Bemerkungen zur Hitzewelle Mitte/Ende Juni 2026 in Europa
Dipl.-Met. Christian Freuer
Es war zu erwarten – nein, es war so sicher wie das Amen in der Kirche, dass die einschlägigen Propagandisten die gegenwärtige Hitzewelle ausnutzen würden, um richtig kräftig auf die Pauke zu schlagen. Es ist schon erstaunlich, welche Blüten das manchmal treibt.
Mit diesem Beitrag soll diese Hitzewelle in einen allgemeinen Kontext gestellt werden. Man fühlt sich mitunter schon an den Mittelpunktswahn des Mittelalters erinnert. Damals war ja bekanntlich die Erde der Nabel des gesamten Weltraums – wer etwas anderes behauptete, schwebte sofort in Lebensgefahr.
Heute wird nun Mitteleuropa als Nabel der gesamten Welt dargestellt – eine Größenordnung weniger als im Mittelalter, aber qualitativ das Gleiche. Die Hitze in Mitteleuropa soll demnach die Hitze auf der ganzen Welt repräsentieren. Aber wie sieht das aus – auf der ganzen Welt? Beschränken wir uns hier mal auf die Nordhemisphäre.
Am Sonntag, dem 26. Juni 2026 sieht die Graphik der Abweichung der Temperatur im 850-hPa-Niveau so aus:

Abb. 1: Abweichung der Temperatur im 850-hPa-Niveau am Sonntag, dem 26. Juni 2026 um 00 UTC (02 Uhr MESZ). Quelle: Wetterzentrale.de
Man erkennt sofort, wie klein das Gebiet der positiven Anomalie über Europa ist. Wenn das die ganze Welt repräsentieren soll, dann hat sich in den Köpfen Einiger wohl Einiges verschoben.
Noch deutlicher wird dieser Umstand, wenn man das Ganze zirkumpolar betrachtet:

Abb. 2: Wie Abb. 1, nur zirkumpolar. Quelle: Wetterzentrale.de
Natürlich gibt es bei einer solchen Wetterlage Hitzerekorde – egal wo ein solcher Vorgang stattfindet. Im Jahre 2010 gab es einen solchen Vorstoß tropischer Luft (hierzu weiter unten noch mehr) bis hinauf nach Nordskandinavien und zum Nördliche Eismeer. Das habe ich ausführlich seinerzeit hier ausführlich erläutert, wenige Tage später hat auch Michael Limburg hier noch etwas dazu geschrieben. Im Archiv von wetterzentrale.de findet man die folgende Reanalyse:

Quelle: wetterzentrale.de/archiv
Gehen wir noch kurz auf die beteiligten Luftmassen ein. Zum Thema Luftmassen allgemein steht ausführlich hier etwas dazu. Für unseren Fall hier ist folgende Unterscheidung von Bedeutung: Die wärmste Luftmasse überhaupt im atlantisch-europäischen Bereich ist Tropische Luft und hier die Tropische Festlandsluft, Kennzeichnung cT. Diese Luftmasse ist über der Sahara zu Hause. Dass ein Zweig dieser Luftmasse im Zuge bestimmter Wetterlagen auch mal nach Norden vorstößt, ist normal. Auf dem Weg nach Norden wird diese Luftmasse dann modifiziert und wird in der Regel zu SUBtropischer Festlandsluft, Kennzeichnung cS.
Nebenbei: Den gleichen Unterschied gibt es natürlich auch zwischen Arktischer und SUBarktischer Luft. Beide Luftmassen treten bei uns relativ häufig auf. Sie werden aber beide in einen Topf geworfen, obwohl sie in jeder Jahreszeit sehr unterschiedliche Eigenschaften haben.
Aber zurück zu unserer Hitzewelle. Das einzig Ungewöhnliche an der derzeitigen Wetterlage ist der Umstand, dass die Tropische Luft kaum modifiziert wurde und ihre Eigenschaften beibehalten hat. Das war im Jahre 2010 über Osteuropa so und in diesem Jahr über Mitteleuropa. Die 850-hPa-Karte des Vereins Berliner Wetterkarte e. V. vom 26. Juni zeigt die beteiligten Luftmassen:
Über Mitteleuropa findet sich die mit xT bezeichnete Luftmasse. Das „x“ soll dabei ausdrücken, dass die Luft auf dem Weg über das Mittelmeer geringfügig maritim beeinflusst wurde und daher keine reine Festlandsluft mehr ist. Der tropische Charakter der Luftmasse ist jedoch erhalten geblieben. Das ist das Einzige, was man als ungewöhnlich bezeichnen kann.
Ursache hierfür ist ein starkes Absinken im Bereich eines ausgeprägten „Omega“-Hochdruckgebietes. Da die Modifizierung einer Luftmasse ja immer von unten erfolgt, wurde die Luftmasse durch das Absinken immer wieder mit ihren tropischen Eigenschaften regeneriert. Abb. 4 zeigt diese Lage:
Dies ist ein Zirkulationsphänomen – und kein „Klimanotstand“.
Abschließend sie hier die folgende allgemeine Frage aufgeworfen:
Sind Extreme nicht überhaupt normal? Gab oder gibt es irgendwann mal keine Extreme? Wäre das Fehlen jeglicher Extreme nicht das größte und ungewöhnlichste Extrem überhaupt?

