Klima, Energie und das kulturelle Betriebssystem

Warum viele Energiewende-Gläubige nicht verstehen, daß sie widerlegt und trotzdem abgezockt wurden

von Edgar L. Gärtner

Wer wie wir bei EIKE versucht, dem breiten Publikum zu erklären, warum „Klimaschutz“ und „Energiewende“ nur Unheil bringen können, hat wohl schon die Erfahrung gemacht, dass selbst einfachste, lediglich auf der Arithmetik beruhende Sach-Argumente nicht ziehen. Ich vermute, dass hinter diesem Unverständnis unterschiedliche, wenn nicht gegensätzliche kulturelle Codes stehen. Der Begriff „Kultur“ steht meines Erachtens nicht für Luxus oder, wie Karl Marx es sah, für einen geistigen Überbau über der materiellen wirtschaftlichen Realität, sondern für die Logik, das Betriebssystem einer Gemeinschaft, die dem täglichen Zusammenleben von Menschen zugrunde liegen. 

Zwar gibt es in der Umgangssprache verschiedene Begriffe von Kultur. Die einen halten für Kultur alles, das es in ihren Augen verdient, durch Steuergelder subventioniert zu werden. Manche sehen in CSD-Paraden oder im Auftreten von Drag Queens in Kinder-Tagesstätten ein Kulturelles Event. Andere betonen ihre kulturelle Exklusivität und halten die Volkskultur wie den so genannten gesunden Menschenverstand für ein Kennzeichen des rechten Populismus. Wieder andere erinnern an die Herkunft des Kulturbegriffs aus der Agrikultur und sind damit schon etwas näher am Kulturverständnis, das ich meinen Überlegungen zugrunde lege.

Kultur als Betriebssystem

Ich selbst sehe in der Kultur nicht, wie Karl Marx und Friedrich Engels behaupteten, einen geistigen, wenn nicht luftigen Überbau, der die materiellen Produktionsverhältnisse spiegelt, sondern im Gegenteil das Betriebssystem einer menschlichen Gemeinschaft, dessen Codes darüber entscheiden, was, wie und wo produziert und gehandelt oder ob wann gegen wen Krieg geführt wird. Wie der posthum als „rechts“ verunglimpfte bekannte deutsche Geschichtsphilosoph Oswald Spengler sehe ich die Weltgeschichte weder als Geschichte von Klassenkämpfen noch als Abfolge von Produktionsweisen und Produktionsverhältnissen noch als linearen Fortschritt von düsteren mythologischen Anfängen hin zur aufgeklärten Moderne, sondern als vergleichende Morphologie von Kulturen analog zur biologischen Morphologie. Die Kulturentwicklung hat m.E. Vorrang vor der politischen und ökonomischen Entwicklung. Gerade Deutschland bestand als kulturelle Entität schon etliche Jahrhunderte vor der politischen Reichsgründung durch Bismarck. (Etwas anders verlief die Entwicklung in Frankreich.) Spengler sah in der Weltgeschichte seit dem Altertum die zeitversetzte Parallelentwicklung von acht verschiedenen herrschenden Hochkulturen von der Geburt zu ihrer Blüte und danach über einen imperialistischen Endzustand (vergleichbar mit der Zivilisation des Imperium Romanum unter Kaiser Augustus) zu ihrem langsamen Abstieg in Richtung auf eine „Fellachen-Unkultur“.

Es geht mir hier nicht um die Übernahme von Spenglers Schema in Einzelnen, insbesondere nicht um seine negative Einschätzung von Judentum und Christentum, denn ich bleibe skeptisch gegenüber Spenglers Versuch, die Geschichte vorauszubestimmen. Allerdings übernehme ich die inzwischen empirisch gestützte Behauptung Spenglers, zwischen verschiedenen Kulturen könne es keinen echten Dialog, keine gegenseitige Befruchtung geben. Zwar räumte Spengler ein, zwischen fremden Kulturen könne es durchaus wirtschaftlichen Handel sowie diplomatische und künstlerische Beziehungen geben, aber ein wirklicher seelischer Austausch sei nicht möglich. Bildende Künstler, Musiker und Dramatiker wie Goethe könnten sich zwar von der Antike, dem Buddhismus oder dem Islam inspirieren lassen, aber das bedeute nicht, dass sie unter gleichen Formeln, Mustern und Worten auch dasselbe verstehen.

Es gibt allerdings auf der Welt nicht nur Hochkulturen, deren Entwicklungsmuster Spengler verglich, sondern bis in die jüngste Zeit auch noch archaische Stammeskulturen. Solche Kulturen waren vor der Entstehung der ersten Hochkulturen vor einigen Tausend Jahren über hunderttausend Jahre der Normalzustand des menschlichen Zusammenlebens. Stämme funktionieren nach einer eigenen Logik, wonach der Zusammenhalt und Fortbestand eines Clans oder Stammes wichtiger sind als die Wahrheit. Wie Stämme funktionieren, wissen wir von isoliert lebenden Stämmen in Papua-Neuguinea und Amazonien, die es geschafft haben, bis in die jüngste Zeit fortzubestehen. Auffällig ist die durchschnittlich kurze Lebensspanne und der hohe Prozentsatz von Stammesmitgliedern, die eines gewaltsamen Todes sterben. Der von „Aufklärern“ des 18. Jahrhunderts in die Welt gesetzte Mythos vom „edlen Wilden“ entspricht höchstens ausnahmsweise der Wirklichkeit.

Auch in scheinbar aufgeklärten modernen Gesellschaften halten sich Reste des Stammesdenkens und es besteht die Gefahr, dass wichtige Gruppen, wenn nicht die Mehrheit der Bevölkerung in die tribalistische Mentalität abgleiten. Das beobachten wir heute m.E. bei der rasanten Verbreitung verschiedener Formen der Woke-Ideologie, darin an vorderster Stelle der Glaube an die nahende vom Menschen verursachte Klimakatastrophe. M.E. zu Recht bezeichnete jemand die hinter der Errichtung der „Brandmauer“ gegen demokratische Vertreter von Alternativen stehende Mentalität als „Empörungs-Tribalismus“. Menschen glauben halt, solange ihnen das keine körperlichen Schmerzen verursacht, was sie glauben wollen.

Der Sonderweg des Westens

Das deutet an, dass es nicht leicht sein wird, die geistige Brandmauer gegenüber vernünftigen Alternativen zu überwinden. Die Europäer brauchten etliche Jahrhunderte, um von Familien-, Clan- und Stammesbanden abstrahieren zu lernen. Ausschlaggebend dafür war neben der Verbreitung der biblischen 10 Gebote und dem dahinter stehenden realistischen Menschenbild die Übernahme der Philosophien von Platon und Aristoteles sowie der Grundsätze des römischen Rechts im so genannten Mittelalter. Ich folge dabei der umfangreichen, über 900-seitigen Darstellung des heute u.a. an der Havard-University lehrenden Kultur-Anthropologen Joseph Henrich in seinem Buch „Die seltsamsten Menschen der Welt. Wie der Westen sonderbar und reich wurde“ (2020 bzw. 2026) über die Begründung des Reichtums der westlichen Welt in der ungewöhnlich „schrägen“ Psyche ihrer Bürger, die sich in „Verdrahtung“ und Chemie ihrer Hirne manifestiert. Das gilt vor allem für die vom Protestantismus geförderte Alphabetisierung, die nachweislich zur Verschiebung von Hirnzentren führt. Auch der römische Katholizismus hinterlässt in den Hirnen der Gläubigen bleibende Spuren. Das gilt vor allem für die Monogamie und das Verbot der Verwandtenehe.

Schon auf hirnphysiologischer Ebene wird die westliche Kultur, wie alle Kulturen, also von der Religion determiniert. Zwar kann eine Kultur überkommene Glaubenssysteme bereichern oder im Gegenteil pervertieren. Aber es gibt umgekehrt kein historisches Beispiel für die Geburt einer Religion aus einer entwickelten Kultur. Es ist immer die Religion, die einer Kultur vorausgeht. Religiosität und andere Formen der Transzendenz und nicht der intelligente Werkzeuggebrauch machen den eigentlichen Unterschied zwischen Mensch und Tier aus.

Ich bin freilich nicht der erste, der das extrakorporale Organ Kultur mit einem Computer-Betriebssystem wie MsWindows, MacOS oder Linux vergleicht. Wichtig erscheint es mir, kulturelle Codes auf dieser Ebene zu verorten. Denn damit wird deutlich, dass man sie nicht wie ein Programm oder eine App einfach auswechseln kann. Vor allem kann man auf einem Rechner nicht mit mehreren Betriebssystemen gleichzeitig arbeiten. Darauf läuft aber im übertragenen Sinn die Idee der multikulturellen Gesellschaft hinaus. Es kann eben im selben Raum keine Koexistenz zwischen gegensätzlichen Kulturen geben. Dabei stört in diesem Zusammenhang m.E. weniger die Tatsache, dass Christen und Muslime verschiedene Götter anbeten, sondern dass sie ein unvereinbares Verhältnis zum Tribalismus verkörpern. Es geht mir jetzt allerdings nicht darum, meine Leser zum biblischen Glauben zu bekehren. Wir sollten uns aber zumindest bewusst sein, dass die bis vor Kurzem so erfolgreiche westliche Kultur im Judentum und im Christentum wurzelt. Nur hier gibt es die Vorstellung, dass Gott die Welt als vernünftig geordnetes Ganzes geschaffen hat und dass die Menschen mithilfe von Beobachtung und Experiment sowie mit logischen Schlüssen in der Lage sind, diese Ordnung zumindest teilweise zu verstehen, auch wenn ihnen, so der maßgebliche mittelalterliche Kirchenlehrer Thomas von Aquin, das Verständnis des komplexen Ganzen verwehrt bleibt. Wir können, so der „Aufklärer“ Immanuel Kant, nicht das „Ding an sich“ erkennen, sondern nach Überzeugung des liberalen Ökonomie-Nobelpreisträgers Friedrich August von Hayek nur Muster von Entwicklungen in Natur und Gesellschaft vergleichen.

Demut als Markenzeichen christlicher Kultur

Aus dieser Erkenntnis folgt die Haltung der Ehrfurcht und Demut gegenüber Dingen und Verhältnissen, die größer sind als wir Menschen. Die Demut ist das Markenzeichen einer christlichen Kultur – auch bei Leuten, die zwar von einer christlichen Kultur geprägt sind, aber nie oder nur gelegentlich an Gottesdiensten und anderen frommen Kulthandlungen teilnehmen. Ich denke da an den französischen Literatur-Nobelpreisträger Albert Camus, der katholisch getauft und gefirmt wurde, sich aber später als Atheist bezeichnete. (Sein äußerst bescheidenes Grab auf dem Friedhof von Lourmarin im südfranzösischen Département Vaucluse bezeugt die demütige Haltung des Autors, die man auch in seinen Werken findet.) Fehlt diese Demut, kommt es zu verschiedenen Formen der Überheblichkeit und Wissensanmaßung wie der Überzeugung, das Klima durch die CO2-Reduktion mithilfe der „Energiewende“ steuern zu können oder der Illusion, unvereinbare kulturelle Betriebssysteme durch die unkontrollierte Masseneinwanderung kulturfremder Männer im wehrfähigen Alter vermischen und das euphorisch als „bunt“ feiern zu können. Der von der UNO eingesetzte „Weltklimarat“ IPCC bekam unverhüllt die Aufgabe, den wissenschaftlichen Diskurs über die Ursachen des Klimawandels durch die Verbreitung der „Treibhauslüge“ gleichzuschalten und die im Weltmaßstab ökonomisch erfolgreichste Kultur dafür verantwortlich zu machen, wie EIKE-Vizepräsident Dipl.- Ing. Michael Limburg in seinem neuen Buch und in seinem Beitrag zur 17. IKEK in Halle nachweist. Leider ist zu befürchten, dass er damit nur in der Kirche der „Klimaskeptiker“ predigt, weil selbst kritische Zeitgenossen das Dogma von der Klimaschädlichkeit des CO2 unhinterfragt akzeptieren und sich lediglich für effizientere Wege zu dessen Reduktion einsetzen.

Diese geistige Gleichschaltung ist ein Erbe des archaischen Tribalismus. Über viele Jahrtausende sicherten Stämme ihren Fortbestand durch die Opferung von Sündenböcken. In diese Rolle wurden in der Regel aus der Masse herausragende Individuen gedrängt. Der bis zu seinem Tode vor über einem Jahrzehnt an der renommierten kalifornischen Stanford University lehrende französische Anthropologe René Girard (den Henrich als Protestant nicht einmal zitiert!) hat dem Sündenbock-Mechanismus dicke Bücher gewidmet. Aktuell studieren kann man diesen Mechanismus in der tendenziell gewaltsamen Auseinandersetzung der (tribalistischen) Woke-Bewegung mit US-Präsident Donald Trump, der spontan zum Sündenbock auserkoren wurde. Wer könnte eine solche dem Gesetz wachsender Entropie folgende Bewegung besänftigen? Aus der europäischen Geschichte wissen wir: Die wegen ihrer Aggressivität gefürchteten Wikinger wurden erst friedlich, als ihr König Harald Blaubart sich um die erste Jahrtausendwende taufen ließ. Ohne den überragenden Einfluss des Christentums (in Verbindung mit der aristotelischen Logik und dem römischen Recht) ist der schwierige Prozess der Überwindung des Tribalismus durch die „seltsame“, d.h. weltweit einmalige europäische und amerikanische Kultur, den Henrich plastisch beschreibt, in der Tat nicht erklärbar. Weil die Herausbildung der neuen Kultur aber in jeder Hinsicht künstlich ist, kommt es leicht zu Rückfällen in die Stammeskultur.

Das Unheil beginnt mit der Französischen Revolution

Die jüngeren Rückfälle in die tribalistische Mentalität gehen alle auf die Französische Revolution zurück. Die jakobinische Gleichschaltung ist eine Form des tribalistischen Sündenbock-Mechanismus: Der fromme, gebildete und durchaus human und anständig gesonnene König Ludwig XVI. starb unter dem Jubel der Menge unter dem Fallbeil der Guillotine. Er wurde wie seine Ehefrau Marie-Antoinette und viele andere als Sündenbock geopfert, um Frankreich (vermeintlich) aus der Krise zu führen. Der ihm und seinen Getreuen u.a. zur Last gelegte Staatsbankrott mit galoppierender Inflation und Hungersnot ging indes nicht auf seine angebliche Bösartigkeit zurück, sondern war Folge wetterbedingter Missernten und der massiven finanziellen Unterstützung der demokratischen Revolution in Amerika durch die französische Krone. Selbst nach Ansicht des Atheisten Albert Camus steht Frankreich seither unter einem Fluch. Das Unheil droht aber wohl auch all jenen, die die blutigen Ausschreitungen der Französischen Revolution als Beginn der Moderne feiern. Das sind, nach diversen Umfragen, über 90 Prozent der Europäer. So erklärt sich m.E. die Leichtigkeit, mit der Europäer in die tribalistische Logik zurückfallen. Die „Große“ Französische Revolution erscheint heute nicht von ungefähr als eine Art Generalprobe für die kommunistische Oktoberrevolution in Russland und die Machtergreifung des Nazismus in Deutschland.

Nordamerika, insbesondere die USA hat demgegenüber den Rückfall in den Tribalismus, von Ausnahmen abgesehen, über längere Zeit vermeiden können. (Allerdings mit dem hässlichen Nebeneffekt, dass die europäischen Kolonisatoren mit der in Stämmen organisierten indianischen Urbevölkerung wenig anzufangen wßten.) Heute wird der in Amerika herrschende antitribalistische Konsens durch die inzwischen zunächst unter Intellektuellen aufgekommene Woke-Bewegung bedroht. Diese Bewegung beruft sich nicht zufällig auf antichristliche europäische Philosophen wie Michel Foucault. Die Jünger der Woke-Bewegung haben sich offenbar mit der Wahl ihres Feindbildes nicht geirrt, als sie die Devise „No King!“ zu ihrem Markenzeichen machten. Vielleicht ungewollt weisen sie damit darauf hin, dass die Vermessenheit ihrer politischen Forderungen, die die Gesundheit von Menschen und Natur dem angeblichen Klimaschutz unterordnen, in einem Königsmord wurzelt. Die Rolle der Guillotine übernehmen bei ihnen die berufliche Kaltstellung und soziale Ausgrenzung von Kritikern, die der Wahrheit verpflichtet sind. Sicher wird es nicht möglich sein, die Uhr bis vor die Französische Revolution zurückzudrehen, um zu einer vernünftigeren Politik zurückzukehren. Es wird aber nach diesem Überblick verständlich, warum libertäre Kritiker der postmodernen Energie- und Migrationspolitik wie Hans-Herrmann Hoppe mit Formen der Monarchie sympathisieren. Denn es erscheint wenig wahrscheinlich, den Irrweg der „Klimapolitik“ auf rein parlamentarischem Weg verlassen zu können.

Kurz: Wer die Energiewende allein als technisches oder ökonomisches Problem begreift, unterschätzt ihre geistige Dimension. Sie ist vielmehr Ausdruck eines kulturellen Betriebssystems, das sich von Realismus, Maß und Demut entfernt hat und stattdessen in moralischer Selbstgerechtigkeit nach Sündenböcken sucht. Eine Rückkehr zu Vernunft in der Klima- und Energiepolitik setzt daher mehr voraus als bessere Zahlen oder neue Gutachten: Sie verlangt die Wiedergewinnung jener geistigen Haltung, die den Westen einst stark machte — die Einsicht in die Grenzen menschlicher Erkenntnis und Macht. Ohne diese Demut wird die Politik weiter versuchen, das Klima zu steuern, während sie die Grundlagen der eigenen Kultur zerstört.