enden. Ich sage nur Berlin. Und wir haben Paech. Denn die geistigen Grundlagen für Einschätzungen dieser Art liefern seit Jahrzehnten die sogenannten „Wachstumskritiker“ etwa vom Schlage des Oldenburger Ökonomen Niko Paech. Sein Buch mit dem verheißungsvollen Titel „Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie“ ist ein Bestseller unter Mittelalter-Fans.

Paech schwebt darin eine Welt mit einer „Postwachstumsökonomie“ vor, die zum Tauschhandel zurückkehrt und, statt neue Waren zu produzieren, alte Produkte repariert. „An genügsameren und sesshafteren Lebensstilen führt kein Weg vorbei“, sagt Paech und entwirft eine Gesellschaft, in der alle nur noch 20 Stunden in ihrem alten Beruf arbeiten und den Rest der Zeit damit verbringt, gemeinsam Gemüse anzubauen und Löcher in den Socken zu stopfen. Da ist er ganz beim alten Great-Reset-Schwab: „Ihr werdet nichts besitzen und dabei glücklich sein.“

„Ich glaube nicht an den technischen Fortschritt“, sagt Paech, das Wohlstandsmodell sei aufgrund seiner chronischen Wachstumsabhängigkeit „unrettbar verloren“. Ich würde Herrn Paech gerne daran erinnern, wenn er bei der nächsten chronischen Wurzelentzündung auf die technischen Errungenschaften der Zahnheilkunde verzichtet. Paech will jede zweite Autobahn dicht machen, drei von vier Flughäfen schließen und die Freiheit der Menschen – selbstverständlich zu ihrem Wohle – radikal einschränken, er nennt das „vom Überfluss befreien“. Kuba wurde erfolgreich vom Überfluss befreit, die gegenwärtige Bundesregierung ist mit tätiger Mithilfe der vorangegangenen Merkel-Regierungen ebenfalls voll im Zielkorridor. Bereits 50 Prozent der Wahlberechtigten gehen laut Umfragen davon aus, dass sie befreit werden, sprich ihren Lebensstandard nicht halten können.

„Ein halbes Jahrhundert Erziehung des koreanischen Volkes“

Wer sich so etwas probehalber einmal ansehen will, der kann von Kuba weiter nach Nordkorea reisen, wo sogar energiesparend gehungert wird. Dass dort ebenfalls gütige Führer mit der nachhaltigen Ertüchtigung des Volkes beschäftigt sind, wissen wir von der 2002 verstorbenen Schriftstellerin Luise Rinser, die 1984 Kandidatin der Grünen für das Amt des Bundespräsidenten war. Rinser beschrieb damals (in der Zeitschrift „natur“) den damaligen Diktator Kim II-sung, neben Stalin und Pol Pot wohl einer der grausamsten kommunistischen Diktatoren des 20. Jahrhunderts, als nachhaltiges Vorbild: „Ein halbes Jahrhundert Erziehung des koreanischen Volkes müsste ein international wirksames Beispiel werden.“

Ich hielt solche Äußerungen für nicht ganz ernst zu nehmen, – irgendwelche Irren gibt es immer. Inzwischen heißt unser Wirtschaftsminister Robert Habeck, und der Wahnsinn ist an der Macht. Sogar der neue „Volkswagen-Nachhaltigkeits-Beirat“ darf als Teil der geschlossenen Anstalt gelten, dessen geschätztes Mitglied Rebecca Tauer verrät: „Es gibt Ansätze wie Slow Living, Indikatoren wie Bruttonationalglück und Ansätze wie Degrowth. Bisher scheint davon aber noch keins skalierfähig“. Aber Volkswagen wird es schaffen, da bin ich ganz optimistisch.

Wie immer fängt so etwas harmlos an, denn der Begriff „Nachhaltigkeit“ eint seit vielen Jahren die Deutschen. Sonntagsreden, Parlamentsanträge und Eingaben um Forschungsgelder sollten den Terminus am besten mehrmals bemühen, wenn ihnen denn Aussicht auf Erfolg beschieden sein soll. Alle politischen Parteien machen sich den Begriff zu eigen, desgleichen Wirtschaftsunternehmen von A wie ABB über B wie Bayer über D wie Daimler bis V wie Volkswagen oder Z wie ZF. Die Verbraucherzentralen fordern nachhaltigen Konsum, die Umweltverbände nachhaltigen Konsumverzicht, die Industrie nachhaltiges Wachstum, die Gewerkschaften nachhaltige Lohnerhöhungen und die Regierenden tendieren zu nachhaltigen Steuererhöhungen und seit neuestem zu nachhaltiger Zensur.

Da wüsste man schon gern, was das für eine mitreißende Idee ist, die lokal und global befördert werden soll. Doch mit der Nachhaltigkeit ist das zunächst wie mit dem lieben Gott: Keiner weiß so genau, was er sich darunter vorzustellen hat, aber alle sind sich einig, dass man nicht darauf verzichten sollte. Der Begriff ist, so besehen, eine Leerformel für das Wahre, Schöne und Gute. Ein Heilsversprechen, gegen das erst einmal nichts einzuwenden ist, weil es ein positiv-nebulöses und somit konsensfähiges Ziel vorgibt. So war das ja auch mit der Idee der „sozialen Marktwirtschaft“, die in ähnlicher Weise eine sinnstiftende Funktion erfüllte – und mit der das Land gut gefahren ist.

In beiden Begriffen steckt das Ausgleichende, das Konsensuale, das Maßvolle und Dauerhafte, das dem deutschen Wesen offenbar besonders entgegenkommt. Und das nicht erst seit heute: „Für augenblicklichen Gewinn verkaufe ich die Zukunft nicht“, wusste schon im 19. Jahrhundert der deutsche Technik-Pionier und Unternehmer Werner von Siemens, allerdings ohne dafür einen Ethik-Beauftragten oder einen Katalog mit Nachhaltigkeits-Indikatoren zu benötigen.

Ein dunkeldeutscher Sachse steckt dahinter

Das Wort kommt ursprünglich aus dem Waldbau und meint dort, dass man nicht mehr Holz einschlagen solle als nachwächst oder aufgeforstet wird. Und wieder mal steckt – in aller Unschuld – ein dunkeldeutscher Sachse dahinter, den Begriff „nachhaltende Nutzung“ benutzte als erster der Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz aus dem schönen Erzgebirge anno 1713 in einem Buch über die Forstwirtschaft.

Dies ist – um einem verbreiteten Missverständnis vorzubeugen – kein natürliches, sondern ein unnatürliches Prinzip. Es geht schlicht um Bestandswahrung, also angewandte Betriebswirtschaft. Gilt übrigens auch für die Geburtenrate, unter zwei Nackommen pro Paar sieht’s schlecht aus mit der Bestandswahrung und der Rente. Diejenigen, die aus Nachhaltigkeitsgründen keine Kinder mehr in die Welt setzen wollen, werden also ganz unnachhaltig aussterben. Die Welt ist eben kompliziert und der innere Widerspruch unser ständiger Begleiter.

Denn inzwischen ist etwas gründlich schiefgelaufen. „Die Wissenschaft“, wer oder was auch immer das wiederum sein möge, in diesem Fall wohl eine Mischung aus Voodoo und Computer-Simulationen, hat sich der Nachhaltigkeit bemächtigt. Bei den gängigen Definitionen handelt es sich unisono um schwere Kopfgeburten, in denen eine gefühlte Elite dem dummen Volk das Denken abnimmt.

Stellvertretend dafür mag Professor Hans Joachim Schellnhuber sein, ehemaliger Merkel-Berater und Chef des Potsdamer Institutes für Klimafolgenforschung, sowie eine Zeit lang Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirates der Bundesregierung für globale Umweltveränderungen. Er forderte seinerzeit eine „mathematische Nachhaltigkeitsethik für ein planetares Management“. Ich vermutete damals, dass in seinem auf dem Potsdamer Telegraphenberg beheimateten Institut sämtliche Leitungen durchgebrannt sein müssen.

Inzwischen schlägt sich Schellnhubers Idee nieder wie der Monsun über Kalkutta, allerdings in Hamburg: Olaf Scholz hat dort gerade eine riesige Nachhaltigkeits-Sause für das „planetare Management“ gegeben. Bei der ersten Hamburger Nachhaltigkeitskonferenz (Hamburg Sustainability Conference) am 7. und 8. Oktober gab sich die nachhaltige Abzocker-Weltelite ein Stelldichein. Die Veranstaltung ist eine Initiative des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNPD), der Michael Otto Stiftung und der Freien und Hansestadt Hamburg. Partner sind außerdem die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH und das German Institute of Development and Sustainability (IDOS). Martina Binnig resümierte auf Achgut.com: „Es treffen sich die immer selben Buddies, sondern die immer selben Sprechblasen ab und planen unbeirrt die Große Transformation. Dabei geht es ihnen angeblich um das Wohl des Planeten. In Wahrheit stecken sie neue Geschäftfelder ab, die möglichst viel Profit versprechen“.

Rockefeller hat die Wale gerettet

Und die supranationale Planwirtschaft führt dazu, dass im Namen der Nachhaltigeit ausgewiesene Naturgebiete und Wälder für monströse Windräder nachhaltig abgeholzt werden, dass Vögel und Fledermäuse nachhaltig geschreddert werden, dass Kernkraftwerke nachhaltig gesprengt werden, um nachhaltig die größten Kraftwerke ohne Kohlendioxid-Ausstoß zu zerstören, dass tonnenschwere Elektroautoss nachhaltig unverkauft herumstehen, dass ganze Landstriche mit Solarzellen nachhaltig verglast werden, um den Strom nachher nachhaltig zu verschenken, dass Häuslebesitzer nachhaltig enteignet werden, weil sie die neue Wärmepumpe nachhaltig nicht bezahlen können, dass Pendlern nachhaltig das sparsame Dieselauto verboten wird, damit sie nachhaltig arbeitslos zuhause sitzen, dass Bauern nachhaltig weniger Fleisch und Nahrungsmittel produzieren sollen, damit das Gleiche nachhaltig aus dem Ausland geliefert wird, dass nachhaltig hunderte Millionen in CO2-Ablassprojekten veruntreut werden, die es nachhaltig gar nicht gibt.

Die Natur juckt das übrigens überhaupt nicht, sie hat nämlich keine Ahnung von Nachhaltigkeit und setzt auf ein anderes Erfolgsprinzip: die Evolution, also die permanente Veränderung. Wald dehnte sich im Verlauf der Erdgeschichte immer wieder aus oder schrumpfte, 98 Prozent aller jemals auf der Erde existenten Arten sind ausgestorben, bevor der Mensch überhaupt auf der Bildfläche erschien. Hätte sich die Natur zu Zeiten der Dinosaurier entschieden, nachhaltig zu sein, dann dominierten heute noch die Dinosaurier den Planeten (und der Mensch hätte nie eine Chance bekommen). Da ist es doch ausgesprochen tröstlich, dass unser Parteiensystem nicht nachhaltig ist und die amtierenden Regierungsdarsteller erdgeschichtlich sehr bald den Weg der Riesenechsen gehen werden.

Denn auch die Karriere des Menschen ist von permanenter Veränderung und dem Lernen durch Versuch und Irrtum gekennzeichnet. Schöne Landschaften wie die Lüneburger Heide, die heute unter Naturschutz stehen, verdanken ihre Existenz gerade nicht nachhaltigem Wirtschaften, sondern extremer Beweidung und Abholzung. Die Tatsache, dass der Wald in Mitteleuropa nicht gänzlich abgeholzt wurde, verdankt er der Entdeckung der Kohle als Brennstoff und ihrer nicht nachhaltigen Ausbeutung. Die Erfindung der Dampfmaschine ermöglichte ihre Förderung aus großen Tiefen. Den Umstand, dass es heute überhaupt noch große Walarten gibt, schulden wir der Substitution ihres brennbaren Körperfetts durch die ganz und gar nicht nachhaltige Förderung von Erdöl. Nicht Greenpeace hat die Wale gerettet, sondern Rockefeller. Und so weiter und so fort.

Die Krisen, in denen die Menschen an die Grenzen des Wachstums stießen, konnten bislang immer nur durch Veränderung, menschlichen Erfindungsgeist und neuartigen Einsatz von Technik gelöst werden. Und das heißt: Wer wirklich für mehr Nachhaltigkeit sorgen will, muss vor allem dafür Sorge tragen, dass – und zwar nachhaltig – in unseren hochentwickelten Volkswirtschaften genügend Naturwissenschaftler und Ingenieure zur Verfügung stehen werden. Denn der wichtigste, der tatsächlich völlig unentbehrliche nachwachsende Rohstoff ist der vernünftige Mensch selbst.

Die wichtigste nachhaltige Ressource wird komplett vernachlässigt

Dass die Prioritäten da häufig nicht ganz optimal gesetzt werden, mag folgendes Beispiel veranschaulichen: Auf vielen deutschen Schuldächern wurden im Namen der Nachhaltigkeit für viele Millionen Euro Solarzellen installiert. Das ist schön, doch Solarzellen sind die teuerste Form überhaupt, um regenerative Energie zu erzeugen. Unter dem Schuldach fallen derweil Stunden aus, es herrscht Mangel an Lehrern und vielfach auch an modernen Lehrmitteln, in den entsprechenden Brennpunkten werden sie zu Aufbewahrungsorten für jugendliche Schläger und Antisemiten, nicht einmal Lesen und Schreiben wird im erforderlichen Maße vermittelt.

Die wichtigste und langfristig auch effizienteste – also im wahrsten Sinne des Wortes nachhaltige und nachwachsende – Ressource dieses Landes wird somit vernachlässigt: die Köpfe unserer Kinder. Als unlängst die Eltern in einer Augsburger Schule die zum Himmel stinkenden Toiletten selbst sanierten, bemerkte die Zweite Bürgermeisterin Martina Wild (Grüne):

Bildung ist ganz klar eine Daueraufgabe. Wir packen den Sanierungsstau an den Augsburger Schulen sukzessive an und machen unsere Schulen fit für die Zukunft mit Digitalisierung, Inklusion, aber auch Heterogenität in unserer Stadtgesellschaft. Bei den Gebäudesanierungen geht’s natürlich auch um Klimaschutz. Deswegen ist es so wichtig, dass wir auf unseren Kitas oder auf unseren Schulen, wenn wir dann ein Dach saniert haben, auch eine Solaranlage gleich mit-installieren oder den Schulhof begrünen…“

Auf die Idee, es könne unter dem Schuldach ein kleiner Albert Einstein, Werner von Siemens oder Robert Koch heranwachsen, dem etwas viel Besseres als Solarzellen einfällt, kommt schon gar niemand mehr. Albert Einstein sagte einmal: „Wenn du ein wirklicher Wissenschaftler werden willst, denke wenigstens eine halbe Stunde am Tag das Gegenteil von dem, was deine Kollegen denken“. Konformität des Denkens lässt uns erstarren, auch beim Blick auf die Wachstums- und Konsumgesellschaft, siehe oben nachhaltige Zensur.

Menschen überwinden Probleme und entkommen beispielsweise der Armut, sobald sie die Möglichkeiten haben, Wissen zu erwerben und über den Tag hinaus zu wirtschaften. Misanthropen stellen diese Einsicht auf den Kopf, wenn sie den Fortschritt zum Teil des Problems erklären. Der Mensch wird einseitig nur als Zerstörer und Verbraucher wahrgenommen, nicht aber als kreativer Problemlöser.

Anmerkung der EIKE-Redaktion

Der Beitrag erschien zuerst in Achgut (hier) am 27.Okt. 2024. Wir danken Dirk Maxeiner herzlich für seine Erlaubnis den Beitrag (unverändert und vollständig) in den EIKE-News zu bringen.




Temperaturen und CO2 bis 500 Millionen Jahre zurück und kleine Tricks

von Prof. Dr. Horst-Joachim Lüdecke

Mittlere Erdtemperaturen und atmosphärische CO2-Konzentration über hunderte Millionen Jahre zurück zu ermitteln ist nicht einfach. Es lässt sich nur über sogenannte Proxydaten bewerkstelligen wie beispielsweise für Temperaturen über zeitabhängige Verhältniswerte von der Sauerstoffisotope 16O und 18O (hier) in Seewasserkarbonaten. Diese Methode wurde im paper von Christian Vérard und Jan Veizer [1] 2019 angewendet. Die erstellte Temperaturkurve reicht mehr als 500 Millionen Jahre zurück (Bild 1)

Bild 1: Globale Mitteltemperatur über etwa 500 Millionen Jahre zurück. Das delta18O der rechten y-Achse gibt die Sauerstoffisotopenverhältnisse an, die linke Temperaturachse zeigt die zu delta18O proportionalen Temperaturen. Der grauschattierte Bereich ist die hohe Ungenauigkeitsmarge der Temperaturkurve. Bild entnommen der Veröffentlichung [1].

Es gibt noch weitere Temperatur-Studien über derartig große Zeitspannen, wobei oft der bereits genannte Geophysiker J. Veizer (hier) mitbeteiligt war, der mir aus beidseitigem E-Mail-Austausch persönlich bekannt war. Bis jetzt sind mir keine Temperaturkurven des Phanerozoikum (hier) mit wesentlichen Abweichungen von der in Bild 1 gezeigten Zeitreihe bekannt.

Mit dem Blick auf die aktuelle CO2-Hypothese einer vermuteten anthropogenen globalen Erwärmung bestand ein weiterer Schritt in der Fachliteratur darin, zeitlich zugehörige CO2-Kurven den Temperaturreihen  gegenüber zu stellen, um Schlüsse auf Gegenwart und Zukunft zu ermöglichen. Die erste Referenz für phanerozoisches CO2 war der Klimaforscher Robert A. Berner (hier). In seiner Studie [2] von 2002 findet sich die atmosphärische CO2-Konzentration – genauer ihr Verhältnis zum vorindustriellen Wert von 280 ppm – bis knapp vor 600 Millionen Jahren. Sie ist in Bild 2 gezeigt.

Bild 2: Atmosphärische CO2-Konzentration bis knapp 600 Millionen Jahre zurück als Verhältnis zur vorindustriellen Konzentration von 280 ppm (rote Kurve). Die Ungenauigkeiten reichen bis +-50%. Bild entnommen aus der Veröffentlichung [2].

Im Jahr 2017 kam eine detailliertere CO2-Zeitreihe von Gavin L. Foster et al. [3] hinzu, die aber nur bis etwa 400 Millionen Jahre zurück reicht und in Bild 3 gezeigt ist. Auch bei ihr sind wieder die hohen Fehlermargen zu beachten. Stellt man die Unsicherheiten in Rechnung kann zwar von einer Verbesserungen der Kurve in Bild 2, aber nicht von einer maßgebend neuen Kurve die Rede sein.

Bild 3: Atmosphärische CO2-Konzentration (blau) bis etwas über 400 Millionen Jahre zurück. Bild entnommen aus der Veröffentlichung [3].  

Vergleicht man die Temperaturkurve in Bild 1 mit der CO2-Kurve in Bild 2 erkennt man bereits mit dem bloßen Auge, dass keine gute Korrelation von T und CO2 vorliegt. Das Gleiche gilt auch noch, wenn man anstelle der CO2-Kurve von Bild 2 die etwas detailliertere in Bild 3 nimmt. Noch immer ist daher die Kernaussage zahlreicher populärer Darstellungen von Temperatur T und CO2 für das Phanerozoikum gültig, dass keine gute Korrelation von T und CO2  vorliegt. Ein Beispiel für solche Darstellungen findet sich hier. Der Grund für die schlechte Korrelation von Temperatur und CO2 im Phanerozoikum liegt in der zyklischen Natur der Temperaturreihe, die 2003 von Nir J. Shaviv und Jan Veizer in einer bahnbrechenden Arbeit mit dem Klimaeinfluss der kosmischen Strahlung erklärt wurde [6]. Die Zyklenlänge beträgt dabei grob 150 Millionen Jahre. CO2-Zeitreihen weisen diese Zyklen nicht auf!

Aufgabe der Wissenschaft ist, das Bekannte zu verbessern oder gar umzuwerfen und durch Besseres oder Neues zu ersetzen. In diesem Sinne sieht sich offenbar die Studie der Autoren Emily J. Judd et al [4] von 2024. In ihr wird eine neue Temperaturkurve vorgestellt, die laut Textneschreibung mit der CO2-Kurve in Bild 3 verglichen wird. In Bild 4 ist die von Judd et al erstellte neue Temperaturkurve gezeigt. Sie unterscheidet sich zwar in Teilen von der T-Kurve in Bild 1, einen maßgebend neuen Verlauf weist sie aber nicht auf.

 

Bild 4: Die neue von Judd et al aufgestellte Temperaturkurve des Phanerozoikum.

Was die von Judd et al verwendeten CO2-Kurve btrifft, so steht im paper „The CO2 reconstruction is largely based on the data from Foster et al (das ist die hier angegebene Quelle [3] bzw. Bild 3) in the Paleozoic and Mesozoic, and the data from Rae et al in the Cenozoic [5]. Die Daten von Rae reichen allerdings nur bis 66 Millionen Jahre zurück. Figure 5 in der Arbeit von Rae et al zeigt keine mit dem Auge erkennbaren Unterschiede zur CO2-Kurve von Foster et al. Fazit: Judd et al vergleichen wie schon erwähnt ihre neue Temperaturkurve (Bild 4) mit der CO2-Kurve von Foster et al (Bild 3), wobei letztere grob der CO2-Kurve von Berner (Bild 2) entspricht.

Glücklicherweise hat bereits die inzwischen bekannt gewordene CO2-Coalition (hier, hier) die neue Judd et al – Temperaturkurve zusammen mit den CO2-Daten von Berner in einer schön gestalteten neuen Grafik eingetragen und mir daher mühsame Grafikarbeit erspart (Bild 5).

Bild 5: Phanerozoische Temperaturen von Judd et al (Bild 4) und CO2 von Berner (Bild 2). Von guter Korrelation kann immer noch keine Rede sein. Daran ändert sich auch nichts, wenn man anstelle der Berner CO2-Kurve die von Foster et al in Bild 3 nimmt. Bildquelle CO2 Coalition.

Eine Verbesserung durch detailliertere Temperatur- und CO2-Daten kann man Judd et al angesichts ihrer Fleißarbeit sicher nicht absprechen. Der maßgebende Kernpunkt, nämlich die schlechte Korrelation von Temperatur und CO2, ändert sich mit ihrem paper aber nicht, zumindest schon deswegen nicht, weil phanerozoische CO2 – Kurven keinen 150  Millionen Jahreszyklus aufweisen.

Auch kleine Verbesserungen sind in der Wissenschaft nicht nur wichtig sondern sogar die Regel. Wirkliche Umbrüche sind dagegen extrem selten. Damit könnte man die Arbeit von Judd et al nun zur Seite legen und sich anderen Themen widmen.

Leser allerdings, die sich aber Mühe gemacht haben das paper von Judd et al vollständig zu lesen, kommen vermutlich aus dem Staunen nicht heraus. Die vor dem eigentlichen Teil „Research Article“ im paper aufgeführten Abschnitte Introduction, Rationale, Results und Conclusion erzählen nämlich eine völlig andere Geschichte. Judd et al behaupten Folgendes:

  1. In Results: Die Werte ihrer neuen Temperaturkurve variieren zwischen 11° und 36 °C über die letzten 485 Millionen Jahre, und diese Spanne sei größer als die aller bisherigen Rekonstruktionen!
  2. Nochmal in Results: Es gäbe eine gute Korrelation zwischen Temperatur und CO2 im Panerozoikum!
  3. In Conclusion: CO2 sei der dominante Treiber des phanerozoischen Klimas, hier also von Temperatur.

Diese Aussagen sind angesichts der oben geschilderten Ergebnisse im paper von Judd et al mehr als überraschend und verlangen eine Überprüfung. Enthält das paper von Judd et al vielleicht doch maßgebend Neues?

Zu Punkt 1: Zur Überprüfung braucht man nur die neue Temperaturkurve in Bild 4 mit der alten in Bild 1  zu vergleichen und die Ungenauigkeiten zu berücksichtigen. Die von Judd et al angegebenen Grenzen 11° – 36 °C stimmen dann für beide Kurven grob überein. Die Behauptung im paper von von Judd et al über einmalig hohe aufgefundene Grenzen trifft daher m.E. nicht zu!

Zu Punkt 2 und 3: Zur Überprüfung suche man zuerst im paper von Judd et al das gut korrelierte Analogon zum schlecht korrelierten in Bild 5. Es findet sich als Fig. 4 Teilbild A, das hier als Bild 6 A noch einmal separat gezeigt ist.

 

Bild 6: Mit Teilbild A wollen Judd et al die gute Korrelation von Temperatur und CO2 belegen. Das Auge scheint es zu bestätigen.

Was stimmt da nicht? Zuerst einmal ist die CO2-Kurve in Bild 6 A eine andere als die im Text von Judd et al behauptete Kurve von Foster et al. Dazu reicht bereits das unbewaffnete Auge. Welche CO2-Kurve hier von Judd et al genommen wurde bzw. wie diese Kurve entstand, wird im Text des papers nicht gesagt. Das ist aber noch nicht alles. In Bild 6 A sind die Skalen der beiden verglichenen Kurven unnötig zusammengequetscht, um dem Auge etwas nachzuhelfen.

Das ist prinzipiell nicht verwerflich, weil die Pearson-Korrelation (hier) gegen beliebige lineare Transformationen der verglichenen Zeitreihen immun ist. Man kann sie mit beliebigen Faktoren multiplizieren, oder in der y-Richtung beliebig verschieben, und man kann ihre Skalen beliebig stauchen oder strecken. Die Pearson-Korrelation der beiden Zeitreihen ändert sich dadurch nicht. Der Trick ist gut bekannt. Man knetet die Skalen so lange und verschiebt die Kurven geeignet in y-Richtung, bis das Auge eine „bessere“ Korrelation meldet, obwohl die wirkliche Korrelation die gleiche geblieben ist. Natürlich soll dieses „Verfahren“ den Autoren Judd et al hier nicht unterstellt werden.  Besser wären aber bei etwas mehr Höhe für die Grafik Bild 6 A voll die Grafikhöhe ausnutzende Skalen gewesen.

Dies führt weiter zur wissenschaftlichen Kritik am paper von Judd et al. Eine detaillierte Begründung für die Verwendung der in ihrer Herkunft nicht ausreichend spezifizierten CO2-Kurve in Bild 6 A wäre unabdingbar gewesen. Der Begriff „Korrelation“ von T und CO2 wurde im Abstract des Judd et al papers explizit benutzt. Zumindest eine Diskussion über die Gründe der bisherigen schlechten Korrelation von T und CO2 in früheren Veröffentlichungen im Gegensatz zu der nun angeblich guten Korrelation wäre angebracht gewesen, denn schließlich sind die o.g. Punkte 2 und 3 als Werbung für das paper zu verstehen. Nichts dergleichen ist in der Arbeit von Judd et al zu finden.

Als Schlussbemerkung sei auch einmal auf weniger beachtete Ursachen der Schwankungen der mittleren Globaltemperatur über alle Zeitskalen hingewiesen. Verglichen mit der CO2-Hypothese werden sie nur stiefmüterlich in der Fachliteratur behandelt und unzureichend mit Forschungsmitteln versehen. Die hier zitierten Arbeit von Shaviv und Veizer ist bereits ein erstes Beispiel für den phanerozoischen Zeitbereich. Die allgemein akzeptierte Milankowitsch-Theorie für die Eiszeiten der letzten 2 Millionen Jahre ist ebenfalls zu nennen (hier folgt das CO2 übrigens der Meerestemperatur um etwa 1000 Jahre und kann daher nicht Ursache der Temperaturen sein [7]).

Für die wichtigeren kürzeren Zeitspannen bis hin zu wenigen Jahrzehnten ist aber bislang noch viel zu wenig geschehen. Der Schwerpunkt wissenschaftlicher Forschung sollte sich vorteilhaft allmählich etwas weg von der Erforschung des immer noch weitgehend unbekannten Klimmaeinfluss durch anthropogenes CO2 auf die Erforschung natürlicher Klimaeinflüsse verlagern. Als die interessantesten Themen sind der zyklischen Klimaeinfluss der Sonne über kosmische Strahlung und Wolkenbildung (hier) und die Klima- und Wetterauswirkungen der inzwischen immer besser bekannten und dokumentierten Ozeanzyklen zu nennen.

Quellen

Hinweis: alle hier aufgeführten Quellen sind in Google Scholar zu finden. Dazu nur den Titel der Arbeit ins Suchfenser eingeben. Alle hier angegebenen Arbeiten haben ein freies pdf, dazu rechts oben auf pdf klicken.

[1] Vérard, C. & Veizer, J., 2019. On plate tectonics and ocean temperatures. The geological society of America.

[2] Berner, R.A., 2003. The long-term carbon cycle, fossil fuels and atmospheric composition. Nature, 426.

[3] Foster G.L. et al., 2017. Future climate forcing potentially without precedent in the last 420 million years, nature communications, 8:14845.

[4] Emily J. Judd et al., 2024. A 485-million-year history of Earth’s surface temperature. Science 385, 1316.

[5] Rae, J.W.B. et al., 2021. Atmospheric CO2 over the past 66 Million years from marine archives. Annual Review of Earth and planetary sciences,  49:509-41.

[6]  Shaviv, N.J. & Veizer, J., 2003. Celestrial driver of phanerozoic Climate? GSA today, 13.7, 4-10.

[7] Caillon, N. et al., 2003. Timing of atmospheric CO2 and Antarctic temperature changes across Termination III. Science, 299(5613), 1728-1731.