Neuer Abkassier-Plan der Chefs der Atomkommission – Die Kosten der Endlagerung sollen die von der Politik bereits ausgeraubten Versorger übernehmen.

Der Vorschlag stieß erwartungsgemäß auf einige Kritik. So erklärte zum Beispiel Franziska Buch, Energiereferentin am Umweltinstitut München: „Die Kommission hat sich von den Energieversorgern einlullen lassen. Der so genannte Risikoaufschlag von 6,14 Milliarden Euro ist nichts anderes als eine lächerlich geringe Ablasszahlung der Unternehmen dafür, dass sie aus der Haftung für die Atommüll-Lagerung entlassen werden und dadurch ihre aktuelle Situation auf dem Kapitalmarkt verbessern.“

Sie ist nicht die einzige, die uns davon überzeugen will, dass am Ende die Kosten weit höher sein werden als veranschlagt. Gefürchtet wird auch, dass die mittlerweile finanziell angeschlagenen Konzerne das Geld für den Rückbau nicht aufbringen könnten. NABU-Energieexperte Sebastian Scholz warnt: „Die Altlasten der Atomkonzerne drohen zu einem Fass ohne Boden zu werden und es zeigt sich einmal mehr, der Staat und die Allgemeinheit sind die Dummen: Gewinne wurden privatisiert und die Gefahren und Altlasten werden verstaatlicht. Denn bei der wirtschaftlichen Lage der Energiekonzerne kann kaum damit gerechnet werden, dass sie tatsächlich nach dem Verursacherprinzip auch die Kosten schultern.“

Wer AKW-Firmen ausknipst, muss sich nicht wundern, dass kein Geld mehr da ist

Ein Kommentator auf SWR2 beklagt, die Atomkonzerne hätten "über Jahrzehnte satte Gewinne eingefahren“ und „die Stromkunden geschröpft“. Fazit: „Für das Abenteuer Atomkraft werden wir alle teuer bezahlen.“ Sollte es so kommen, dürfen wir die Schuld gewiss nicht nur bei den Konzernen suchen. Warum werden die vier unter Umständen nicht in der Lage sein, die Rückstellungen tatsächlich bereit zu stellen? Weil das notwendige Geld durch den Betrieb von Atomkraftwerken generiert wird.

Wenn man diesen Betrieb unterbindet, darf man sich hinterher nicht wundern, dass das Geld fehlt. Atomausstieg, aber auch die Energiewende insgesamt, die zudem Kohle- und Gaskraftwerke unrentabel hat werden lassen, sind die eigentliche Ursache für die schlechte wirtschaftliche Situation der Stromkonzerne. Wenn man ihnen jetzt vorwirft, sie hätten die Zeichen der Zeit nicht erkannt und seien nicht rechtzeitig auf Erneuerbare umgeschwenkt, dann kritisiert man sie dafür, dass sie zum Nutzen der Verbraucher weiter preiswerten Strom produziert haben, statt Profite mit sehr viel teurerem Ökostrom zu machen, für den sie staatliche garantierte Höchstpreise einstreichen können.

Jahrzehnte lang wurde der Allgemeinheit billiger Strom geliefert

Auch ein weiteres Argument ist zweifelhaft. Die Kernkraftbetreiber hätten Gewinne eingesackt und an ihre Aktionäre weitergereicht, wird geklagt. Wer aber sind diese Aktionäre? Man konnte es aus den Reaktionen sehen, als RWE Anfang des Jahres bekanntgab, erstmals keine Dividenden zahlen zu können. Hart getroffen waren Städte wie Dortmund und Bochum, die viele Anteile halten. EnBW gehört, wie der Name schon sagt, mehrheitlich dem Land Baden-Württemberg (und den Oberschwäbischen Elektrizitätswerken – einem kommunalen Zweckverband).

Atomkraftwerke haben jahrzehntelang billigen CO2-freien Strom geliefert. Es wird auf Profite der Konzerne verwiesen, nicht aber die Ersparnis der Stromkunden. Seit 1961 lieferten die deutschen AKWs insgesamt über 5000 Milliarden Kilowattstunden CO2-freien Strom. Dieser Strom war durchschnittlich 2 Ct billiger als aus anderen Quellen erzeugter. Wir hatten also schon mal eine Ersparnis von rund 100 Milliarden Euro.

Obwohl das immer wieder munter behauptet wird, hat es eine Subventionierung der Atomstromerzeugung  nie gegeben. Lediglich in die Forschung floss Geld. Rechnet man diese Forschungsförderung auf die Stromerzeugung um, kommt man auf eine staatliche Unterstützung von Atomstrom mit 0,18 Ct pro Kilowattstunde. Vergleichen  wir mit Strom  aus Erneuerbaren, bei dem tatsächlich nicht nur die Forschung, sondern auch die kommerzielle Erzeugung massiv unterstützt wird: Hier zahlen wir im Moment über die EEG-Zulage 6,3 Ct pro Kilowattstunde.

Erneuerbare erhalten hundertmal soviel Subventionen wie einst die Kernkraft

Allerdings auf jede Kilowattstunde Strom, die wir kaufen, nicht nur für die aus Erneuerbaren. Die lagen in 2015 bei knapp 30% der gesamten Stromerzeugung. Somit kommen wir pro Kilowattstunde Erneuerbaren-Strom auf über 20 Ct, also mehr als das Hundertfache dessen, was der Atomstrom uns an Subventionen gekostet hat. Ziehen wir noch 20% ab, weil Teile der Industrie von der Zulage befreit sind, bleiben immer noch 16 Cent. Forschungsförderung und Kosten für den Netzausbau sind dabei noch nicht berücksichtigt.

Was aber kommt zusammen, wenn wir jetzt noch Hunderttausende von Jahren den Atommüll sicher verwahren müssen? Die ungelöste Endlagerfrage gilt als schwere Hypothek. Im Deutschlandfunk wird das zum Beispiel so zusammengefasst: „Wenn in vermutlich rund 10 Jahren der letzte deutsche Atommeiler vom Netz geht, werden die Betreiber auf einem stattlichen Berg stark radioaktiven Mülls sitzen. Ungefähr 127 Tonnen Plutonium, 6 Tonnen Neptunium und 14 Tonnen Americium dürften sich bis dahin angehäuft haben. Wohin damit weiß keiner. Weltweit wurde bis heute kein einziges Endlager für solch hochaktiven Strahlenmüll in Betrieb genommen.“

Bedenkt man, dass Plutonium eine Dichte von fast 20 g/cm3 hat, ist der Berg eher kümmerlich. Ein 127 Tonnen schwerer Plutoniumwürfel hat rechnerisch eine Kantenlänge von 1,86 Meter. Auch bei aufwändiger Verpackung ist der benötigte Platz also sehr überschaubar. Zudem gibt es immer weniger Menschen, die eine Endlagerung für nötig oder sinnvoll erachten. Selbst einige Grüne, wie der Minister für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt in Schleswig-Holstein Robert Habeck, glauben nicht mehr an das Konzept eines Endlagers. In einem Interview in der Zeit beschreibt das Verfahren zur Lagerung so simpel, wie es ist: „Wir verschließen die Behälter mit Atommüll sicher, hinter Barrieren aus Gestein, Beton und Stahl. Sie sollten aber zugänglich bleiben.“

Der Atommüll wird für kommende Generationen wieder Rohstoff sein

Was er zu sagen vermeidet, obwohl anzunehmen ist, dass er es weiß: Künftige Generationen müssen sich keineswegs grämen und Tausende von Jahren mit den Hinterlassenschaften des „Atomzeitalters“ herumärgern. Sie werden vielmehr den sogenannten Atommüll als willkommenen Rohstoff nutzen. Denn er enthält noch etwa 98 Prozent der potenziell nutzbaren Energie. Die ZEIT fragt Habeck im Interview: „So ein Endlager müsste strenger bewacht werden als Fort Knox. Was kostet das?" Muss es das wirklich? Werden die deutschen Zwischenlager, wo seit Jahrzehnten die abgebrannten Brennstäbe lagern, strenger bewacht als Fort Knox? Glaubt man wirklich, Terroristen kämen auf die Idee in Deutschland über 100 Tonnen schwere Castoren zu klauen, um sie als Sondertransport per Güterzug und Schiff nach Libyen zu schaffen, wo sie absolut nichts damit anfangen könnten?

Die ominösen Kosten für die aufwändige Endlagerung für Millionen von Jahren sind eine Chimäre. Was heute als „Atommüll“ bezeichnet wird, kann in Schnellspaltreaktoren als Brennstoff eingesetzt werden. Die notwendige Technologie fortgeschrittener Kernreaktoren wird in den nächsten Jahren und Jahrzehnten erprobt. Am Ende bleibt dann nur noch extrem wenig tatsächlicher Müll übrig, von dem 80% nach Jahrzehnten und der Rest nach etwa 300 Jahren unschädlich ist.

Vergessen wir also die Idee der „Endlagerung“ und fangen wir an, eine sinnvolle Nutzung vorzubereiten. Im Moment werden verschiedene Reaktortypen entwickelt, die in der Lage sein werden, Atommüll  als Brennstoff zu nutzen, etwa der von der Firma Terrapower (unter Vorstandsvorsitzendem Bill Gates) konzipierte Laufwellenreaktor, der nach einem jüngst geschlossenen Abkommen bis 2024 in China gebaut werden soll, oder Flüssigsalzreaktoren, beispielsweise von der Firma Transatomic Power, dem Berliner Institut für Festkörper-Kernphysik, der dänischen Firma Seaborg, der kanadischen Terrestrial Energy oder dem Shanghai Institute of Applied Physics, das in einer Kooperation mit dem U.S. Department of Energy bis 2020 einen Prototypen bauen will. Wer nicht darauf warten will, bis diese neuartigen Reaktoren marktreif sind, kann auch heute schon bei der Firma GE Hitachi einen PRISM Reaktor bestellen, der Plutonium verbrennt. Der ehemalige Geschäftsführer von Greenpeace UK, Stephen Tindale fasst die Vorteile so zusammen: „Der von GE-Hitachi angebotene PRISM Reaktor ist ein Reaktor der vierten Generation, der CO2-freie Energie liefert, indem er mit Plutonium und auf Halde liegenden verbrauchten Brennstäben betrieben wird. So kann man gleichzeitig die Atommüll- und die Klimaproblematik bewältigen.“

Schon in Betrieb ist der russische Atommüllverbrenner BN-800, der auch Plutonium aus ausrangierten Atombomben verbrennt. Machen wir uns also keine allzu großen Sorgen um die Abwicklung des Atomzeitalters. Noch ist Deutschland auf einem Sonderweg. Doch es ist wenig wahrscheinlich, dass wir in den nächsten Jahrzehnten stur auf diesem verharren werden. Die Endlagerfrage wird dann ein interessantes Thema für Historiker.

Thilo Spahl ist Diplom-Psychologe und lebt in Berlin. Er ist freier Wissenschaftsautor, Mitgründer des Freiblickinstituts und Novo-Argumente Redakteur, wo dieser Beitrag zuerst erschien.




Glückliche Schwarze im Schein einer Solarlampe als neokolonialer Traum

Sehr deutlich formuliert es der philanthropische Start-up-Unternehmer Lars Krückeberg in einem TEDx-Talk: „16 Prozent der Weltbevölkerung leben ohne Stromanschluss. Sie haben keinen Strom. Und sie werden keinen Strom haben. Es ist einfach zu teuer, Straßen und Stromleitungen zu diesen ländlichen Gebieten zu bauen. Es wird niemals geschehen.“ Niemals! Der erfolgreiche Architekt Krückeberg will diesen „Off-Grid-Menschen“ helfen und hat daher die Firma Solarkiosk gegründet. Ihr Produkt ist eine kleine Bude mit Solarzellen auf dem Dach, die als eine Art Stromtankstelle dient. Die Rotterdam School of Management an der Erasmus-Universität hat das Berliner Unternehmen dafür mit dem Erasmus Energy Business Award 2015ausgezeichnet. Im Februar hatte die Firma auch schon den „Zeit Wissen-Preis Mut zur Nachhaltigkeit“ erhalten.

Solarkioske sind ein Tropfen auf den heißen Stein

In der Begründung besonders hervorgehoben wird, dass durch die Solarkioske CO2-Emissionen aus der Verbrennung von Holz reduziert und der Entwaldung vorgebeugt werde. Es wird also gleichermaßen Mensch und Planet geholfen. (Wobei, nebenbei bemerkt, auffällt, dass bei uns die Verbrennung von Holz in den Bereich der klimaneutralen, also „guten“ erneuerbaren Energien gezählt wird und in Deutschland mittlerweile zum Zwecke des Klimaschutzes in Kraftwerken Holz verbrannt wird, das eigens dafür aus Afrika importiert wird.) Tatsächlich ist den extrem armen Menschen geholfen, die über die mittlerweile über 100 Kioske Zugang zu etwas Elektrizität erhalten.

Wenn wir aber auf der Website von Solarkiosk erfahren, dass ein Kiosk 7500 Menschen „versorgt“, können wir ermessen, dass die Hilfe sehr bescheiden ist. Rechnerisch kommt jeder Mensch auf 0,36 Kilowattstunden (kWh) pro Jahr. Damit kann man eine 40-Watt-Lampe neun Stunden brennen lassen oder sein Samsung Galaxy S5 immerhin 33 Tage betreiben. Der Pro-Kopf-Stromverbrauch in Deutschland liegt bei knapp über 7000 kWh im Jahr, ist also gut 20.000-mal so hoch. Der Durchschnitt in Subsahara-Afrika (Südafrika ausgenommen) liegt bei 150 kWh. Noch bescheidener sind Projekte wie „Little Sun“, ein von einem Künstler gestaltetes kitschiges Solar-LED-Lämpchen, das mit dem Greentec Award 2015 ausgezeichnet wurde, weil es angeblich gleichzeitig Licht zu den Ärmsten bringe und ein begehrtes Kunstobjekt sei.

Viele Menschen glauben, dass der globale Energieverbrauch schon viel zu hoch sei und uns dies letztlich in die (Klima-)Katastrophe führen wird. Wenn sie sich spontan ein ideales Afrika ausmalen, dann ist es ein Kontinent, wo Eingeborene mit deutscher Unterstützung in kleinen, solarifizierten Öko-Dörfern ein würdevolles einfaches Leben in Einklang mit der Natur führen, ohne dem Planeten Böses zu tun. Ein Leben, das die wohlmeinenden westlichen Off-Grid-Fans freiwillig jederzeit beginnen könnten, es aber nicht tun, woraus man schließen kann, dass es so erstrebenswert wohl nicht ist. Ein Leben, das aus westlicher Sicht offenbar gut genug für Afrikaner ist, mehr aber nicht. Doch diese Fiktion hat mit der Realität nichts zu tun.

Die Afrikaner als Energie-Hobbits

Die Menschen in Afrika sind entschlossen, den Weg einzuschlagen, der zu Wohlstand nach westlichem Vorbild führt. Immer mehr Afrikaner wohnen nicht abgelegen im Busch, sondern in Millionenstädten. Afrika zählt 46 davon, Europa lediglich 23. Und sie wissen, dass der wichtigste Schritt auf dem Weg in diese bessere Zukunft eine umfassende, verlässliche Elektrizitätsinfrastruktur ist, die dafür sorgt, dass jeder 24 Stunden am Tag seinen Strom aus der Steckdose bekommt. Die Partner, die ihnen beim Aufbau helfen, kommen aus Japan, China, Indien, Südkorea, Russland und Brasilien. Ganz selten aus Europa.

Die Liste der afrikanischen Kraftwerksprojekte ist lang: Algerien hat von 2011 bis 2013 seine Erzeugungskapazität um ein Drittel erhöht und will sie bis zum Jahr 2017 nochmal verdoppeln. Dazu baut das Land unter anderem sechs Gaskraftwerke. 99 Prozent der Bevölkerung haben bereits Zugang zum Stromnetz. 5 Ägypten will die Energieerzeugung bis 2020 auf rund 60 GW (Gigawatt) verdoppeln. Anfang des Jahres wurde u.a. vereinbart, gemeinsam mit Russland vier Atomreaktoren zu bauen 6, im Juni mit Siemens ein Vertrag über den Bau eines 4,4-GW-Gaskraftwerks geschlossen und im August die Entdeckung des großen Gasfelds Zohr vor der ägyptischen Mittelmeerküste bekannt gegeben. Dank des Gasfelds möchte das Land ab 2020 auf Importe verzichten. In Angola wurde die Kapazität seit Ende des Bürgerkriegs 2002 verdoppelt, aber noch immer haben nur 30 Prozent der Menschen einen Stromanschluss. In 10 Jahren sollen es doppelt so viele sein. 70 Prozent der Elektrizität kommen aus Wasserkraftwerken, 15 weitere sollen gebaut werden.

Das wichtigste ist der Laúca-Damm in der Provinz Kwanza Norte, eine Investition von gut vier Milliarden US-Dollar, die bereits im Jahr 2017 zwei Gigawatt Strom erzeugen soll. 8 Auch Uganda plant drei große Wasserkraftwerke mit insgesamt 1,4 Megawatt Kapazität. In Libyen hat sich die Erzeugung von 2000 bis 2010 verdoppelt. Vor Ausbruch des Bürgerkriegs und den westlichen Luftschlägen hatten auch auf dem Land 99 Prozent der Bevölkerung Zugang zu Strom. In Mosambik wird gerade das erste Kohlekraftwerk des Landes gebaut, um die großen heimischen Kohlevorkommen nutzen zu können. Außerdem wurden in den letzten Jahren enorme Erdgaslagerstätten entdeckt. Bisher haben nur 20 Prozent der Menschen Zugang zu Elektrizität, die hauptsächlich vom in den 1970er-Jahren errichteten Cahora-Bassa-Staudamm stammt.

Ghana baut ein Atomkraftwerk mit russischer Hilfe

In Nigeria, dem Powerhouse und größten Erdölproduzenten Afrikas, ist die Stromversorgung extrem schlecht. Rund sechs Gigawatt müssen für eine Bevölkerung von 180 Millionen Menschen reichen. Im Jahr 2013 wurden die Kraftwerke des Landes privatisiert. Bis zum Jahr 2020 soll sich die Kapazität vervierfachen. Südafrika produziert mit einer installierten Kapazität von 26 GW mit Abstand den meisten Strom. Knapp 12 GW sollen in den nächsten Jahren hinzukommen. In Ghana hatten im Jahr 1990 nur 15 Prozent der Menschen einen Stromanschluss, in 2016 sollen es 93 Prozent sein. Im Juni vereinbarte das Land mit Russland eine Zusammenarbeit zum Bau eines Atomkraftwerks. Es will außerdem zum Zentrum der Ausbildung im Bereich der Nukleartechnik in Afrika werden.

Äthiopien ist dabei, die Stromerzeugung massiv auszubauen, um als regionaler Versorger auch Sudan und Kenia zu beliefern. Das Wasserkraftpotenzial des Landes wird auf 46 GW beziffert. Allein der Grand-Renaissance-Damm soll 6 GW liefern, die fünf Staustufen des Flusses Omo, Gilgel Gibe 1–5, rund 4,6 GW. Aber auch Kenia hat ambitionierte Ausbauziele und will unter anderem bis zum Jahr 2020 das erste Atomkraftwerk fertigstellen. Das weltweit weitaus größte Projekt ist der Grand-Inga-Damm im Kongo, der eine Leistung von 40 GW haben soll, mehr als alle heute existierenden afrikanischen Wasserkraftwerke zusammen.

Ehrgeizige Ausbaupläne bei Solar und Wind sind eher selten. Eine Ausnahme bildet Marokko. Das Land will den Anteil von weniger als vier Prozent im Jahr 2011 auf 42 Prozent im Jahr 2020 steigern. Dass die meisten Länder freiwillig kaum auf Wind und Sonne setzen, ist verständlich. Die Kosten sind selbst für den sonnenverwöhnten Kontinent zu hoch. Nach einer Schätzung des Center for Global Development kann mit Investitionen von zehn Milliarden US-Dollar in erneuerbare Energien eine Elektrizitätsversorgung für 30 Millionen Menschen aufgebaut werden. Der gleiche Betrag in Gaskraftwerke investiert würde jedoch 90 Millionen Menschen Zugang zu Elektrizität ermöglichen.

Gas versorgt dreimal soviel Menschen wie Solar und Wind – fürs gleiche Geld

Die Liste lässt sich fortsetzen. Das Potenzial für die Stromerzeugung ist sowohl im fossilen Bereich mit vielen nicht erschlossenen Gas-, Öl- und Kohlevorkommen als auch bei den Erneuerbaren, allem voran der Wasserkraft, riesig. Einer Studie von McKinsey zufolge verfügt Afrika südlich der Sahara (ohne Biomasse, Solar- und Nuklearenergie) über ein Erzeugungspotenzial von 1200 GW.16 Es gibt also viel Luft nach oben. Um ganz Afrika auf das Niveau von Südafrika zu bringen, wären ungefähr 1000 Gigawatt Kraftwerkskapazität notwendig, also etwa 1000 mittelgroße Kraftwerke. Wenn sich Investoren finden, kann Afrika die Stromversorgung zügig massiv ausbauen. Dass das machbar ist, haben wir in vielen Ländern gesehen. Im Jahr 1970 hatten nur rund 300 Millionen Chinesen Zugang zu elektrischer Energie, heute sind es eine Milliarde mehr. In Thailand hatten im Jahr 1980 nur rund 25 Prozent der Menschen Zugang, zehn Jahre später waren es schon über 90 Prozent und kurz vor der Jahrtausendwende 100 Prozent. In Südafrika waren es im Jahr 1990 noch weniger als 40 Prozent, heute sind es rund doppelt so viele.

Dass sich solche Investitionen lohnen, steht ebenfalls außer Frage. Mit der Stromversorgung erhöht sich die Produktivität der Menschen enorm. Abnehmer gibt es auch heute schon genug. Denn die sehr schlecht ausgebauten Energiesysteme bedeuten nicht notwendig, dass die Menschen keinen Strom benutzen. Schließlich kann praktisch kein Unternehmen ohne auskommen. Es bedeutet oft, dass sie sehr teuren Strom nutzen, da sie ihn notgedrungen mit Dieselaggregaten zum vielfachen Preis selbst produzieren. In Kenia besitzen 57 Prozent aller Betriebe solche Generatoren, in Tansania 42 Prozent und in Äthiopien 41 Prozent.

Laut der Internationalen Energieagentur (IEA) müssten rund 300 Milliarden US-Dollar investiert werden, um den allgemeinen Zugang zu Elektrizität in Afrika bis zum Jahr 2030 aufzubauen. McKinsey beziffert die notwendigen Investitionen bis 2040 für eine Vervierfachung der Stromerzeugung in Subsahara-Afrika auf 490 Milliarden US-Dollar. Das ist deutlich weniger Geld als Deutschland für die Ökostromumlage ausgibt. Der Nutzen wäre aber unvergleichlich viel größer.

Nicht nur deutsche Start-ups, auch die US-Regierung und andere westliche Organisationen fokussieren immer mehr auf kleine Projekte. Mitte des Jahres 2013 hat Präsident Obama die „Power Africa Initiative“ ins Leben gerufen. Im Juni 2014 startete die „Beyond the Grid“-Subinitiative, die auf kleinteilige Lösungen ohne Netzanbindung setzt. Allein die Bebilderung des Jahresberichts 2015 der „Power Africa“-Initiative spricht Bände. 18 Auf dem Titel sitzen einige Schwarze im Schein des Bildschirms eines alten Laptops in einer dunklen Hütte. Im Innenteil sind fünf Bilder von Solarpanels, fünf Fotos von glücklichen Menschen mit spärlicher Beleuchtung bei Nacht und viermal Menschen bei Bau- oder Montagearbeiten. Aber kein einziges Kraftwerk.

Glückliche Schwarze im Schein einer Solarlampe als neokolonialer Entwicklungstraum

„Beyond the Grid“ hört sich sehr fortschrittlich an. Auch hierzulande schwärmen Menschen davon, dass in Zukunft jeder seinen Strom selbst erzeugen kann und das alte System der großen Kraftwerke und Energienetze überwunden wird. Solche romantischen Ideen sind aber grundfalsch. Wenn man eine effiziente und verlässliche Energieversorgung möchte, gilt nach wie vor: Grid is King. Auch Afrika braucht große Kraftwerke und ein Stromnetz, das alle erreicht.

Wie soll die Bevölkerung auf dem Land versorgt werden? Größtenteils wahrscheinlich so, wie es auch bei uns geschehen ist: Indem die Menschen in die Städte oder Ballungsräume ziehen und dort ans Netz angeschlossen werden. Die Urbanisierung ist real und positiv. Nicht die Versorgung entlegener Dörfer, sondern die der großen Millionenstädte ist die Herausforderung. Dies gelingt am besten durch eine Energieerzeugung mit großen Kraftwerken, die in den Zentren großen Verbrauchs ein stabiles Netz versorgen.

Wer in kleinen Dörfern fernab der Städte bleibt, muss mit kleinen, teureren Lösungen leben, hat aber heute technisch mehr Möglichkeiten als früher. Robuste und leistungsfähige Off-Grid-Systeme sehen anders aus als die Solarkioske und Little-Suns. Off-Grid heißt zunächst, dass man nicht an ein überregionales Netz angeschlossen ist. Das Ziel muss aber dennoch sein, in seinem Zuhause Strom aus der Steckdose zu bekommen. Dies geschieht heute vor allem mit ineffizienten und sehr teuren Dieselgeneratoren. Die kann man mit Wind oder Solaranlagen sinnvoll ergänzen zu Hybridanlagen, die dann eine kleinere Zahl von Haushalten verlässlich versorgen. In vielen afrikanischen Ländern gibt es entsprechende Off-Grid-Entwicklungspläne. Für größere Kommunen kommen auch kleine Gaskraftwerke in Frage oder Mini-Kernreaktoren, die als kompakte, hermetisch abgeschlossene Einheiten geliefert werden, 30 Jahre kontinuierlich und wartungsfrei Strom produzieren, ohne dafür neuen Brennstoff zu benötigen, und dann wieder abtransportiert und rezykliert werden können.

Menschen leiden täglich unter Energiearmut – der Klimawandel spielt keine große Rolle

Klimaschutz ist heute das große globale Ziel, um das sich aus westlicher Sicht alles dreht. Eine weltweite verlässliche Energieversorgung für alle Menschen ist ein anderes. Welches ist wichtiger? Wir sollten wenigstens damit beginnen, ernsthaft darüber nachzudenken. Schon heute leiden angeblich Milliarden Menschen unter den Folgen des Klimawandels, hören wir immer wieder: Stürme, Hitze und andere Wetterextreme. Die Belege dafür sind von zweifelhafter Qualität. Eine andere Aussage lautet: Noch heute leiden vier Milliarden Menschen tagtäglich unter den Folgen unzureichender Energieversorgung. Diese Tatsache ist vollkommen unzweifelhaft und das Leiden ein vielfältiges. Energiearmut führt unmittelbar zu unzureichender Wohnqualität, Ernährung, Gesundheit, Bildung, Mobilität. Sie führt auch zu einer gering ausgeprägten Fähigkeit, sich vor Naturkatastrophen und Wetterextremen zu schützen. Und letztlich auch zu weniger Naturschutz. Wo achtmal so viel Land gebraucht wird, um die gleiche Menge Getreide zu erzeugen, und statt fossiler Energieträger Holz verheizt wird, braucht man sich über die Abholzung von Wäldern und den Rückgang der Artenvielfalt nicht zu wundern.

Ohne Frage sollten wir große Anstrengungen unternehmen, unsere Energieversorgung effizienter und umweltverträglicher zu gestalten. Wir dürfen aber das primäre Ziel nicht aus den Augen zu verlieren, die globale Energieversorgung massiv auszuweiten. Aus welchen Quellen kann der große Nachholbedarf Afrikas gedeckt werden? Der Anteil an Erneuerbaren am Primärenergieverbrauch beträgt heute in Afrika etwa 50 Prozent und wird hauptsächlich durch Brennholz gedeckt, in Asien (Nicht-OECD-Länder) und Südamerika sind es 30, in der EU und Deutschland etwa zehn und in den USA fünf Prozent. Die Richtung, die Afrika gehen muss, ist klar: weg von den alten Erneuerbaren, hin zu fossiler und Nuklearenergie und teilweise zu den neuen Erneuerbaren. Afrika hat größere Gasvorkommen als die USA, fördert aber nur ein Viertel so viel, wovon das meiste exportiert wird. Gas wird daher in den nächsten Jahrzehnten die dominante Rolle spielen. Nach den McKinsey-Prognosen wächst die Erzeugung aus Gas von 28 TWh (Terawattstunden) im Jahr 2010 auf 710 TWh in 2040, Kohle würde von 225 auf 371 ansteigen, Wasser von 92 auf 256, Solar von Null auf 127, wobei das Wachstum vor allem nach dem Jahr 2030 zu erwarten sei, wenn die Solarzellen  effizient genug geworden sein soll.

Beim Klimaschutz muss man der Realität ins Auge blicken. Die Vorstellung diverser Öko-Visionäre, zugunsten des Klimaschutzes den weltweiten Energieverbrauch auf dem heutigen Niveau zu halten oder gar zu senken, ist absurd und beinhaltet die klammheimliche Hoffnung, dass Afrika arm und unterentwickelt bleibt. Um bis zum Jahr 2035 die Energieverfügbarkeit pro Kopf weltweit auf das Niveau von Bulgarien zu bringen, wäre ein Anstieg um 88 Prozent nötig. Das hieße aber auch, dass wir in Deutschland auf bulgarisches Niveau absinken. Das fänden die meisten sicher nicht lustig. Um auf deutsches Niveau zu kommen, sind 200 Prozent Steigerung notwendig. Das ist noch weit entfernt vom US-Niveau (460 Prozent Zuwachs), aber doch recht ambitioniert. 20 Global gesehen müssen wir also verdoppeln oder verdreifachen. Ein nur moderater Anstieg wäre ein katastrophales Versagen. Unser Ziel kann es nicht sein, die Welt dadurch zu retten, dass ein Großteil der Menschen arm bleibt. Energiearmut kann nicht der Preis für Klimaschutz sein. Andere Lösungen sind erforderlich und werden durch den weiteren technischen Fortschritt auch zu finden sein.

Eine energiearme Welt ist auch eine kulturell arme Welt

Ein wichtiger Schritt für Afrika ist die Entwicklung einer modernen Landwirtschaft. Dazu gehören Traktoren, Erntemaschinen, Dünger, Bewässerung, Kühlhäuser, die erhebliche Mengen an Energie benötigen. Wie bei uns vor 50–100 Jahren werden sie zu einer elementaren Befreiung der Menschen führen und enorme neue Möglichkeiten eröffnen. Männer, Frauen und Kinder können sich, statt auf dem Feld zu ackern, der Bildung und der Entfaltung ihrer kreativen Möglichkeiten in privaten und geschäftlichen Aktivitäten aller Art widmen. Sie können der Gesellschaft, nicht anders als bei uns, als Industriearbeiter, Handwerker, Ärzte, Wissenschaftler, Ingenieure, Lehrer, Programmierer, Filmproduzenten, Künstler und so weiter zu Reichtum verhelfen, von dem alle profitieren. Ohne umfassende und schnell wachsende Energieversorgung können sie all das nur in weitaus geringerem Maße. Eine energiearme Welt ist auch eine kulturell arme Welt.

Wir brauchen im Energiesektor Innovation. Die findet vor allem dort statt, wo im großen Stil neue Energieerzeugungskapazität aufgebaut wird. Es ist also die Mission der Entwicklungs- und Schwellenländer, die Energiesysteme der Zukunft zu entwickeln, zu erproben und in großem Maßstab zu implementieren. China hat nicht nur die Führung in der Solarenergie übernommen, es ist auch das Land, in dem saubere Kohlekraftwerke und neue Typen von Kernreaktoren entwickelt werden, die die bei uns genutzte, ein halbes Jahrhundert alte Technologie in Hinblick auf Sicherheit und Effizienz weit übertreffen können.

Die vornehmste Aufgabe der entwickelten Länder ist es, Technologien und Know-how zur Verfügung zu stellen und in Projekte zum Aufbau einer effizienten Energieversorgung sowie einer modernen Landwirtschaft und Gesundheitsversorgung zu investieren. Der Rest wird sich auch in Afrika von allein entwickeln. Natürlich nicht ohne Fehler, Irrwege und Ungerechtigkeiten, aber letztlich zum Vorteil und zum Wohle von Hunderten von Millionen von Menschen. Menschen, die so leben wollen wie wir und denen niemand das Recht dazu absprechen kann.

Afrika ist im Aufbruch. In Afrika finden sich 9 der 15 wachstumsstärksten Nationen der Welt. Ein entscheidender Faktor für den Erfolg ist der schnelle, massive Ausbau der Energieversorgung mit all seinen positiven Auswirkungen, allen voran die, Hunderten von Millionen von Menschen die Chance zu geben, in produktiven Tätigkeiten ihr kreatives Potenzial zu entfalten.Was gut genug für Afrika ist, sollten wir daran messen, was gut genug für uns ist. Und gut genug für uns ist ohne Zweifel nur eine 100-prozentige Verfügbarkeit von Strom in beliebigen Mengen 24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr.

Thilo Spahl ist Ressortleiter Wissenschaft bei NovoArgumente wo dieser Beitrag zuerst erschien erschien (hier). Dort finden Sie auch eine umfangreiche Linkliste mit Quellenangaben und weiterreichenden Informationen.




Kohlenstoff-(halb-)Kreislauf und Kinder

Ich habe kürzlich für das EIKE einen Beitrag aus den USA übersetzt, in dem die Ergebnisse einer Umfrage unter Lehrern naturwissenschaftlicher Fächer an Schulen in den USA vorgestellt werden. Das hat mich auf die Idee gebracht, einmal darüber nachzudenken, ob man nicht doch die (Nicht-)Zusammenhänge mit CO2 und Klima so einfach darstellen kann, dass auch Kinder im Grundschulalter sie verstehen. Tatsächlich habe ich mir einen solchen Gedankengang ausgedacht, den ich mal hier vorstellen möchte. Er richtet sich auch an alle Gläubigen des Klima-CO2-Dogmas, die mir mal erklären müssten, was an dem Gedankengang nicht stimmt.

Also möchte ich jetzt mal so tun, als stünde ich vor einer Klasse interessierter Kinder. Da an vielen Grundschulen die CO2-Problematik ein Thema war, gehe ich davon aus, dass die Kinder zumindest schon davon gehört haben, und was für ein „gefährlicher“ Stoff dieses CO2 ist. Er steckt im Benzin, in Kohle und Erdöl.

Diese Stoffe stecken ja im Boden und müssen von dort gefördert werden. Es gibt Kampagnen, denen zufolge man „das CO2 im Boden lassen sollte“.

Erste Frage: Wie kam das überhaupt CO2 in den Boden?

Antwort: Die fossilen Reserven sind ja das Ergebnis von zerfallenen prähistorischen Pflanzen, die mittels komplizierter Prozesse im Boden zu diesen Stoffen geworden sind. Kurz, das CO2 ist also in Gestalt dieser Pflanzen in den Boden gelangt. Daraus folgt die

zweite Frage: Wo aber haben die Pflanzen zu ihren Lebzeiten das CO2 hergenommen?

Antwort: Aus der Luft natürlich! Ohne CO2 können Pflanzen nun einmal nicht existieren.

Fazit: Es muss also in grauer Vorzeit, vor der Entwicklung der Flora, ein gigantischer CO2-Vorrat in der Luft gewesen sein, sicher die zehnfache Menge des heutigen Gehaltes. Sonst hätten sich die Pflanzen ja nicht entwickeln können, oder? Und daraus ergibt sich die

dritte Frage: Heute heißt es ja, dass die Erde und damit wir alle schon bei einer Verdoppelung des heutigen CO2-Gehaltes der Luft (was wir nie erreichen können) den Hitzetod sterben würde. Komisch – als damals die zehnfache Menge CO2 in der Luft enthalten war, ist die Erde nicht den Hitzetod gestorben, sondern das Leben ist explodiert.

Wie passt das zusammen?

Zusammenfassung:

● CO2 kam durch Pflanzen aus der Luft in den Boden.

● Die Pflanzen haben dieses CO2 seinerzeit der Luft entnommen.

● Der CO2-Gehalt der Luft war zu jener Zeit mindestens zehnmal so hoch wie heute.

● Die Erde ist damals keineswegs den Hitzetod gestorben, sondern das Gegenteil war der Fall.

● Warum sollte dann die Erde heute den Hitzetod sterben bei einem nur zweimal so hohen Gehalt wie heute?!

Man sieht, die Natur hat etwas gemacht, dass heute angeblich den Menschen vorbehalten sein soll: Sie hat sich selbst weitgehend dekarbonisiert. Dieser Prozess der natürlichen Dekarbonisierung ist natürlich weiterhin im Gange, und irgendwann hätte sich die Natur selbst den Ast abgesägt, auf dem sie sitzt.

Und deswegen steht auch in der Überschrift „Kohlenstoff-(halb-)Kreislauf: Den Kindern wird nur beigebracht, wie das CO2 aus dem Boden die Luft „verpestet“. Wie es dort hinein gekommen ist, wurden meines Wissens dagegen noch nie gelehrt, weder Kindern noch Erwachsenen.

Wenn man sich das alles vor Augen führt, ist es dann nicht ein Verbrechen gegen das Leben schlechthin, wenn wir der Natur und dem Leben diesen Stoff NICHT zurückgeben, obwohl wir dazu in der Lage sind?

Schlussbemerkung: Noch viel mehr Kohlenstoff als in den fossilen Quellen ist ja in den gewaltigen Massen von Kalkstein und Schiefer gebunden. Dieser Kohlenstoff war ja auch mal in der Luft, ist aber jetzt auf absehbare Zeit für immer der Natur entzogen!

Dieser Beitrag steht hier auch auf meiner Website und ist eine Ergänzung zu einem früheren Beitrag ebenda. Man kann dort auch kommentieren. Außerdem möchte ich mir vorbehalten, gute Kommentare zu diesem Beitrag auf dieser Website unter meinen Beitrag auf meiner Website zu setzen.

© Chris Frey April 2016




Mein Tschernobyl

Vor kurzem war ich im Kernkraftwerk Grohnde im Weserbergland auf der Warte dabei, während der Block zur Revision abgefahren wurde. Der Abfahrplan eines Leistungskernkraftwerks zieht sich über mehrere Tage hin, aber die erste Spät- und Nachtschicht ist immer die spannendste – Stunden voller Konzentration und intensiver Arbeit, in denen sich in der Regel über zwanzig Leute gleichzeitig im Raum aufhalten und an unterschiedlichen Stellen parallel arbeiten, beim Abfahren der Systeme und bei Tests und Wiederkehrenden Prüfungen (WKP), die nur unter diesen Transienten und in diesem Anlagenzustand durchgeführt werden können.

Kernkraftwerk Tschernobyl, Blöcke 3 und 4 (links), von Süden aus gesehen. Fotografiert 10 Tage vor dem Unfall von Elektromonteur Ivan Zholud.


Mitten in dieser Situation, irgendwann nach ein Uhr nachts – der Generator war planmäßig kurz nach Mitternacht vom Netz getrennt, die Turbine abgeschaltet, der Reaktor abgefahren und bei geringer Leistung von Hand schnellabgeschaltet worden – dachte ich plötzlich an Tschernobyl: »Es ist April, es sind die ersten warmen Tage des Jahres, es ist eine Nacht von Freitag auf Samstag, wir fahren einen Kernreaktor zur Revision ab, und führen Testprogramme durch. Es ist fast dieselbe Stunde, als es geschah.«

Um ungefähr zwei Uhr verließ ich die Warte und ging vor das Reaktorgebäude, unter die Armaturenkammer, weil ich die Tests der Frischdampf-Sicherheitsventile von außen beobachten wollte. Es war stockfinster, windstill und kalt, und ich erschrak fast, als der Dampf mit 80 bar Druck und lautem Fauchen in den Nachthimmel abgeblasen wurde. Die Momente sind selten, in denen man mit den eigenen Sinnen, nicht nur vermittelt durch Messgeräte und Anzeigen, erfassen kann, welche Energien in einem Kernreaktor umgesetzt werden. Dies war so ein Moment. Ich dachte daran, dass auch damals in Tschernobyl viele Leute nach ihrer eigenen Schicht wegen des Abfahrens und der Tests im Kraftwerk geblieben waren, auch wenn sie selbst keine Arbeitsaufgaben hatten. Sie wollten bei den seltenen Prozeduren dabei sein und die geschäftige Spannung auf der Warte miterleben, und sie wollten dabei etwas lernen.

Der Unfall als Grenzerfahrung

Damit enden die technischen Parallelen zwischen der Druckwasserreaktor-Anlage Grohnde und dem grafitmoderierten Druckröhren-Siedewasserreaktor RBMK 1000 im Block 4 des KKW Tschernobyl – einer der Tests, die in Tschernobyl in der Abfahrnacht durchgeführt wurden, endete in einem Reaktivitätsstörfall mit prompt-kritischer Leistungsexkursion und der Totalzerstörung der Anlage. Und in den folgenden Momenten war die elementare Erfahrung der Beteiligten, dass sie zunächst ihren Messgeräten und selbst den eigenen Sinnen nicht trauen wollten. Was die Messgeräte anzeigten, erschien zu schrecklich, um wahr sein zu können – die Strahlungswerte jenseits der Skala, die Steuerstäbe auf der Hälfte des Reaktorkerns steckengeblieben, viele Anzeigen erloschen und auf Null gefahren.

Hinzu traten die Sinneserfahrungen, die das Ausmaß des Unglücks schließlich ins Bewusstsein vordringen ließen – die durch Verbrühungen und Strahlung tödlich Verletzten, die während der Arbeiten zur Eingrenzung des Unglücks buchstäblich umfielen vor Schmerzen und Erschöpfung; die Trümmer in den Betriebsräumen, das Grafit unter den Schuhsohlen draußen vor dem Block, das sinnlos aus abgerissenen Leitungen auf die Ruine fließende Wasser, der himbeerrote Schein am Abend des Unfalltages, als Brände im zerstörten Reaktorgebäude wüteten. Die Sinne erfassten bald das Ausmaß des Unglücks, wie die Augenzeugen berichten – der Geist brauchte lange, um den Schock zu verarbeiten, und zu begreifen, was da eigentlich schiefgelaufen war. Der Schock von Tschernobyl war für die sowjetische, später russische und ukrainische Atomindustrie der Beginn eines schmerz- und verlustreichen Transformations- und Umdenkprozesses, der sich über Jahrzehnte hinzog.

»Mein« Tschernobyl

Trotzdem sind Tschernobyl und Grohnde für mich mit einem unsichtbaren Faden verbunden. Nicht nur, dass Grohndes vorzeitiges Ende, besiegelt durch den deutschen Atomausstieg, zwar direkt auf die Ereignisse von Fukushima, indirekt aber auch auf jene von Tschernobyl zurückgeht, weil sich bereits damals die deutsche Atomangst und -kritik formierte und die Diskurse eroberte. Sondern auch, weil für mich selbst aus Tschernobyl auf verschlungenen Wegen, und im Nachhinein einer strengen Logik folgend, auch Grohnde folgte.

Gäbe mir eine wunderbare Macht einen Wunsch frei, dann würde ich mir das Heile und das Ganze für Tschernobyl zurückerbitten, so wie es auf dem Foto zu sehen ist – dem letzten Foto, das die Anlage Tschernobyl 3 und 4 in unbeschädigtem Zustand zeigt, zehn Tage vor dem Unfall. Ich würde es mir wünschen, und damit die Entscheidung fällen, dass auch mein eigenes Leben anders verlaufen wäre. Stephen King hat dieses Thema der potenziellen Lebensweg-Parallelen in seinem Meisterwerk »Der Anschlag« verarbeitet. Mein Leben, wenn ich es mir als Teilchen auf seiner Flugbahn vorstelle, hat durch den Zusammenstoß mit dem energiereichen Teilchen von Tschernobyl einen Impuls und eine wesentliche Richtungsänderung erfahren.

1986 war ich auf einem genuin westeuropäischen Lebensweg unterwegs, mit Studienplänen in Frankreich und Forschungsinteressen in der Geschichte der Sozialdemokratie – und einem nach wie vor regen Interesse an Technik und Naturwissenschaften, das mich auch eine Zeitlang hatte zögern lassen, ob ich überhaupt Historikerin werden wollte. Mitten auf diesen Lebensweg fiel wie ein eiserner Meteorit aus heiterem Himmel das Ereignis von Tschernobyl, das mir schlaglichtartig klar machte, dass es östlich von uns Menschen, politische Verhältnisse, technische Systeme gibt, von denen wir nichts wussten oder nichts wissen konnten, da alles hinter dem Eisernen Vorhang verborgen war.

Aber das war nicht sofort so. Meine erste Konfrontation mit Tschernobyl war sonderbar. Ich erinnere mich an meinen ersten Gedanken beim Anblick des ersten Fotos des zerstörten Kraftwerksblocks – wie ich später erfuhr, eins der Schadensaufnahmefotos des Kraftwerksfotografen, aufgenommen aus gut 800 Meter Entfernung. Mein erster Gedanke kam mir irgendwie fehl am Platze vor, weil alle um mich sehr betroffen waren und, es muss der 30. April oder 1. Mai gewesen sein, die Strahlenängste im eigenen Land schon Fahrt aufnahmen.

Gleichwohl konnte ich ihn nicht verhindern, den ersten, überhaupt nicht angemessenen Gedanken. Ich dachte: »Sonderbar, so sieht also dort ein Kernkraftwerk aus. Kann so ein Kernkraftwerk aussehen?« Ich dachte an die weißen Kuppeln der westdeutschen Anlagen, die ich auf Bildern oder beim seltenen Vorbeifahren gesehen hatte. Ich wusste mehr von der Kernenergie als meine Altersgenossen, weil ich schon als Kind gerne Bücher über Technik gelesen hatte. Mein erster Reaktor war der plutoniumproduzierende Uran-Grafit-Reaktor von Professor Bienlein/Tournesol im Tim-und-Struppi-Band »Reiseziel Mond«, der friedlichen Raketenbrenstoff herstellte und in mir im Alter von acht Jahren das Fundament einer Grundsympathie für solche Anlagen gelegt hatte. Diese stand in einem gewissen Spannungsverhältnis zu meinem halbwüchsigen linken Engagement, zu dem irgendwie unhinterfragt gehörte, auch gegen Atomkraft zu sein.

Auf den ersten Bildern von Tschernobyl sah ich ein Industriegebäude, das mich an jene erinnerte, wie ich sie vorher mal auf den Fotos der von mir verehrten Fotografen Bernd und Hilla Becher gesehen hatte, kantig und streng symmetrisch, mit einem Abluftkamin, den ein konstruktivistisches Stahlskelett umgab, eine echte Landmarke. Aber dem Doppelreaktorblock war infolge der Zerstörungen seine Symmetrie abhanden gekommen. Das war mein erster Gedanke, das etwas einst Markantes und in seiner industriellen Kantigkeit und Schnoddrigkeit Schönes nun zerstört sei, und ich schämte mich ein wenig, dass ich daran und nicht an die Strahlungsbelastung dachte.

Mein Weg nach Osteuropa

  

Bild und rechts oben: Anna Veronika Wendland als Studentin zu Gast im Kernkraftwerk Tschernobyl, 02.10.1991.

Mein zweiter Gedanke, an den ich mich erinnere, war: Wenn die Folgen sogar bei uns im Rheinland zu messen sind – was muss dann erst vor Ort los sein? Und damit war geschehen, was mein Leben in eine andere Bahn lenkte. Inmitten der deutschen Diskussionen um Salat, Milch, Grenzwerte und Kinderspielplätze ließ mich der Gedanke nicht mehr los: Was ist dort los? Ich begann den deutschen Sendedienst von Radio Moskau zu hören. Ich bestellte mir die Moskovskie novosti auf Deutsch. Ich fing an, Russisch zu lernen. Ich sammelte wie verrückt alles, was ich bekommen konnnte über Tschernobyl. Nach einem Jahr endete das in einem Studienfachwechsel hin zur Geschichte Osteuropas. Und nach drei Jahren in einem Studienplatzwechsel. Ich ging 1989 für ein Jahr in die Sowjetunion, verpasste den Mauerfall und verbrauchte in meinem Kiewer Studentenwohnheim Atomstrom aus Tschernobyl – dessen drei verbliebene Blöcke längst wieder in Betrieb waren.

Fünf Jahre nach dem Unfall war ich zum ersten Mal im KKW Tschernobyl und in der verlassenen Stadt Prypjat, mitgenommen von Bekannten, die dort arbeiteten. Zehn Jahre nach dem Unfall heiratete ich meinem ukrainischen Freund, den ich im Kiewer Wohnheim kennengelernt hatte, und der mir erzählt hatte, wie es im Mai 1986 in Kiew gewesen war, als die Stadt sich spontan selbst evakuierte, ohne auf die Direktiven der Partei zu hören, als sich auf den Bahnhöfen tumultartige Szenen abspielten und sich die Verbliebenen mit feuchten Lappen vor den Wohnungen und Rotwein im Magen die Radionuklide vom Leib zu halten versuchten. Der Vater meines Mannes war häufig in Prypjat gewesen, denn das KKW war »Patenbetrieb« des Kiewer Schriftstellerverbandes, wo mein Schwiegervater arbeitete. Und so kannte man Leute, die Leute kannten, die besser wussten, was im Kraftwerk los war.

Trotzdem hat es danach ein Vierteljahrhundert gebraucht, bis ich mich als Historikerin, als Forscherin an das Thema heranwagte, das mich so lange begleitet und nie losgelassen hatte. Ich wachte eifersüchtig über »mein« Tschernobyl. Die meisten deutschen Publikationen darüber reizten und ärgerten mich, weil ich sie für oberflächlich, landesunkundig, sensationshungrig und voreingenommen hielt. Es bereitete mir fast körperlichen Schmerz, sie zu lesen. Ich wollte es irgendwann bessser machen, wusste aber nicht, wie. Ich hatte die Möglichkeit, Russisch und Ukrainisch zu lesen, und verschlang, was ich kriegen konnte, von den beeindruckenden semidokumentarischen Texten der späteren Nobelpreisträgerin Svetlana Aleksijewitsch und den Tschernobyler Heften des Atomingenieurs Georgij Medvedev, der die Ereignisse im Kraftwerk rekonstruiert hatte, bis hin zu den kleinen Broschüren unbekannter Liquidatoren. Aber auch in diesen Büchern fand ich nicht, was ich auch immer suchte, nämlich die Antwort auf meine Frage, wie es eigentlich vor dem Unfall gewesen sei in Tschernobyl und in Prypjat.

Kernenergetische Lebenswelten: Ein Forschungsprojekt entsteht

Als ich persönlich mit Menschen in Kontakt kam, die dort gelebt hatten, an diesem Ground Zero der deutschen Risikogesellschafts- und anthropologischer Schock-Konstrukte, war ich zunächst irritiert und verwundert, denn mir schien, dass diese Leute nicht aussahen und sich benahmen, wie ich das von Tschernobyl-Opfern erwartet hätte. Sie hegten keinen Groll gegen die Kernenergie – wohl aber gegen jene, die die Kerntechnik in der Sowjetunion so auf den Hund gebracht hatten, dass Tschernobyl hatte passieren können. Sie sprachen mit Wärme und Liebe von ihrer Stadt Prypjat und ihrer Arbeit im Atomkraftwerk: Dinge, die in Deutschland nur Abscheu auslösen konnten. Eine sozialistische Plattenbaustadt, wie hässlich. Ein Atomkraftwerk, wie gefährlich und zudem noch hässlich. Jeden Tag der Blick vom Plattenbau-Balkon auf das Atomkraftwerk. Unmöglich.

Dem Lebensgefühl, welches das Leben in Prypjat nicht für das falsche Leben im Falschen hielt, wollte ich auf den Grund gehen. Die Antwort auf die Frage fand ich nicht in der fast unermesslichen Tschernobyl-Literatur, schon gar nicht in der deutschen. Und das wurde zum Ausgangspunkt meines späteren Projektes über die Lebenswelt der Atomstädte, das sich aber inzwischen ausgeweitet hat zu einem Projekt über die Arbeitswelt der Kernkraftwerke in Ost und West und die Entstehung und Transformation, aber auch die Krisen nuklearer Sicherheitskulturen, und ihre konkrete Ausgestaltung in der Mikrobeziehung zwischen Menschen und Maschinen.

Ich lernte rasch, dass ich, um diese Welt aus Menschen und kerntechnischen Maschinen und soziopolitischen Verflechtungen zu verstehen, mich mit ihr konfrontieren musste – und konfrontieren heißt mitleben und mitarbeiten. Diese Erkenntnis führte mich schließlich als Langzeit-Beobachterin ins ukrainische Kernkraftwerk Rivne und in die Atomstadt Kuznecovsk, mit dem Atomkraftwerk vor dem Plattenbau-Küchenfenster und sechs Kühlturmfahnen im Himmel; ins litauische Ignalina, wo ich den »Tschernobyl-Reaktor« RBMK erst richtig technologisch und im Maßstab 1:1 kennenlernte; und in die deutschen KKW Grafenrheinfeld und Grohnde, die mir nach der gigantischen Anlage in der Ukraine wie mittelständische Betriebe vorkamen, die in ländlichen Regionen ganz ohne Atomstadt auskamen und wo ich im Fachwerkbauernhaus übernachtete.

Lernprozesse

Historisch arbeiten im Kontrollbereich: Als Forscherin in den Kernkraftwerken Rivne (Ukraine) und Grohnde (Deutschland), 2015 – 2016

Meine Forschung führte aber vor allem in Bekanntschaften, auch Freundschaften mit Menschen, ohne deren Fürsprache, Rat und genaugenommen sogar Ausbildung ich nichts hätte bewerkstelligen können. Was für mich vorher die Osteuropa-Kapazitäten Andreas Kappeler, Manfred Alexander oder Gerhard Simon gewesen waren, also Hochschullehrer im besten Wortsinne, wurden jetzt die Ingenieure, Schichtleiter, Reaktorfahrer, Chemiker, Elektriker, Armaturenschlosser und Anlagenwärter, die meinen Weg kreuzten – oder, genaugenommen, deren Weg ich kreuzte. Mit denen ich zur Schicht ging und zur Revision, unter Atemschutz schwitzte und unter riesigen Anlagenlüftern fror; mit denen ich durch die Ausrüstung kletterte, die ich bei Aufschreibungen begleitete und die mir tausende von Fragen beantworten, mich in ihre Betriebshandbücher und Schichtbücher schauen ließen; die mir beibrachten, wie ich einen Leitstand »lesen« muss und wie den kerntechnischen Jargon mit seinen Tausenden von Buchstaben-Zahlen-Chiffren; wie man am Ton einer Pumpe erkennt, ob sie sauber läuft; die mich in Tricks, Kniffen und informellem Wissen unterrichteten – und die mir zeigten, wie ich mich in dem labyrinthischen Innenleben eines Kernkraftwerks orientiere und wie ich mich in radiologisch »heißen« Umgebungen bewegen und benehmen muss. Ich fing mit Mitte 40 noch mal neu an zu lernen, als Quasi-Werkspraktikant zwischen Rivne und Grohnde. Diesen Leuten aus der Atomindustrie in der Ukraine, Litauen und Deutschland verdanke ich, neben der jahrelangen Lektüre der Fachliteratur, meine heutige Expertise – die keine kerntechnische ist, sondern eine historische, welche kerntechnisch informiert ist, und auf deren Grundlage ich in bestimmten Grenzen Aussagen über die Kernenergie und die für sie typischen Mensch-Technik-Beziehungen machen kann.

So gesehen ist Tschernobyl ein archimedischer Punkt in meinem eigenen Leben – als Wissenschaftlerin, als Familienmensch, als Zoon politikon, das sich in Debatten einmischt, ob über die Ukraine oder über die Kernenergie. Meine Wissenswege enden, wenn ich sie zurücklaufe, in der Zone von Tschernobyl und schließlich vor dem historisch, menschlich und technisch unermesslichen Massiv von Block vier.

Und daher ist der 26. April für mich genauso wichtig ist wie mein Geburtstag und die Geburtstage meiner Liebsten. Mein Forschungsbeitrag zum Nachleben dieses Tages ist einer unter vielen, und er ist wenig im Vergleich zu dem Anteil, den andere an diesem Geschehen haben – vor allem diejenigen, die dort ihr Leben riskierten, um Schlimmeres zu verhindern, und die sich unermesslichen Qualen aussetzten.

Tschernobyl: Entscheider in der Zwangsjacke der Verhältnisse

Zu ihnen gehören viele der Kernkraftwerksbeschäftigten, die noch auf dem Sterbebett von Ermittlern drangsaliert und in den Jahren nach dem Unfall durch den Dreck gezogen wurden, weil die Propaganda, die das System zu schützen hatte, das Personal als Alleinschuldige hinstellte und andere ungeschoren ließ: die hochmögenden Akademiemitglieder, die den Reaktor konstruiert hatten, und die Parteibonzen, die Produktionserfolge über alles stellten und daher ungeheuren Druck auf die Leitungsebenen der KKW ausübten. Diese waren zum Erfolg verdammt – und gaben den Druck an ihre Mitarbeiter weiter. Fehlerdiskussion, eine Grundhaltung des Nachfragens und eine Kultur der Wissensweitergabe über Betriebsereignisse – lebensnotwendige Dinge in der Kerntechnik – waren in dieser Atmosphäre nur unter großen Schwierigkeiten möglich – und unter Einsatz allen Mutes, der jemandem eben gegeben war. Womöglich war er manchen weniger gegeben, weil man wusste, dass der Werks-KGB jedem das Leben zur Hölle machte, der sich einen Fehler zuschulden kommen ließ.

Am Ende der Befehlskette saßen Menschen wie der Schichtleiter Sascha Akimov und sein junger Reaktorfahrer Ljonja Toptunov, die am Leitstand ihre Entscheidungen fällen mussten – in der Weltminute waren sie allein damit, und mit dem Vorgesetzten, der sie antrieb. Es waren nach Aussagen ihrer Kollegen gewissenhafte, hervorragend ausgebildete Ingenieure. Sie liefen den Umständen ins Messer, so wie sie damals waren, in einer schicksalhaften Verknüpfung von menschlichen Fehleinschätzungen über den Charakter der vertrauten Anlage, von der spezifischen Reaktorphysik und dem Abbrand des Kerns mit den Auslegungsspezifika des Abschaltsystems. Von sozialen mit politischen Einflusslinien, von einer ökonomisch motivierten Lastverteiler-Entscheidung, die zur Verschiebung des Tests und somit zur Verwicklung ganz anderer Menschen als ursprünglich geplant führte, mit einem Leistungseinbruch, der den Reaktor erst in jenen instabilen Zustand bei geringer Leistung brachte, welcher die notwendige Rahmenbedingung für den weiteren Unfallablauf darstellte. Es war nicht Ljonja, der mit Auslösen der Schnellabschaltung die Anlage in die Katastrophe trieb, sondern dieses hochkomplexe und in einem diskreten historischen Moment labile System aus Menschen, Maschinen und soziopolitischem Regime, das in der Nacht des 26. April kollabierte.

Deshalb wiederhole ich mich womöglich jedes Jahr. »In memoriam 26.04.1986« schrieb ich vor einem Jahr auf Facebook in ukrainischer Sprache, »… und weil wir an Erinnerungstagen uns an unsere Nächsten erinnern, wie sie im Leben waren, zeige ich euch ein Foto vom Kernkraftwerk Tschernobyl, wie es aussah, als es lebendig und ganz war, am 17. April 1986«, fotografiert von Ivan Zholud, der zu der Zeit dort als Elektromonteur arbeitete und extra auf einen Mast kletterte, um »sein« Kraftwerk abzulichten, ein stolzes weißes Dampfschiff am Horizont einer technischen Landschaft. Block 4 ist das Gebäude links vom Abluftschornstein. Die Symmetrie ist für immer zerstört, aber die Erinnerung und die Ehrung der Opfer kann sie wenigstens geistig und sozial wieder herstellen. Daher erinnere ich zum 30. Jahrestag, wie in jedem Jahr, an jene, die dort davor und danach gearbeitet haben – die, welche unter uns sind, und jene, die nicht mehr da sind.

Dieser Beitrag ist zuerst erschienen bei Nuklearia hier 

Dr. Anna Veronika Wendland ist Nuklearia-Mitglied und forscht zur Geschichte und Gegenwart nuklearer Sicherheitskulturen in Ost- und Westeuropa. Für ihre Habilitationsschrift hat sie in mehreren Kernkraftwerken in der Ukraine, Litauen und Deutschland, zuletzt in den KKW Grafenrheinfeld und Grohnde, Forschungsaufenthalte durchgeführt. Dr. Wendland arbeitet in der Direktion des Herder-Instituts für historische Ostmitteleuropaforschung in Marburg. Sie leitet Arbeitsgruppen im Bereich Technik-, Umwelt- und Sicherheitsgeschichte, u.a. im Sonderforschungsbereich SFB-TRR 138 »Dynamiken der Sicherheit«.




Beim Thema Klima werden wir trickreich manipuliert

Das Ereignis setzte dem Wall Street Journal zufolge „einen Prozess in Gang, die Auswirkung der globalen Erwärmung zu dämpfen“. In der International Business Times hieß es: „es war der jüngste in einer Reihe von Schritten, die globalen Bemühungen in ein echtes Werkzeug zu transformieren, mit dem man Treibhausgas-Emissionen bekämpfen und saubererer Energie einen Schub verleihen könnte“. Newsweek berichtete: „Die Staatslenker akzeptierten die Wissenschaft vom Klimawandel und haben beschlossen, zusammen etwas dagegen zu tun“.

Vielleicht haben die „Staatslenker“ mit ihrer Unterschrift die „Wissenschaft akzeptiert“, aber man lese, was individuelle Personen zu den oben erwähnten Geschichten zu sagen haben, und man wird sehen, dass es immer noch sehr viele Diskussionen hinsichtlich globaler Erwärmung gibt – oder war es globale Abkühlung, oder vielleicht sollten wir es einfach nur Klimawandel nennen. Was immer es ist, die Alarmisten sagen, dass es dringend ist.

Auf dem Earth Day-Treffen erklärte UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon: „Wir stehen im Wettlauf mit der Zeit“.

Wie allerdings der neue Film Climate Hustle eindeutig zeigt, haben Klimaalarmisten derartige Proklamationen schon seit Jahrzehnten ausgestoßen.

Der Film, der am 2. Mai in den gesamten USA in die Kinos kommt, beginnt mit Clips zahlreicher derartiger Behauptungen seitens der Nachrichtenmedien und, wie könnte es anders sein, Vizepräsident Al Gore.

Marc Morano, Moderator der Dokumentation, stellt zu Beginn fest: „Wir hören immer wieder, dass die Zeit der Debatten vorbei ist“ und sprach dann das oftmals bemühte Narrativ an, dass „97 von 100 Wissenschaftlern darin übereinstimmen, dass der Klimawandel real ist“. Climate Hustle räumt dann mit beiden Behauptungen auf – und auch vielen Weiteren (einschließlich der Frage, ob CO2 „der Schurke“ ist oder nicht).

Mit einer Prise Humor und einem Vergleich mit einem Hütchenspiel vergleicht Morano die Krise mit Taschenspielertricks; ein Climate Hustle. Er sagt: „Wenn man Sie drängt mitzuspielen, nämlich bei dem Spiel derjenigen, die eine katastrophale Zukunft infolge der globalen Erwärmung prophezeien, lassen sich diese nicht in die Karten schauen, es ist ein Trick“. Der Film legt die Karten offen, so dass der Zuschauer selbst erkennen kann, ob sie „ehrlich oder mit gezinkten Karten spielen“.

Climate Hustle hat die Historie des Klima-Alarmismus zum Thema. Morano fragt: „Wie hat sich der vermeintliche Klima-Konsens mit der Zeit verändert?“ Während sich viele von uns an einige der „wilden Behauptungen“ erinnern dürften, stellt Climate Hustle diese allesamt zusammen – und die Aufeinanderfolge derselben sollte alle des Denkens fähigen Menschen in die Lage versetzen zu hinterfragen, was uns heutzutage erzählt wird. Zum Beispiel hat Leonard Nimoy im Jahre 1978 verkündet: „Die nächste Eiszeit ist im Anzug“. Er prophezeite „beispiellosen“ Hunger und Todesfälle. Im Jahre 1972 warnte der angesehene Nachrichtensprecher Walter Cronkite: „Eine neue Eiszeit schleicht sich über die Nordhemisphäre“.

[Der Übersetzer hielt sich zu jener Zeit in den USA auf und weiß, dass damals viele Menschen davon sprachen. Es war nicht die einzige diesbezügliche Bemerkung von Cronkite, einer echten „alten, grauen Eminenz“ der Nachrichtenlandschaft, den jedermann sich als Opa gewünscht hätte. Anm. d. Übers.]

In dem Film kommt sogar einer von den Gründungsvätern der USA zu Wort, der sich besorgt über Klimawandel äußerte. Thomas Jefferson schrieb seinerzeit: „Eine Änderung unseres Klimas ist im Gange“. Dann, im Jahre 1817, sprach der Präsident der UK Royal Society Joseph Banks das schmelzende Polareis an. Es ist zu bezweifeln, dass die Bedenken beider Persönlichkeiten die Folge des Verbrauches fossiler Treibstoffe waren.

Im Jahre 1988 glitt die globale Abkühlung der siebziger Jahre in die globale Erwärmung ab. Mit Hilfe von „schauspielerischem Können“ wurde am heißesten Tag des Jahres eine Anhörung im Capitol Hill angesetzt, bei der sich James Hansen mit hochgezogenen Augenbrauen über die Dringlichkeit der globalen Erwärmung ausließ.

Immer wieder wurden wir während der letzten Jahrzehnte mit düsteren Prophezeiungen bombardiert unter der Prämisse „die Zeit läuft aus“. Im Jahre 1989 prophezeiten die UN „die globale Erwärmung würde bis zum Jahr 2000 ganze Nationen auslöschen“. Im Jahre 2007 machte man uns weis: „Wissenschaftler glauben, dass uns weniger als zehn Jahre verbleiben, um die Emissionen unter Kontrolle zu bringen und eine Katastrophe zu verhindern“. Im Jahre 2008 sagte Prinz Charles, dass uns nur noch 100 Monate bleiben, um das Problem zu lösen. Im Jahre 2009 tönte Al Gore: „Wir müssen es dieses Jahr tun“. Und dennoch, wie der Film zeigt, wollen die Wissenschaftler nicht über ihre falschen Prophezeiungen reden.

Inzwischen werden Wissenschaftler, die mit den „Führern“ nicht übereinstimmen, von Konsorten wie Robert F. Kennedy Jr. des „Hochverrats“ angeklagt.Er möchte sie „im Gefängnis“ sehen.

Ja, wie Climate Hustle eindeutig klarstellt, gibt es abweichende Wissenschaftler – aber diese werden marginalisiert und sogar als „Spinner“ bezeichnet. Falls sie sich zu Wort melden, werden sie beleidigt, ignoriert, lächerlich gemacht, geächtet, Häretiker genannt, professionell geschädigt und sogar für abweichende Standpunkte gefeuert. Dies ist nicht die wissenschaftliche Methode.

Und trotz dieser Behandlung von der Art, wie man mit „Hexen“ im 17. Jahrhundert umgegangen ist, sichten viele Wissenschaftler noch einmal die Beweise und ändern ihre Haltung – wobei sie sogar ihre ehemaligen An sichten als „einen ziemlich großen Fehler“ betrachten.

Climate Hustle spricht viele der Punkte an, die wir als Verteidigung der Ansichten der Unterzeichner des Pariser Klimaabkommens hören, einschließlich Eisbären und des arktischen Meereises, Hurrikanen und Tornados. Es werden die betrügerischen Modelle und der „Stillstand“ erklärt. Das Gemeine Gürteltier wurde als Beweis sowohl für globale Erwärmung als auch für globale Abkühlung angekündigt.

Indem zwischen dramatischen Behauptungen und wissenschaftlichen Tatsachen hin und her gesprungen wird, hilft Climate Hustle den denkenden Menschen, hinter die Angsterzeugung des gegenwärtigen Klimawandel-Narrativs zu schauen und die Beweise für die globale Erwärmung selbst zu begutachten.

In dem Film kommt der bekannte schwedische Meeresspiegel-Experte und Klimatologe Bils-Axel Mörner zu der Schlussfolgerung: „Geologische Fakten sind die eine Seite, Lobbyismus und Modelle sind die andere Seite“.

{Freie Übersetzung des letzten Satzes: Wir müssen jetzt sehen, ob, wann und wo der Film Climate Hustle hier in Deutschland gezeigt wird – wenn überhaupt.}

The author of [Energy Freedom][9], Marita Noon serves as the executive director for Energy Makes America Great Inc. and the companion educational organization, the Citizens’ Alliance for Responsible Energy (CARE). She hosts a weekly radio program: America’s Voice for Energy—which expands on the content of her weekly column.

Link: http://oilpro.com/post/24006/climate-were-manipulated-sleight-hand

Übersetzt von Chris Frey EIKE