Jenas Klimaschutzkoordinator – koordiniert er oder koordiniert er nicht?

An öffentlichen Stellen sind derzeit Plakate gegen „Kapitalistische Klimazerstörer-Bande“ angebracht. Wir fragten bei der Jenaer Pressestelle: Dies fällt ja nun in den Zuständigkeitsbereich des Klimaschutzkoordinators.

Hat der Klimaschutzkoordinator diese Plakataktion koordiniert oder nicht? Wurden die Kosten für das Drucken und Kleben aus vom Klimaschutzkoordinator akquirierten Geldern oder seinem sonstigen Budget ganz oder teilweise finanziert? Wird die Stadt die Kosten für das Entfernen der Plakate aus den vom Klimaschutzkoordinator akquirierten Geldern bezahlen?

Ist der Stadt und dem Oberbürgermeister etwas darüber bekannt, ob im Stadtrat Personen sitzen, die in die Klimaszene vernetzt sind, und wenn ja, wird erwogen, denen die Kosten für das Beseitigen der Plakate in Rechnung zu stellen?

Der Pressesprecher widmet sich vollumfänglich der Politik der Hauptaufgabe, und die ist, den eigenen Posten zu sichern. Mit denen legt er sich nicht an, also antwortet er gar nicht, denn lieber lässt er sich vorhalten, seine Pressesprecherei zu unterlassen, als zu entscheiden, welche der beiden peinlichen Möglichkeiten zutrifft. Und nebenbei, so will es scheinen, wird der Oberbürgermeister geschrötert, so eine Wahlperiode geht schneller herum als gedacht.


* Das Senioren-Akrützel ist die Jenaer Studentenzeitung für Alte und solche, die es werden wollen. Das Akrützel ohne Vorsilbe, die junge Stud*ierendenzeitung, wurde von Bernd Zeller und Spießgesellen 1990 gegründet. Das heutige Uni-Akrützel hat aber mit der ursprünglichen Wende-geprägten Zeitung nichts mehr zu tun, da dort wieder sozialistische Inhalte wie vor `89 Verbreitung finden. Natürlich in modernisierter, besser: postmoderner Form, da es hauptsächlich um Kampf gegen den menschgemachten Klimawandel, Kampf gegen rechts, Kampf gegen Rassismus und Kampf gegen Sexismus geht. Ein Jubiläums-Artikel (30J.) über den Gründer Bernd Zeller zum Beispiel verglich diesen mit dem falschmeinenden Uwe Tellkamp:

„[Er] arbeitete wie der umstrittene Dresdner Schriftsteller Uwe Tellkamp, vielleicht politisch sein sächsisches Äquivalent, vor Beginn des Medizinstudiums vier Jahre als Hilfspfleger.“

Deswegen hat Zeller das reaktionäre Senioren-Akrützel gegründet, in dem der Geist von Gestern, also 1989, wiederbelebt wird. Ob das ursprüngliche Akrützel den Klimaschutz befürwortet hätte, wenn dieser schon bekannt gewesen wäre? Ich glaube nicht: Der gelernte DDR-Bürger hat gelernt, schnell zu merken, wenn Sozialisten ihn hereinlegen wollen.

Bernd Zeller betreibt auch einen Videoblog und gibt die Zellerzeitung heraus – amüsieren Sie sich!




Woher kommt der Strom? Still ruht die See

Nur an einem Tag, am Sonntag, übertraf die Stromerzeugung mittel erneuerbarer Energieträger die 50-Prozent-Marke. Dreimal lag sie unter 50 Prozent, dreimal sogar unter 40 Prozent. An sechs Tagen wurde per Saldo Strom importiert. Nur am Samstag wurden 0,01 TWh per Saldo exportiert. In der Tabelle, erstellt mit Hilfe der Energy-Charts, können Sie die Werte nachlesen und eigene Analysen fahren. Der aus der Tabelle generierte Chart veranschaulicht die Zahlen. Im- und Exportzahlen finden Sie wie immer noch mal grafisch dargestellt für die 29. Woche und das aufgelaufene Jahr 2020. An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass Polen einen Teil seiner Stromversorgung regelmäßig mit aus Deutschland importiertem Strom sicherstellt.
Pro Tag kauft das Land 0,03 TWh Strom aus Deutschland. Auch in der 29. Woche. Wenn ausnahmsweise und ganz selten mal Strom nach Deutschland exportiert wird, geschieht dies aus spekulativen Gründen im Rahmen von Preisdifferenzgeschäften. Das Gerede vom Kohlestrom aus Polen, den Deutschland angeblich bei Bedarf importiert, ist schlichter Unfug. Dass Polen zwar in geringem Umfang, aber immerhin, auch auf Windkraftanlagen setzt, belegt dieser Bericht.
Wenn Sie die Abbildung anklicken, sehen Sie die 29. Woche in der Übersicht. Die geringe Windstromerzeugung fällt sofort auf. Vor allem auch die sehr schwache Stromerzeugung auf See (dunkelblau unten). Wären da nicht die grundlastfähigen erneuerbaren Energieträger Biomasse und Wasserkraft, sähe es zumindest zu den Zeiten, wenn die Sonne keinen Strom liefert, sehr schlecht aus. So wird zumindest noch am Sonntag ein durchschnittlicher Anteil des mittels erneuerbarer Energieträger erzeugten Stroms die 50-Prozent-Marke überschritten. Im Durchschnitt der Woche bleiben gleichwohl nur 39,4 Prozent, gut 15 Prozent weniger als der bisherige Jahresdurchschnitt (Abbildung 1). Der absolute Tiefpunkt der Stromerzeugung mittels erneuerbarer Energieträger gesamt war der Donnerstag mit 30,7 Prozent Anteil der Tagesstromerzeugung. Wind- und Sonnenstrom trugen 14,92 Prozent bei. Der Rest war Strom aus Biomasse und Wasserkraft.
Wie groß der Anteil der konventionellen Stromerzeugung in der 29. Woche war, zeigt Abbildung 2. Im Chart der Abbildung 3 ist die konventionelle Stromerzeugung aufgeschlüsselt. Abbildung 4 zeigt die Salden- und Preisentwicklung. Der Strom Im- und Export der einzelnen Länder wird angezeigt. Angebot und Nachfrage werden abgebildet. Der Strompreis schwankt zwischen 14,76 €/MWh und 58,70 €/MWh. Raten Sie mal, wer den niedrigen und den hohen Preis bezahlen muss.

Die Tagesanalysen

Sonntag, 12.7.2020: Anteil erneuerbare Energieträger an der Gesamtstromerzeugung 53,33 Prozent, davon Windstrom 12,38 Prozent, Sonnenstrom 25,71 Prozent, Strom Biomasse/Wasserkraft 15,24 Prozent. Die Agora-Chartmatrix: Hier klicken.
Der Sonntag hat einen Stromerzeugungsanteil erneuerbare Energieträger von 53,33%. Das ist fast der Durchschnitt von 54,9%. Dass am frühen Morgen und nach dem Ende der täglichen Sonnenstromerzeugung Strom hinzugekauft werden muss, ist ein bereits üblicher Sachverhalt. Dass die zu zahlenden Preise dann relativ hoch sind, ist ebenfalls üblich. Dieser Sonntag ist ein Beispiel für die Preisdifferenzgeschäfte, die Polen ab und zu macht. Morgens für über 20 €/MWh Strom verkaufen; in der Mittagsspitze den Strom für unter 20 €/MWh zurückkaufen: Hier klicken. Das relativiert den recht hohen Preis, den Polen am Abend zahlen muss.
Montag, 13.7.2020: Anteil erneuerbare Energieträger an der Gesamtstromerzeugung 45,30 Prozent, davon Windstrom 5,98 Prozent, Sonnenstrom 25,64 Prozent, Strom Biomasse/Wasserkraft 13,68 Prozent. Die Agora-Chartmatrix: Hier klicken.
Am Montag steigt der Strombedarf in Deutschland. In der Spitze werden über 71 GW benötigt (Sonntag gut 58 GW). Die geringe Windstromerzeugung wird über Tag durch gute Sonnenstromerzeugung ergänzt. Was in der Mittagsspitze zu Exporten führt. Für den Rest des Tages muss Strom importiert werden. Aus welchen Ländern, zu welchem Preis: Hier klicken.
Dienstag, 14.7.2020: Anteil erneuerbare Energieträger an der Gesamtstromerzeugung 42,62 Prozentdavon Windstrom 9,02 Prozent, Sonnenstrom 19,67 Prozent, Strom Biomasse/Wasserkraft 13,93 Prozent. Die Agora-Chartmatrix: Hier klicken.
Die Windstromerzeugung lässt noch mal nach, die Sonnenstromerzeugung ebenfalls. Die konventionellen Kraftwerke erzeugen auf Hochtouren. Dennoch bleiben – gewollte – Lücken am Morgen und am Abend. Die am Morgen wird verhältnismäßig günstig geschlossen. Die am Abend recht teuer. Österreich macht profitable Preisdifferenzgeschäfte.
Mittwoch, 15.7.2020: Anteil erneuerbare Energieträger an der Gesamtstromerzeugung 33,33 Prozent, davon Windstrom 5,41 Prozent, Sonnenstrom 12,61 Prozent, Strom Biomasse/Wasserkraft 15,32 Prozent. Die Agora-Chartmatrix: Hier klicken.
Die Windstromerzeugung bleibt weiter schwach. Die Sonnenstromerzeugung lässt nochmals nach. Den ganzen Tag muss per Saldo Strom von unseren Nachbarn gekauft werden, damit der Bedarf Deutschlands gedeckt werden kann. Preise von über 57 €/MWh werden erzielt. Preise, die Deutschland bezahlt.
Donnerstag, 16.7.2020: Anteil erneuerbare Energieträger an der Gesamtstromerzeugung 30,70 Prozent, davon Windstrom 4,39 Prozent, Sonnenstrom 10,53 Prozent, Strom Biomasse/Wasserkraft 15,79 Prozent. Die Agora-Chartmatrix: Hier klicken.
Wind- und Sonnenkraftwerke erreichen heute den Tiefpunkt ihrer Stromerzeugung. Wieder wird den ganzen Tag Strom importiert. Dementsprechend ist das Preisniveau. Ich vermute, dass die konventionellen Stromhersteller ihre Erzeugung nicht hochfahren, weil sie in Kürze einen massiven Anstieg der Stromerzeugung mittels erneuerbarer Energieträger befürchten. Der würde negative Preise nach sich ziehen. Wer profitiert vom Stromexport nach Deutschland? Hier klicken
Freitag, den 17.7.2020: Anteil erneuerbare Energieträger an der Gesamtstromerzeugung 36,13 Prozent, davon Windstrom 4,20 Prozent, Sonnenstrom 16,81 Prozent, Strom Biomasse/Wasserkraft 15,13 Prozent. Die Agora-Chartmatrix: Hier klicken.
In der Tat, die Wind- und Sonnenstromerzeugung steigt auf niedrigem Niveau. Der Strom muss über Mittag relativ günstig abgegeben werde. Doch das Preisniveau insgesamt fällt. Lag die Preisspitze gestern bei knapp 60 €/MWh, so liegt sie heute bei knapp 45 €/MWh. Die Im- und Exportländer: Hier klicken.
Samstag, 18.7.2020: Anteil Erneuerbare an der Gesamtstromerzeugung 41,12 Prozent, davon Windstrom 2,80 Prozent, Sonnenstrom 22,43 Prozent, Strom Biomasse/Wasserkraft 15,89 Prozent. Die Agora-Chartmatrix: Hier klicken.
Wer macht heute feine Preisdifferenzgeschäfte? Österreich, die Schweiz und Dänemark. Die Sonnenstromerzeugung läuft zufriedenstellend, die Windstromerzeugung hat ihren Wochentiefpunkt. Die konventionelle Stromerzeugung am Morgen und am Abend legt Lücken in der Versorgung offen. Nichts Neues also.
Ordnen Sie Deutschlands CO2-Ausstoß in den Weltmaßstab ein. Zum interaktiven CO2-Rechner: Hier klicken. Noch Fragen?
Ergänzungen? Fehler entdeckt? Bitte Leserpost schreiben! Oder direkt an mich persönlich: stromwoher@mediagnose.de. Alle Berechnungen und Schätzungen durch Rüdiger Stobbe nach bestem Wissen und Gewissen, aber ohne Gewähr. Die bisherigen Artikel der Kolumne Woher kommt der Strom? mit jeweils einer kurzen Inhaltserläuterung finden Sie hier.
Zuerst erschienen bei der Achse des Guten; mit freundlicher Genehmigung.
Rüdiger Stobbe betreibt seit vier Jahren den Politikblog  www.mediagnose.de
 




Meine gesammelten Weltuntergänge

The eve of destruction – der Vorabend des Weltuntergangs!
Ich war frische 17, als ich die Sturmglocken der Apokalypse vernahm. Ich empfing sie auf der Mittelwelle via Radio Luxemburg, your station of the stars. Dabei war Barry McGuire, als er 1965 den Song seines Lebens einsang (angeblich in nur einer halben Stunde), gerade mal 30 Jahre alt. Und viel gesehen oder gar Welterschütterndes erlebt hatte blonde Folkie mit der niedlichen Strubbelfrisur, der eine Rolle in „Baywatch“ hätte einnehmen können, mitnichten.
Barry war ein ganz normaler Musikus seiner Zeit, ein bisschen politisiert, gewiss, doch keineswegs radikal. Den Text des Songs „Eve Of Destruction“, der sich über fünf Millionen Mal verkaufen sollte und ihn, Barry, langfristig zu einem wohlhabenden, kurzzeitig sogar weltbekannten Mann machte, hatte er nicht selber verfasst. Er mochte das Untergangslied, das er am Ende einer Studiosession müde und ziemlich schludrig röchelte, nicht sonderlich, wie er später zugab.
Autor der düsteren Ballade („If the button is pushed, there’s no running away”) war ein gewisser P.F. Sloan, der sich ansonsten hauptsächlich mit harmlosen Surferliedchen über Wasser hielt, wie sie Mitte der 1960er-Jahre in den USA florierten.
Wovon handelt das Stück überhaupt? Also, da beklagt einer den Zustand der Welt, die ihm untergangsgeweiht vorkommt. Atomwaffen, Krieg und Rassismus, Unterdrückung, Hass und Hetze allerorten. Von „Red China“ (wie man Maos Sklavenstaat zu nennen pflegte) bis „Selma, Alabama“ (wo Polizisten reihenweise Teilnehmer der legendären amerikanischen Bürgerrechtsmärsche zusammenknüppelten).
Diese Kalamitäten will jedoch ein imaginärer Freund des erweckten Sängers, der für die ignorante Mehrheit steht (gewissermaßen der Urtypus des Leugners), einfach nicht wahrhaben: „Ah, you don’t believe we´re on the eve of destruction”.

Da kann man auch gleich von der Klippe hüpfen

Was Barry da zum Besten gab, war kein Protestlied, sondern ein Doom Song. Protestlieder wie Dylans „The Times They Are a-Changin‘“ oder Donovans “Universal Soldier” klagen ebenfalls an, jaunern rum, lesen den Mächtigen die Leviten, enthalten aber letztlich die frohe Botschaft: Mit uns ist die neue Zeit! Doom Songs dagegen verkünden den unvermeidlichen Untergang. Da kann man auch gleich von der Klippe hüpfen.
Überraschenderweise verkaufen Armageddon-Gesänge sich blendend. Der „Vorabend der Zerstörung“ wurde 1965, als sich der Vietnamkrieg ausweitete, zu einem Riesenhit. Obwohl – beziehungsweise weil – ihn zahlreiche Radiostationen in den USA anfangs boykottierten. In Deutschland gab es 20 Jahre später ein paar ähnliche Gruselklopfer, davon später.
Was mich betraf, so war ich mit meinen siebzehn Jahren schon ganz hübsch untergangsgeübt. Ich besaß vage Erinnerungen an Gespräche der Erwachsenen über Beinahe-Katastrophen. Von Korea war öfters die Rede gewesen, auch von Ungarn. Mein ältester Bruder brachte bei Besuchen die linke Zeitschrift „Konkret“ mit, die er redigierte.
Auf den großformatigen Titelseiten waren manchmal die filigranen Zeichnungen des Apokalypse-Künstlers Wolfgang Grässe abgedruckt, etwa in Zusammenhang mit dem Algerienkrieg. Algerien war vor Vietnam das Lieblingssujet der Linken; die dortigen Gräuel galten ihnen als Vorgeschmack auf globale Barbarei. An welcher der Westen die Schuld trug, versteht sich.
Den Mauerbau kriegte ich voll mit, ebenso die Kuba-Krise. 1963 öffnete mir die Mutter eines Freundes, den ich abholen wollte, tränenüberströmt die Haustür. Sie hatte gerade im Rundfunk vom Attentat auf Kennedy gehört. Der junge, so agil wie viril wirkende US-Präsident war der Liebling vieler Deutscher. Frauen schwärmten für ihn. Sein Tod, so fürchtete auch die Mutter meines Freundes, werde die Welt verändern, könnte auch unser kleines, kuscheliges Wirtschaftswunderland in den Abgrund reißen.

Strauß weg und der Atomkrieg auf Eis

Die politische Stimmung war seit den mittleren 1950ern grundiert mit latenter Angst vor dem Atomtod, den die (von der DDR maßgeblich gesteuerte) Ostermarschbewegung unermüdlich an die Wand malte. Als Leibhaftiger war der Verteidigungsminister und Atomwaffenfan Franz Josef Strauß auserkoren, auf den sich die westdeutsche Linke schon lange vor seiner unrühmlichen Rolle in der „Spiegel“-Affäre eingeschossen hatte.
Es war für sie, die Linke, de facto ein herber Verlust, dass Strauß 1962 wegen der Affäre zurücktreten musste. Einen besseren Buhmann – gegen Strauß war Bonds Gegenspieler Blofeld ein Peter Alexander – bekam sie nie wieder.
Strauß weg und der Atomkrieg auf Eis, war damit nun erstmal Ruhe im Panikorchester? Njet! Jetzt ging es erst richtig los mit den Ängsten. Ab 1968 schüttete es aus allen Rohren, von allen Seiten. Vietnam stand weiterhin auf dem Zettel, dazu kam der Kampf gegen die Notstandsgesetze, gegen den Radikalenerlass (von den Linken als „Berufsverbote“ geframt), gegen die angebliche Isolationsfolter an recht kommod im Knast untergebrachten RAF-Terroristen, gegen die Volkszählung. Letztere Kampagne war wahrscheinlich die ulkigste, paranoideste, die in der BE-ERR-DE je stattgefunden hat.
Wirkungsmächtiger waren allerdings zunehmend jene Ängste, die sich auf Gesundheit, Natur und Umwelt bezogen. Angst vor Aids versetzte die halbe Welt in Stockstarre. Einer Generation junger Bundesdeutscher, die mehrheitlich wenig zu befürchten hatte, wurde der Spaß am Sex gründlich vermiest. Und zwar, weil aus durchaus honorigen, sozusagen solidarischen Gründen die Mär verbreitet wurde, die HIV-Seuche könnte „jeden überall treffen.“
Das Waldsterben hielt sich jahrelang an der Spitze der Panikcharts. Derzeit wird es wieder aus der Kiste geholt. Vergänglicher war der Rummel um das Ozonloch. Nach dem international durchgesetzten Verbot von FCKW gab das Loch seinen Geist weitgehend auf.
Die Ozonangst war sowieso entbehrlich, denn die Reaktorschmelze in Tschernobyl nahm nunmehr alle Angstlust in Anspruch, welche Deutsche aufzubringen vermochten. Die kanarische Insel La Gomera, bei den Hippies zur Freude der Einheimischen aus der Mode, war auf einmal wieder voll mit Ökos, die sich aus Verstrahlungsfurcht an den Atlantik flüchteten.

Wie ein zu lange stehen gelassenes Soufflé

„Noch ein Jahr nach der Katastrophe fühlten sich laut einer Allensbach-Umfrage 33 Prozent der deutschen Männer und 40 Prozent der deutschen Frauen ‚sehr bedroht‘“, schrieb der Spiegel, traditionell einer der emsigsten Treiber und Profiteure der deutschen Angstgesellschaft.
Ein imposanter Panik-Event fand 1983 statt, mit den Massenprotesten gegen die sogenannte Nachrüstung. Über eine Million Bundesbürger gingen am 22. Oktober gegen das Vorhaben der Nato auf die Straße, raketenrüstungstechnisch mit der Sowjetunion gleichzuziehen. Die Bewegung hatte auch Ohrwürmer. Nena landete mit „99 Luftballons“ einen Kassenschlager („99 Jahre Krieg, ließen keinen Platz für Krieger. Heute zieh ich meine Runden, seh die Welt in Trümmern liegen“).
Noch doomiger hörte sich ein Sänger namens Hans Hartz an, der mit seiner entfernt an Joe Cocker erinnernden Stimme nölte: „Die weißen Tauben fliegen nicht mehr, ab morgen gibt’s statt Glas nur Scherben. Komm her und schenk uns noch mal ein, Marie, die Welt reißt von der Leine.“
Indes, die Welt blieb hartnäckig auf ihrer Leine hängen. Seltsamer noch: Als die – durch Aufrufe wie den „Krefelder Appell“ stark von westdeutschen Kommunisten gesteuerte – Anti-Nato-Kampagne nicht fruchtete, fiel die von Medien und Prominenten hochgejazzte Bewegung rasch in sich zusammen wie ein zu lange stehen gelassenes Soufflé. Ein paar Jahre später kollabierte auch die Sowjetunion.
Gehen wir jetzt mal in den schnellen Vorlauf. Sonst kommt man nie durch mit all den Ängsten und Weltuntergängen. Über die der schlaue „Diplom-Kulturwissenschaftler“ und „Zeit“-Redakteur Johannes Schneider Bescheid weiß: „Die Menschheit hat sich zu allen Zeiten gern mit ihrem Ende befasst. Deshalb bemerkt sie nicht, dass es jetzt so weit ist.“
Dafür könnte ich den Johannes küssen.
Inmitten allem möglichen Rinderwahn- und Schweinepestgedöns passierte dann – 9/11. Ungezählte Male fiel fortan der Satz: „Danach wird nichts mehr so sein, wie es war.“
Das geschah so nicht ganz. Es kam wegen der Anschläge zu keiner globalen Konfrontation, keinem Börsencrash. Freilich, das Fliegen veränderte sich erheblich, hin zum Ungemütlichen für Passagiere. Dann, 2008, endlich eine schwere Finanzkrise! Und wieder hieß es, ab subito würde die Welt eine andre. Doch der robuste Kapitalismus verkraftete den Brocken. Weil Krisen nun mal zum Kapitalismus gehören, das ist ja seine Geschäftsgrundlage.

Am Pegel Cuxhaven nicht sehr viel zu bemerken

Jahre gingen ins Land. Eisbären oder Robben oder Insekten starben aus, nur um zwei, drei Jahre nach ihrer Todesanzeige zurückzukehren, manchmal in größeren Populationen als zuvor. Dramatisch stiegen die Meeresspiegel, so barmten Medien. Allein, auf der pazifischen Insel Kiribati und am (bei Fachleuten als Referenzpunkt geschätzten) Pegel Cuxhaven war davon nicht sehr viel zu bemerken.
Vor zwei Jahren startete ein gemütskrankes Mädchen aus Schweden eine Panikattacke wider die Vernunft. Die Veranstaltung schien wie ein Wunder aus Lourdes. Eine kleine Heiländin kuriert die moribunde Mutter Erde! Doch dann kam Corona, und der ganze Zirkus kippte zurück auf Wiedervorlage. So schnell vergeht der Ruhm der Umwelt.
Nach Corona wird, Sie ahnen es längst, natürlich nichts mehr so sein wie früher. Das schreiben die Medien. Killt das Virus vielleicht gar den Kapitalismus? Das glaubt und hofft der Philosoph Slavoj Zizek. Was mich an ein Graffito erinnert, das ich einst auf dem Klo des romanischen Seminars der Uni Hamburg las. Es ging so: „Gott ist tot (Nietzsche, 1882)“. „Nietzsche ist tot (Gott, 1900)“. Nicht, dass ich den Kapitalismus mit Gott vergleichen möchte! Und Zizek keinesfalls mit Nietzsche, bewahre.
Ach, es ist ein Elend mit dem Weltuntergang. Bereitet man sich auf einen vor, steht bereits der nächste in der Tür. Was dräut uns künftig? Wie wäre es mal wieder mit einem kleinen Nuklearkrieg? Oder: Hacker legen die Welt lahm? Zombieaufstand in den Metropolen? Trump bleibt Präsident?
In meinem Alter habe ich es gut. Die größte anzunehmende Katastrophe für das Land, in dem ich mehr oder minder gut und gerne lebe, ist bereits eingetreten. 15 Jahre Merkel und ihre Wenden, ärger kann’s nun nicht mehr kommen. Nicht mal dann, wenn der nächste Bundeskanzler Andreas Scheuer hieße.




Schummel-Programme im Diesel – jetzt auch im Elektro-Auto?

Diesel-Käufer erinnern sich an den Skandal von Volkswagen & Co: Halbseidene Vereine wie die Deutsche Umwelthilfe DUH des Vielfliegers Jürgen Resch hatten völlig unrealistische Emissionswerte verlangt, was man in den Konzernen mit Schummelprogrammen statt mit politischem Protest beantwortete. Ergebnis waren heftige Strafzahlungen und Erstattung an die Kunden; zudem ein Riesenärger.

Nun scheinen Tesla&Co. nachzuziehen: Der ADAC stellte mit Messungen fest, daß rund ein Viertel der Energie beim Laden verlorengeht; abhängig vom Modell. An der Anzeige merkt man das aber nicht; die zeigt an, was auch die Ladestation sagt. Analog dazu würde beim Verbrenner von 40 Litern Super zehn Liter danebenlaufen oder schon beim Eintreffen im Motor irgendwie verdampfen. Ob die DUH und andere Nicht-Regierungsorganisationen nun protestieren werden, oder gar Luisa Neubauer-Reemtsma und Großkusine Carla von FFF? Wäre mit Abmahnen nicht genau wieder viel Geld zu verdienen? Jürgen Resch ist ja für seinen aufwändigen (und etwas klimaschädlichen) Lebensstil bekannt.




Wiedergeburt der Solarindustrie in Deutschland?

Der Grünen-Mitgründer Frank Asbeck nutzte den von ihm mitgeschürten technikfeindlichen Zeitgeist, um ein kleines Solarkraft-Imperium aufzubauen, das aber 2018 wegen der chinesischen Konkurrenz pleite ging. Für Asbeck hatte es sich trotzdem gelohnt: Der Grüne kaufte das rheinische Schloß von Thomas Gottschalk und richtete Jagdgesellschaften aus.
Für die Mitarbeiter lief es nicht so gut; der Standort in Freiberg mit 600 Arbeitsplätzen wurde geschlossen.
Nun will die Meyer-Burger Technology AG aus der Schweiz im ehemaligen Solar Valley von Bitterfeld-Wolfen investieren. Der Standort gehört zum Halleschen Chemie-Dreieck und war führend in der Herstellung von Foto-Filmen (Agfa bzw. Original Wolfen/ Orwo).
Was hat sich geändert seit dem Abbau um 2010? Der Chef von Meyer-Burger hofft auf den EU-Green Deal post corona und positive Effekte durch die deutsche Elektroauto-Initiative. Rechnet er also mit üppigen Steuermillionen? Was sonst. Er will Solaranlagen für Hausdächer und kleine „Kraftwerke“ bauen und im Jahr Photovoltaik mit 400 Megawatt Leistung ausstoßen. Bis Juni 2021 will die Firma in Freiberg und Bitterfeld loslegen und langfristig 3.000 Arbeitsplätze schaffen.
So ganz stillgelegt wurde der Standort Bitterfeld-Wolfen übrigens nicht: Eine Firma namens Q-Cells ging zwar bankrott und wurde von Koreanern gekauft, die die Produktion nach Asien verlegten; aber die Forschung vor Ort beließen. Demnächst sollen Solarzellen einer neuen effizienteren Generation entwickelt werden. Es gibt zudem ein weiteres interessantes Geschäftsmodell: Q-Cells pachtet private Hausdächer und baut darauf Photovoltaik-Anlagen, um unter anderem beim Staat als Stromanbieter zu kassieren.
Die Lobby-Organisation der Solarhersteller hält das eigene Produkt zum Erreichen der Klimaziele unserer Regierung für unverzichtbar; 2030 sollen zwei Drittel des deutschen Stroms aus den „Erneuerbaren“ kommen. Was zu flächendeckenden Stromausfällen führen wird, da mindestens 50% der Kraftwerke grundlastfähig sein müssen, wie unser Pressesprecher Horst-Joachim Lüdecke ausführt. Da die im Volke verhaßten Windräder von örtlichen Naturschützern und Anwohnern aber seit 2019 derart heftig beklagt werden, daß kaum ein neues ohne jahrelange Prozessiererei errichtet werden kann, wird man wohl verstärkt auf die Photovoltaik zurückgreifen, die keine metertiefen Betonfundamente benötigt, keinen Krach macht und nicht die Vogel- und Fledermaus-Fauna Deutschlands vom Himmel holt.
Um auf die angepeilten 65% zu kommen, müsse daher die jährliche Neuinstallation von Solarzellen ab 2022 verdreifacht werden, so ein Manager von Q-Cells.
Mal sehen, was die Bürger dazu sagen. Wenn die Firmen hauptsächlich Haus- und Garagendächer bepflastern, und sich das für den privilegierten Hausbesitzer via Steuersubvention auch noch rentiert, wird es wohl leider keine Proteste geben. Die Bewohner von Mietwohnungen, die die gesellschaftliche Umverteilung von unten nach oben finanzieren, werden dagegen so schnell nicht auf die Straße gehen.